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Die Wahrheit · 1911-03-03 · Heft 9 (3.3.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 9 (3.3.1911)
Date
1911-03-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 9. aristokratisch gegliederter Hüter nötig ist, die Heerde zn weiden, wie kann er sich da, versunken in Feudalismus und vasallenhafteu Treudieusi gegen seine Hirnen zur Vorstellung anfschwingen, die ganze Erde, ja das Weltall hätte nur Einen Schöpfer und Regierer? Dies könnte allerdings nur ein Volk tun, das in jedem seiner einzelnen Glieder das Bewußtsein dessen hat, was eine starke Persönlichkeit zu leisten imstande; ein Volk vieler differenzierter Individualitäten, kein Heerdenvolk; ein Volk, bei dem das Priestertum keine Gewalt, sondern nur gottesdienstliche Funktionen ausüble; ein Volk, bei dem es lange dauerte, ehe es sich entschlossen, einen König zu wählen, nachdem es bis dahin in demokratischer Unabhängigkeit sich befunden; ein Volk endlich, das in seinen zahlreichen Propheten diesen Königen die unangenehmsten Wahrheiten ins Gesicht sagte. Ein solches Volk war eben das jüdische. Nicht wahr, so haben Sie's gemeint. Herr Bulle, wenn auch nicht klar ausgedrückt? Nun! Es sei Ihnen zum zweitenmal gedankt für Ihren uns so ehrenden Tadel. O, ein solcher Tadel ist jedem anderen Lobe vorznziehen. Ungern schmälere ich selbst diesen lobenden Tadel, oder dies tadelnde Lob. indem ich erwähne, daß auch die Juden ihre.Fähigkeit der Hingebung an eine Idee genugsam an den Tag legten. Nach Kant sind die drei Ideen der praktischen Vernunft: Gott. Freiheit nnd Unsterblichkeit. Für diese Ideale ist der Jude oft genug in den Tod gegangen und h a t L e i b u n d L e b e n aufs Spiel gesetzt. Allerdings flössen diese Ideen aus dem Zentrum seiner Persönlichkeit nnd waren die feinste Blüte derselben. Den Germanen beseelte das Abhängigkeitsgefühl, die Scheu vor dem Oberen, der Gehorsam des Dienstmannes seinem Herrn gegenüber. Wer diese S k l a v e n t u g e n d. diese Verleugnung der Menschenwürde eine Idee neitnen will, dem bleibe dies nnbenommen. Wir wollen nicht tim Worte streiten, wenn wir auch unter Idee ganz was anderes verstehen. Der deutsche Länds¬ oder Lanzknecht, der heute dem Herrn Kurfürsten, morgen dessen Gegnern diente und beiden Parteien treu, solange der Sold entrichtet wurde, die hessischen Landeskindei', die sich von ihrem Landesvater an England verkaufen ließen und. sich in Amerika tapfer schlugen, sie alle verkörperten das Ideal' hündischer, schweifwedelnder Treue, aber ihr Persönlichkeitsgefühl konnten sie dabei nicht hingeben, weil man nur das hingeben kann, was man vorher besessen. Heerdengesühl, ja, das nannten die Germanen seit jeher ihr eigen, später ist daraus die deutsche Treue geworden, wie ja auch der berühmte deutsche Historiker Lamprecht berichtet, die Germanen des Tazitns wären schon in ihrem Aenßeren so wenig differenziert gewesen, daß sie einander aufs Haar glichen. Nicht weniger uniform und typisch war natürlich deren primitives Seelenleben gestaltet. Nun möchte ich nicht gerne mißverstanden werden und nicht den Schein erwecken, als wollte ich den Spieß umkehren; ich will das Judentum ebensowenig verhimmeln, als das Germanentum lästern. . Beide Gruppen haben Fehler nnd Tugenden, ich will cum. grano salis verstanden sein nnd wenn ich in ehrliche Grobheit verfalle, so adoptiere ich damit nur eine deutsche E i g e n s ch a f t. Wer kann übrigens Bullen mit Glacehandschuhen ansassen? Das Rassenproblem ist freilich ein heikles, doch nicht wir haben es aufgerollt. In jüngster Zeit hat ein Buch von Zollschan dieserhalb Aufsehen erregt. Ich kenne es leider nicht, doch einige ausgezogene Stellen habe ich gelesen. Zollschan erklärt, daß der arische Perser und Hindu trotz des gemeinsamen Sprachstammes dem Germanen viel weniger verwandt feie, als der Jude; er beruft sich dabei auf Hautfarbe und Gesichtsbildung. Nun, das scheint mir entschieden zn weit zu gehen. Wenn auch der Sprachbau keilten Schluß auf Rassengemeinsamkeit oder Verschiedenheit erlaubt — denn zwei ein nnd dieselbe Sprache sprechende Völker können verschiedenen Rassen angehören — so habe ich dennoch, um mit Nordau zu sprechen, meine eigene