Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die .Resolution nicht anzunehmen, gegen die Stimmen der gesamten Linken ab gelehnt. 7 ' ,< Hieraus ergreift der Antisemit Raab nochmals das Wort und wiederholt, seine am Samstag vorgebrachten Anschauungen, allerdings in sehr gemilderter Form. Er erklärt: Christliche Soldaten soll man Nicht jüdischen Vorgesetzten unterstellen. . Nerv UorKer Krirf. New-Aork, 12. Februar 1911. Geehrter Herr Doktor! Nun können wir New-Iorker Juden wieder erleichtert aufötmeii. Wir können also doch sorgenlos dem Pessachfeste mit seinetr Mazzoth emgegensehen. Um Haaresbreite wäre es zu einem Streik der Mazzothbäcker gekommen. Und hätten sich nicht in allerletzter Minute die Arbeiter zu einem Ausgleich mit ihren Meistern bewegen lassen, es wäre den gläubigen Juden nichts anderes übrig geblieben, als gleich ihren Vorfahren beim Auszüge aus Aegypten die ungesäuerten Brode selbst zu erzeugen. New-Aork steht jetzt im Zeichen des Streikes. Ein Streik löst den anderen ab. Und daß die Folgen eines Ausstandes in einer Fabriksstadl gleich New-Iork, wo die Arbeiterschaft vortrefflich organisiert ist, weittragender sind, wird wohl jeder verstehen. Kein Wunder, wenn die Mazzothbäcker, deren Lage bei dem kleinen Lohn und bei der langen Arbeitzseit eine sehr traurige war, die günstige Gelegenheit — das Herannaheu des Pessachsestes — ergriffen und ihren Arbeitsgebern im Falle der Weigerung ihrer Wünsche mit einem Streike drohten. Da die Bäcker aus ihre Forderungen nicht entgehen wollten, tratet! die Arbeiter in den Ausstand. Nach laugen Verhandlungen kam nun ein Ausgleich, den die hiesigen Rabbiner als Schiedsrichter vermittelt haben, zustande. Die Fabriksherren haben sich mit einer neunstündigen Arbeitszeit einverstanden erklärt und sich verpflichtet, für Ueberzeit außer dem festgesetzten Lohn noch die Hälfte des Betrages dem Arbeiter zu zahlen. Soweit wäre ja die Angelegenheit zur Zufriedenheit aller Beteiligten erledigt. Nun aber erfahre ich nachträglich von einem Mazzothbäcker Moritz Vary, daß antisemitische Hetzprediger die Mazzothbäcker zu einem Aufstande zu bewegen suchten und ihnen im Falle eines Streikes große Geldmittel in Aussicht stellten. Daß dieses Ansinnen mit großer Entrüstung znrückgewiefen wurde, brauche ich Ihnen nicht zu erwähnen. Aufrichtig gesagt, hat mich dieser neueste Ranbzng jener antisemitischen Hetzbrüder nicht im geringsten in Staunen versetzt. Jeder, der nur halbwegs mit der Hintertreppen-Politik der Antisemiten bekannt ist, weiß, daß diese niemals ihren Feind im offenen Kampf anfsuchen. Ihren Gegner. in einem ganz unerwarteten Augenblick im Rücken angreifen und bei einer Niederlage feige fliehen, das ist die Politik dieser Ehrenmänner. An diese Gattung von Menschen mußte wohl Schopenhauer gedacht haben, als er jenen bekannten Satz niederfchrieb, daß es manchesmal fiir einen Hund geradezu eine Beleidigung sei, ihn Mensch zu nennen. Und diese Leute, die auf Schritt und Tritt das Zuchthaus mit ihren Ellenbogen streifen, diese wagen es zu behaupten, daß die Juden speziell hier in New-Iork (die Wiener Antisemiten meinen speziell in Wien) moralisch tiefer stehen als die anderen Religionsgenosfeuschaften. Gestern hielt nun Rev. Doktor Samuel Schulman vom Beth-El Tempel im Child Welfare Exhibit in der Waffenhalle des 71. Regiments einen Vortrag. In diesem bestritt er zunächst, daß dieZahl derJsraeliten unter den Verbrechern des Landes, wie schon so oft behauptet wurde, eine so große fei. und führte aus, daß die vorkommendeu Fälle nur auf der den Israeliten gegenüber geübten Verfolgung und dem daraus resultierenden. schweren Lebenskampf gegründet seien. Im Laufe einer Unterredung mit Dr. Schulmann teilte er mir mit, daß er sich verpflichtet fühle, in einer Reihe öffentlicher Protestversammlungen den verleumderischen Anschuldigungen der Antisemiten entgegenzutreten. Er wolle nicht nur widerlegen, daß die Juden im Durchschnitt, mehr Vergehen gegen das Gesetz aufznweisen haben als ihre Wahrheit. - Nr. 9. Mitbürger: Ja er wolle sogar beweisen, daß die Juden im Verhältnisse zu ihrer Unterdrückung moralisch-hoch stehen. '„Ich will"/ schloß Dr.