Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr 9. ' Größere Schwierigkeiten bereitete der Allianz, wie schon mitgeteilt wurde, die Schule in Ol es ko. An diesem Orte, an dem seit vierzig Jahren fast kein einziger jüdischer Knabe die ' öffentlichen Volksschule besuchte, entfaltete der chassidische Rabbi Herr Mendel Eiche n st e i n eine fanatische Agitation gegen die nengegrnndete jüdische Schule. Vergebens wurde ihm von der Leitungder Allianz angeboten^ in das aus angesehenen jüdischen Persönlichkeiten bestehende Lokalkomitee einzutreten, um auf diese Weise Einfluß auf die Leitung der Schule zu gewinnen und sich zu überzeugen, daß die Schulkinder in streng jüdischem Sinne erzogen werden. Der gegen moderne Bildung mißtrauische Rabbi ließ von feinem Kampfe nickt ab; er versagte den Eltern jener Kinder, die in die Allianz-Schule eingeschrieben wurden, den Eintritt in das unter seiner Leitung stehende Bethaus, er versuchte' mit dem wirtschaftlichen Boykott gegen sie vorzugehen und veranlagte schließlich seine Anhänger, ihre Knaben in die christliche Landesvolksschnle einznschreiben in der Erwartung, die gefürchtete jüdische Anstalt dadurch überflüssig 51t machen. Da nur unter Hinzurechnung der Inden die sonst hauptsächlich von ruthenischen Bauernkindern besuchte öffentliche Volksschule jene Mehrheit von polnischen Schulkindern anfweist, die notwendig ist, um der Schule den Charakter einer polnischen Anstalt zu geben, gelang .es ihm, die Unterstützung der Bezirksschnlbebörden zu gewinnen. Erst am 6. Dezember 1909 konnte die Schule eröffnet werden, da der Bezirksschulrat das Schulgebäude, das nach dem übereinstimmenden Urteile berufener Fachleute dem Gebäude der öffentlichen Schule in jeder Beziehung überlegen ist, als den hygienischen Anforderungen nicht vollkommen entsprechend befand. Erst nach einer persönlichen Intervention des Sekretärs der Allianz Herrn Dr. Kam inka beim Präsidium des Landesschulrates in Lemberg war es gelungen, die von der Bezirksbehörde bereiteten Schwierigkeiten ans dem Wege zn räumen. Seither konnte sich die Schule ungestört entwickeln, wenn auch die Frequenz infolge der unablässigen Bemühungen der Schulgegner noch einiges zn wünschen übrig läßt. Die Schule wurde im vorigen Jahre und auch heuer vom k. k. Bezirksschulinspektor Niedzwiecki visitiert, der sick mit den erzielten Unterrichtsersolgen durchaus befriedigt erklärte. Am Schluffe des vorigen. Schuljahres wurde eine Schulfeier veranstaltet, an der sich außer den Mitgliedern des Scknlkomitees auch der Vorsitzende des Ortsschnlrates, sowie der Leiter der öffentlichen Volksschule Herr Dabrowski beteiligten und bei der schöngebundene Siddnrim von orthodoxem Ritus als Prämie verteilt wurden. Der Leiter der öffentlichen Volksschule, der der Schlußprüfung beiwohnte, erklärte daß er solche Leistungen von den jüdischen Knaben an seiner Schule nach einem Jahre Glicht aufweisen könne. Die Schulkinder wurden sowohl voriges Jahr als auch heuer öon der Allianz mit Winterkleidern und Schuhen beteiligt. Auch in Olesko besteht in gleicher Weise wie in Bndzanow ein Abendkurs für Erwachsene, der von 20 Personen frequentiert wird. Aehnliche Schwierigkeiten, nur im gesteigertem Maße erwuchsen der Allianz bei der von ihr zu Beginn des heurigen Schuljahres in Niemirow (im Bezirke Rava rnska) neu kreierten Volksschule. Auch hier waren es die Chassidim, die unter dem Einstnsse des Belzer Wunderrabbi, eine heftige Gegenagitation entfalteten. Die Schwierigkeiten machten sich schon bei der Aufnahme des Schnllokales geltend. Nur mit schwerer Mühe gelang es der Allianz gegen ein hohes Entgelt ein Gebäude für die Schule zn finden, da niemand es wagte, gegen das Verbot des Wunderrabbi der Allianz sein Haus zu vermieten. Das Schnlhaus wurde entsprechend adaptiert und es gelang der Allianz, die keine Kosten scheute, auch hier dasselbe so auszugestallen, daß es allen hygienischen Anforderungen entsprach und das Gebäude der öffentlichen Schule, das, wie auch offiziell zugegeben wurde, sich in sehr schlechtem Zustand befindet, weitaus übertrifft. Die Einschreibungen zeitigten angesichts der Gegenagitation der Schulgegner einen sebr schönen Erfolg: es wurden 26 Knaben.angemeldet, und der Unterricht konnte Ende September beginnen. Die Schulgegner ruhten aber nicht und gebrauchten allerlei nicht einwandfreie