Hypothese über diese Dinge. Gestützt darauf, behaupte ich seelenruhig, daß der Kamtschadale eher mit dem Germanen versippt sei, als der Semite, der Semiteim weitesten Umfange verstanden. :■ Zollschans Ansichten stellen augenscheinlich eilt konstruiertes gegensätzliches Extrem der bisherigen Rassentheorie dar; er möchte die Scheidewände so weit als möglich niederreißen,, die Unterschiede verwischen, doch ich bin solcher Demoliernngsarbeit abhold. In . vorhistorischer Zeit war der Semite Nomade und Viehzüchter, der- Germane Jäger und Ackerbauer. Schon Herder in seiner Philosophie der Geschichte ist der Ansicht, daß die Babylonier als Nomaden in den Ebenen Mesopotamiens einen hohen Knlturgrad erreichten und sich bereits dort der Buchstabenschrift bedienten, Abraham war wandernder Heerdeubesitzer, Jakob Viehzüchter nnd Nomade, der Germane aber war seßhafter Jäger in den Sümpfen und Urwäldern Deutschlands, der die Frauen Ackerbau betreiben ließ. -- (Schluß folgt). Die Schulaktisn der Israelitischen Allianz in Galizien. Wie bekannt, sah sich die „Israelitische Allianz" zn Dien vor zwei Jahren ungeachtet des Umstandes, daß das Hilfswerk für die russischen und rumänischen Juden ltngeschwächt fortdauert, veranlaßt, die S ch n l a k t i o n i n G a l i z i e n wieder anfzunehmen, da die Baron Hirsch-Siftnng, die das von der Allianz vor mehr als dreißig Jahren begonnene kulturelle Hilfswerk für Galizien übernahm, nun an der Grenze ihrer Mittel angelangt, keine neue Schulen mehr begründen kann. Die Allianz begründete zunächst mit Beginn des Schuljahres 1909/10 zwei polnisch-jüdische Volksschulen in B u d z a n o w und O l e s k o und ermöglichte im Verein mit der Baron Hirsch-Stiftung einem Komitee, das sich ans der Mitte der Ortsbevölkerung gebildet hatte, die Gründung eines Kindergartens in Ch rza n o w. Diese Anstalten entwickelten sich im verflossenen Jahre in der erfreulichsten Weise. Die Allianz legte an allen Orten großen Wert darauf, Hand in Hand mit der ansässigen, zumeist chassidischen Bevölkerung zn gehen. So nimmt in Chrzanow neben der ausgezeichnet wirkenden Ppäsideutiu Frau Dr. Helene'B er ggrü n, die Frau des dortigen chassidischen Rabbiners FrauSerlJgrä tätigen Anteil an der Leitung des Kindergartens, der sich denn auch bei der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreut. Gegenwärtig besuchen die Anstalt mehr als 50 Kinder. Wie sehr diese Gründung Anklang bei der Ortsbevölkerung fand, geht schon daraus hervor, daß die Subvention, die der Kindergarten bisher erhielt, heuer reduziert werden konnte, so daß die Hoffnung besteht, daß sich der Kindergarten im Laufe der Zeit selbst wird erhalten können. Auch die Schule in Bndzanow, die sofort nach ihrer Begründung von der Bevölkerung sympathisch ausgenommen wurde, kann als erfolgreiches Unternehmen bezeichnet werden. Die Schule wurde im Schuljahre 1909/10 sowohl vom k. k.; Bezirksschulräte als auch vom Kreisschnlinspektor der Baron Hirsch-Stiftung visitiert. Beide Funktionäre sprachen ihre volle Zufriedenheit mit den Leistungen der Schüler und der Leitung der Schule aus. Herr Kreisschnlinspektor Sperber hob noch besonders hervor, daß sich die Kinder an die herrschende Ordnung gewöhnt haben und die Unarten und Unsitten, deren sie vom Hanse eine Menge mitgebracht haben, allmählich abstreisen. Im heurigen Jahre wurde ein zweiter Jahrgang eröffnet; beim Schluß des ersten Semesters 1910/11 besuchten 28 Knaben die erste und 43 die zweite Klasse. Der Schulleiter errichtete bereits voriges Jahr einen Schulgarten, in welchem die älteren Knaben in ihrer freien Zeit mit gesundheitsfördernden Gartenarbeiten beschäftigt werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient der an ' ücv Schule bestehende Abend! u rs für Erwachsene; die Zahl der Frequentanten dieses Kurses beträgt Heuer 42. Der Unterricht wird gesondert für Analphabeten und solche, die bereits lesen und schreiben können, - erteilt. Die Institution der E l t ernabende, bei denen die Eltern über die Prinzipien einer den hygienischen Auf ordern n g e it e lt t sp r e ch e u d e n Haltung nnd Erziehung der K i n d er .aufgeklärt tverden, wurde auch heuer eifrig gepflegt.

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