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Die Wahrheit · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 9. Heuer einstellle. Nichtsdestoweniger erfreut sich die Schule bei der jüdischen Bevölkerung der größten Beliebtheit. Es wurden 57 Knaben .eingeschrieben. Zur Erteilung des Religionsnnteirichtes wurde ein eigener orthodoxer Melamed ausgenommen, da der Vorsteher der Gemeinde den Kindern, die die Allianz- Schule besuchen, die Teilnahme am Unterrichte au den unter seinem Einflüsse stehenden Chederim nicht gestattet. Ueber Wunsch' der Eltern tragen die Kinder während des Unterrichtes auch bei den profanen Gegenständen Sammtkäppchen. Auch hier hat die Allianz für die Beteilung der Kinder mit Winterkleidnng gesorgt. Im Herbste des vorigen Jahres besuchte Fräulein Bertha Pappen heim aus Frankfurt am Main auf einer Reise durch Galizien auch Potok zloty und besuchte die Schule eingehend. Sie äußerte sich in überaus günstigem Sinne über das Gesehene und spendete dem Lokalkomitee für Ansspeisnng der ärmeren Schulkinder einen Betrag von 200 Kronen. Auch in Potok zloty ist mit der Knabenschule ein Abendkurs für Erwachsene verbunden. Die Israelitische Allianz beabsichtigt, die neu aufgenommene Schulaktion, die in der kurzen Zeit bereits so erfreuliche Erfolge ausweist, nach Maßgabe ihrer Mittel energisch fortzusühren, wobei in erster Reihe die von verschiedenen Orten in Galizien bereits vorliegenden Gesuche um Gründung von Schulen und Kindergärten berücksichtigt werden sollen. Die staatliche GIrichberechtignng der Inden in Deutschland. Wie in der vorwöchentlichen Nummer dieses Blattes anseinaudergesetzt wurde, ist die offenbar gesetzwidrige Beschränkntig der staatlichen Gleichberechtigung, die den Inden in Deutschland durch Ausschließung von der Offiziers- und Richterkarriere zuteil wird, besonders in der letzten Zeit Gegenstand ernster öffentlicher Diskussionen gewesen, und so wurde auch in der Reichstagssitzung vom 27. Februar bei der Beratung des Militäretats eine Debatte über die Zurücksetzung der jüdischen Offiziersaspiranten abgeführt. Nachdem am Ende der Samstagsitzung der Antisemit Raab eine längere Rede gehalten hatte, die sich gegen die jüdischen Einjährigen und deren Avancement zu Offizieren richtete, wurde von liberaler Seite gegen den Schluß der Debatte opponiert, da die Rede Raabs eine Antwort nötig mache. In der Antwort, die dem Antisemiten erteilt wurde, sprachen sich, wie der N. fr. Pr. ans Berlin gemeldet wird, fast alle Redner gegen die Zurücksetzung der Juden beim Offiziersavancemeut aus. Abgeordneter Gröber. Mit besonderer Wärme trat der württembergische Klerikale Gröber für das Recht der jüdischen Soldaten ein, zu Offizieren ernannt zu werden. Er begründete dies in einer längeren überaus bemerkenswerten Rede. Der Abgeordnete Gröber, bekanntlich einer der Führer des klerikalen Zentrums, sagte: Herr Raab hat die Gelegenheit beii-ützt, ohne jeden Grund seinem antisemitischen Herzen Luft zu machen. Diese Art ist jedenfalls nicht geeignet, das ernste Problem zu lösen. An Stelle ruhiger Erwägung setzt Herr Raab leidenschaftlichen Haß, und die Art, wie er einzelne Vorkommnisse verallgemeinert, gibt ein falsches Bild. Herr Raab hat ein Wort Bismarcks aus dem Jahre 1847 zitiert. Damals war Bismarck ein junger Mann, aber im Jahre 1869 hat er dann das Reichsgesetz über die staatliche Parität der Glaubensbekenntnisse gegengezeichnet. Und wie ist es in atlderen Läneern? Wir leben doch nicht ans einer isolierten Insel. In der österreichisch-ungarischen Armee sind die Israeliten zu allen Stellungen zngelassen und sind bis in die . höchsten Stellen vorgedruugeu. In Italien, England, Frankreich haben wir die gleichen Erfahrungen. Sind denn bei uns in.Deutschland die Israeliten von, ganz anderem Holz als dort? Ans den Freiheitskriegen werden 16 jüdische Soldaten mit Namen angeführt, die das Eiserne Kreuz erhalten haben. Wenn es nach hundert Jahren noch möglich war, das festzustellen, so ist das eine Zahl, die man wohl beachten kann. In einer Denkschrift des preußischen Ministers des