- S chulman n, ,-nicht mir leeren -Worten kommen^ ich will auch.• meine Behauptungen an der Hand von? Akten, beweisen:"- : W::'"" :'.-v :. -j Aber nicht nur die zur Vertretung der jüdischen 'Interessen berufenen -Männer,- sondern auch hervorragende Persönlichkeiten^ die dem Judentum fernsteheu, ringen um die Gleichberechtigung, der Inden im In- und Anslande. Während in allen Ländernder amerikanische Paß, gleichgültig zu welcher Religion sich seiw Besitzer bekennt, anerkannt wird, vergißt das „V ä t e r ch e u" im schwarzen Land — wie das heilige Rußland hier genannte wird — den russisch-amerikanischen Vertrag von 1832 immeiv wenn ihm ein Paß von jüdischer Hand gereicht wird undschließt dem Amerikaner, der durch Zufall als Jude zur Weltkam, die Tore seines Reiches. Ich erinnere Ihre Leser nur am den „Fall H a m m e r st e i n", der überall berechtigtesAufseheu erregt: hat. Oskar Hammerstein, der millionenreiche New-Iorker- Tbeaternnternehmer, dessen Namen weit über die Grenzen des Landes bekannt ist, wurde vergangenes Jahr trotz Protestes des^ amerikanischen Konsuls aus Rußland gewiesen. „Als Jude könneselbst ein amerikanischer Bürger in Rußland nicht frei reisen" lautete die Antwort der russischen Behörden. Und da H a m m e r-. stein keine weiteren Schritte unternahm, verlief die Angelegenheit im Sande. Nun beantragteKongreßmauu H. P a r s o n s im Unterhauses daß Präsident Taft aufgefordert werde, den russisch-amerika? nischen Vertrag von 1832, in dem sich die beiden Staaten gegenseitig Schutz ihrer Bürger zusagten, wegen der wiederhol: vorkommenden Verletzungen des Vertrages für null und nichtig zu erklären. Wie ich nun erfahre, hat die Union ol ^.rneriheir Hebrew Congregations schon, vor einigen Wochen dem Präsidenten eine dahinzielende Resolution unterbreitet. Nächsten Mittwoch findet nun eine Unterhandlung mit Präsident Taft statt, über die ich Jhneu noch berichten werde. Bis dahin wird' „Väterchen" Zeit haben, über den Unterschied.'eines jüdischen und Nichtjüdifchen amerikanischen Bürgers nachzudenken. Schließlich will ich Ihnen noch von der neugegründetew New-Aorker Kindergemeinde erzählen. Diese jüdische Jugendgemeinde hält im Talmud Thora-Tempel in der 111. Street ihre Gottesdienste ab. Der Rabbi der frommen Kleinen ist der 13jährige Charles Forshleiser, ein aufgeweckter Junge.- Kantor ist der 11jährige Sammy Cohen und der 10jährige Meyer Brechter ist das Oberhaupt der Synagoge. Vergangenen Samstag wohnte ich dem Morgengottesdienst dieser frommen Kinder bei. Ich muß Jhneu, Herr Doktor, aufrichtig, gestehen, ich habe nie im meinen Leben andächtiger gebetet alsunter dieser kleinen Gemeinde. Als der kleine Kantor so herzerhebend feine Gebete vortrug, da stieg aus der Vergangenheit meine Jugend aus, ich sah mich als Kind in meinem Elternhause gehegt und gepflegt von der sanften Mutter und dem. aufopfernden Vater. Und was nicht der herrliche Heldentenor im prachtvollen Gotteshaus zu Stande brachte, das vermochte der elfjährige Kantor im {feinen Raum; er hatte mich zu Tränen, gerührt. Und als der 13jährige Rabbi feinen andächtigen Zuhörern den betreffenden Thoraabschnitt in musterhafter Weise erklärte, da wurde es mir klar, daß uns Inden, solange wiv > unsere Kinder in solchen Grundsätzen erziehen, vor der Zukunft nicht bange fein braucht; denn unsere Zukunft liegt in nuferen. Kindern. Mit bestem Gruße - - - S. P. Justus. Die Religion im Lichte der Völkerpsychologie (Schluß:- von Dr. Alois Schweiger, Rabbiner in Eg er (Erlau). Nun aber zeigt uns-die Geschichte das^Gegenteil, daß dev Monotheismus bei den Israeliten entstanden ist, einem Volke, das Jahrhunderte hindurch in streng republikanischer Verfassring: gelebt und Alleinherrschertum nie dauernd Wurzel fassen konnte. Das Wesen der Religion definiert Wundt als „das Ge-