Mittel. Sie bewirkten, daß der Bezirksschulrat in Rawa eine eigene Kommission nach Niemirow zur Besichtigung der Allianz-Schule entsandte, die einige Mängel am Gebäude konstatierte, die aber mit großen Kosten sofort behoben wurden. Im Bethause wurde der Obmann des Schulkomitees Herr Apotheker Kaczka öffentlich als gefährlicher Sünder erklärt, dreimal wurden gegen ihn wegen angeblich schlechter Führung seiner Apotheke Anzeigen bei der Statthalterei in Lemberg erstattet. Das Mitglied des Schulkomitees, Herr k. k. Bezirksrichter Dr. Wiesenberg wurde denunziert, daß er sein Amt zn Agilaliouszwecken mißbrauche, es wurden Pamphlete ausgegebeu und die Behörden wurden von den einflußreichen Chassidim fortwährend unter allen möglichen Vorwänden um energisches Einschreiten gegen die Allianz- Schule angegangen. Auch hier suchte man ähnlich wie in Olesko die Allianz-Schule dadurch überflüssig zn machen, daß der öffentliche Schulzwang, der bisher nie zur Anwendung gelangte, mit großer Strenge dnrchgesührl wurde. Mehr als hundert jüdische Knaben wurden in die öffentliche Schule eingeschrieben, die aber in gleicher Weise wie früher dem Unterrichte auch weiterhin fernblieben. Ende Dezember gelang es den Chassidim die Sperrung der Allianz-Schule zn veranlassen. Die Allianz ließ sich aber durch diesen Erfolg der Schutgegner nicht entmutigen; es mnrden sofort alle nötigen Schritte eingeleitet, um diese vollkommen unbegründete Verfügung der Bezirksbehörde wieder rückgängig zu machen. Am 24. Januar fand eine neuerliche kommissionelle Besichtigung der Schule statt. Leider gelang es den fanatischen Gegnern der Allianz-Schule, die Kommission wieder zur Abgabe eines für die Anstalt ungünstigen Befundes zu bewegen. Es wurden eine Reihe zum Teile gar nicht bestehender, zum Teile aber ganz unwesentlicher Mängel konstatiert. So führte die Kommission unter den Gründen, die gegen die „Eignung des Gebäudes" zu Schulzwecken sprechen, n. a. auch den Umstand an, daß der Vorraum zum Schulzimmer nicht getüncht sei und daß sich hinter dem Ofen des seit mehr als drei Wochen nicht benützten Schulzimmers Kehricht angesammelt habe. Die Schwierigkeiten, die der Allianz-Schule in Niemirow bereitet wurden, kamen auch bei der Debatte anläßlich der Enquete znr Linderung des Elendes unter den Jude» in Galizien, die erst jüngst in Lemberg stattfand, zur Sprache. Es wurde hier darauf hingewiesen, daß das erste und vornehmste Mittel zur Behebung der großen Not unter den Juden Galiziens die Verbreitung der elementaren Bildung sei, da nur auf diese Weise die Erwerbsähigkeit der Juden gehoben werden könne. Das Verhalten der Bezirksbehördeu wurde von verschiedenen Seiten einer scharfen Kritik unterzogen und auch einzelne polnische Blätter befaßten sich mit der Angelegenheit. Endlich fühlte sich der Landesschulrat dazu veranlaßt, die Wiedereröffnung der Schule zu gestatten. Ende Februar konnte in Niemirow der Unterricht wieder ausgenommen werden. Auch in Niemirow wurden die armen Schuitinder mit Winterkleidern und Schuhen von der Allianz beteiligt. Der größte Teil der ansässigen Bevölkerung konnte sich ungeachtet der kurzen Zeit der Wirksamkeit der Schule davon überzeugen, daß auch hier die Kinder iu streng religiösem Sinne erzogen werden. So kam es, daß die Schule allmählig auch unter den Angehörigen ber besseren Schichten der orthodoxen Bevölkerung Freunde gewann. Dies kam dadurch zum. Ausdrucke. daß sich bereits im Dezember v. I. in den Abendkurs für Erwachsene, der ursprünglich nur von Handwerkerlehrlingen und Angehörigen der ärmsten Kreise besucht wurde, auch Söhne ans besserem Hause einschreiben ließen. Ja. von einzelnen chassidische» angesehenen Bürgern wurde dem Schulleiter er- . klärt, daß die Zahl der Schüler im nächsten Jahre bedeutend höher sein werde. Die zweite der von der Allianz im September 1910 begründeten Schule (es ist somit die vierte Schule, die die Allianz im Laufe von zwei Jahren in Galizien ins Leben rief) die Volksschule in Potok zloty hatte fast mit keinen Schwierigkeiten zn kämpfen. Die ansäßige Bevölkerung kam der Schule mit großem Interesse entgegen. Nur der chassidische Kultnsvorsteher, nahm eine ablehnende Haltung ein. Er ging darin so weit, daß er die in früheren Jahren von ihm veranstaltete Sammlung zur Bekleidung der armen jüdischen Kinder mit Winterkleidern 'H •N