Innern vom Jahre 1847 wurden alle diese Gesichtspunkte ganz eingehend, geprüft, und da wird ans Grund der Berichte der Armeekorps festgestellt,, daß' die' Inden des preußischen Heeres sich von anderen. Soldaten nicht erkennbar unterscheiden. ' Und wie haben sich die Inden im d eu tsch -fra nzö s isch e n Fel d z u g, unmittelbar nach Erlaß des Paritätsgesetzes, verhalten? Von 4492 jüdischen Soldaten, darunter 117 jüdischen Offizieren, haben das Eiserne Kreuz oder die entsprechende militärische Auszeichnung der anderen deutschen Bundesstaaten 373 jüdische Soldaten erhalten. (Hört! Hört!) Die sind alle in der Statistik mit vollem Namen.angeführt. Der Antisemit Lieber m a n n v. S o n n e n b e r g ruft: Es sind größtenteils Ärzte. (Lachen links.) Abgeordneter Gröber: Daß eine ganz ansehnliche Zahl jüdischer Soldaten das Eiserne Kreuz bekommen hat, daraus kommt es mir allein an. Die Tatsache nun, daß durch Jahrzehnte auch nicht ein einziger Jude, im Gegensatz zu Bayern, Offizier geworden ist, daß aber getaufte Inden kein Hindernis gesunden haben, ist mir beweiskräftiger als die einzelnen Bei-. spiele. Eine solche Behandlung entspricht nicht dem Paritätsgesetz und dem Paritatsempfinden. Wir haben allen Anlaß, für die ehrliche Durchführung des Pnritätsgesetzes vom Jahre 1869 einzutreten, denn auch heute fehlen nicht die Bestrebungen, die Katholiken zu Staatsbürgern zweiter Klasse herabzndrücken, und es sind nur allznhäufig dieselben unduldsamen Persönlichkeiten,' die heute gegen die Inden und morgen gegen katholische Ordensmänner arbeiten. Wir werden für die staatliche Gleichberechtigung der Inden unbedingt eintreten eingedenk des edlen Wortes des Kaisers Friedrich: „Ein jeglicher unter Ihnen steht meinem Herzen gleich nahe, haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hinbebung bewährt." - Dieser Kampf wird uns stets ans dem Posten finden, es ist der gute Kampf für Recht und Gerechtigkeit. (Lehhaster Beifall im Zentrum und links.); Abgeordneter Osann. Der nationalliberale Abgeordnete Dr. O s a n n sagte: Wir haben am Samstag die Unterschrift unserer Partei vom Schlußautrage zurückgezogen. weil wir eine so verletzende und verhetzende Rede wie die des Abgeordneten Raab nicht ohne Widerspruch von unserer Seite ins Land hinaus gehen lassen wollten. Aus Gründen der Gerechtigkeit müssen , wir die gegen' unsere jüdischen Mitbürger geschlenderten Angriffe znrückweisen. (Beifall links.) Herr Raab hat mit dem Rüstzeug vergangener Jahrhunderte gearbeitet, er hat sich an alte antisemitische Schriften gehalten und den Standpunkt betont, daß die Juden Staatsbürger zweiter Klasse seien. Einer solchen Anschauung in der heutigen Zeit müssen wir: entschieden entgegentreten. Das ist nicht nur unser Recht, sondern auch unsere Pflicht. Auch der Kriegsminister hat sich ja mit, aller Entschiedenheit auf den Standpunkt der Verfassung und des Gesetzes gestellt. Er weiß, daß in der Armee antisemitische Tendenzen vorhanden sind, er hat aber auch mit aller Energie darauf hingewiesen, daß er sie mißbilligt liub bekämpft. Er hat nichts anderes getan als seine Vorgänger, denn - für ihn wie für uns ist die Verfassung und die Gesetzgebung die Richtschnur. Auch das Zentrum teilt ja diesen Standpunkt und die konservative Partei vertritt diese. Anschauung, wenn die „Kreiszeitung" recht hat, denn diese hat ja vor einiger Zeit über die Stellung der Konservativen znm Antisemitismus eine anfilärende Aeußernng gemacht, in der es heißt, daß sich der antisemitische Passus des kons ervativen Programms praktisch nicht, mehr rechtfertigen ließe. (Hört! Hört! links.): Also auch hier die Erkenntnis, daß sich nach dem Gange der Zeit der nr? sprüngliche antisamitische Programmpnnkt in der früheren Schärfe nicht, mehr aufrecht erhalten läßt. Es wäre wünschenswert, wenn die konservative Partei heute erklären würde, ob sie. diesen Standpunkt ihres Hauptorgans ausdrücklich billigt. Schon mein Freund Paajche hat vor einigen Tagen betont, daß ein Unterschied bezüglich der Konfessionen zwischen

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