Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 9 (3.3.1911)
- Date
- 1911-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Sldministralion: Wien, II/, Novcuayasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIU. ' 1 Anakhängige Heitfchrift für Mische lberngsprei»: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.IC 7.— Administration 4938/11. _ . ft, k. österr. Postsparkassa- Schect-Konro Nr. 100.918. Interessen. Für Jfiiltii'Sbeumte: 'Uailjiährig.IC 10. — Inserate: Die viermal geivaltene Nonpareille-Zeiie 25 Heller. Erscheint jeden Areitag. Für Ausland: Abonnementsnnd JnserlionS- «UanziäUrig.8 Mark betröge' und in Wie» zahlbar nnd klagbar. Motto: „Orrs Siegel Gottes ist Wahrlieit!“ Ü Rubel oder MS FrcS. Wien. 8. Mir; Inhalt: Heinrich Bulle, der Rassenbegriff und der arabische Aufstand. — Die Schnlaktion der israelitischen Allianz in Galizien. — Die staatliche Gleichberechtigung der Juden in Deutschland. — Nem-T)orker Brief. — Die Religion im Lichte der Völkerpsychologie. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein Apikores. — Austritt aus dem Jndentume. Nachdruck verboten. Heinrich Knlle, der Rassenbegriff nnd der arabische Aufstand. Bon S. Vincta. Heinrich Bulle — die Rasse — Arabien — wie reimt sich das zusamm'? Der Heinrich Bulle— ist eine Rulle — die semitische Rasse —t die schaut er an mit Hasse; — die junge Türkei — war gerne frei; — Doch John Bull, nicht Bulle — hält dies für eine Schrulle. — Arabien hetzt er ans, goddamm — so reimt sich das zusamm'. Wozu die groben Knittelverse, das Bäukel? So dürfte mancher fragen und vielleicht gerade der, welcher schon über den Titel lächelte, über den Versuch, fo heterogene Dinge unter einen Hut zu bringen. Die Frage beantwortet sich somit von selbst. Um dem Lachen die Spitze zu benehmen, lache ich selber herzhaft mit. Daß das Konglomerat aber trotzdem innere Verwandtschaft besitzt nnd das Lachen voreilig genannt werden kann, will ich mich nun anschicken zu erweisen. In diesen Blättern ist erst vor kurzer Zeit unter anderen erwähnenswerten jüdischen Kapazitäten auch der Name Rodenbergs, des Herausgebers der „Deutschen Rundschau", angeführt worden. Da ist es denn ein Rätsel, wie ein Artikel des genannten Bulle im Januarheft dieser Zeitschrift Aufnahme finden konnte. Den Autor finde ich im Schriftsteller-Lexikon als Privatdozent der Archäologie verzeichnet, ist aber sonst nichts Großes; er schmäht das Judentum, rvenn er über „Griechentum" schreibt, dabei lobt er natürlich alles Germanische. Der Jude Rodenberg nimmt also den alltisemitischen Rassentheoretiker Bnlle unter seine Fittige! Dabei stürmt dieser Bulle auf das Judentum los — nomen est omen — wie ein wütender Stier, ein Bulle aufs rote Tuch: „Der vorstechendste Zug der jüdischen Rasse ist das Persönlichkeitsgefühl, das genährt nnd gehoben wird durch eine ungeheure Zähigkeit des Intellekts und ein Talent zur metaphysischen Speklilation. Die ungeheure Ichsucht der Rasse gebärt den Begriff des auserwählten Volkes und schafft die früheste Inkarnation des monotheistischen Gottesbegriffes" . . . „Wenn man für die germanische Rasse den Grundzng sucht, so kann es kein anderer sein, als die Fähigkeit der Hingebung an eine Idee mit Aufgabe jedes Persönlichkeitsgefühles. Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun..." Darauf wäre zuvörderst dem Bullen, selbst auf die Gefahr- Hin, daß er noch wütender werde, zu erwidern, daß ein jedes alte Volk sich für das Volk par exeellence halte. China ist das Land der Mitte und dem alten Griechen ist jeder Nicht- Hellene ein Barbar. Mit fortschreitender Geisteskultur schafft der Grieche allerdings den Begriff des Kosmopoliten, des Weltbürgers, aber auch das talmudische Judentum revidiert die Anschauung vom auserwählteu Volke. Wer ist im 20. Jahrhundert noch derjenige, der von Edelnnd minderwertigen Raffen — ja überhaupt nur von einer einzigen Edelrasse, der germanischen, spricht? Nun, der Nassentheoretiker eben, der dumme Ochs, der Bnlle. Was lobt Bulle ferner — fürwahr ein wahres Gaudv — als das wahrhaft Rassige an seinem Volke? - Run, das Heerdenmüßige, die Aufgabe jedes Persönlichkeitsgefühls. Die Bullen nnd Ochsen fressen ihr Gras um des Grases willen, kein Gedanken stört die Heerde in ihrem Behagen daran etwa, daß sie auch dem Schlächter zuliebe fresse. Der Jude aber — wie schrecklich, — ist eine Individualität, kein Heerdentier, fühlt seine Persönlichkeit! Herr Heinrich Bulle, wir danken für Ihren Tadel, aber wie konnten Sie vergessen, daß Goethe sagte: Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit? Wie die Ichsucht den Begriff des anserwählten Volkes schafft, läßt sich begreifen, wie aber den Begriff des Eingottes, nicht. Der Egoistische behält alles für sich allein, wenn aber der Jude seinen Gott Jehowah des Nationalcharakters entkleidet und ihn für den Schöpfer des Alls, für dessen allein zureichende Ursache erklärt, wenn er diesen Geistesschatz nicht wie das ägyptische Priestertum ängstlich hütet — ihn allerdings auch niemandem ausdrängt, sondern zu freier Benützung offenhält, wenn dem Juden ferner dieses Schicksal, das er selbst heraufbeschworen, wirklich widerfährt, nämlich daß räuberische, beutegierige Hände im Schatze herumwühlen, damit nach Glttdünken schalten und dem rechtmäßigen Besitzer mit schwärzestem Undank lohnen: wie ist es da möglich, daß dieser selbe Jude noch obendrein egoistisch gescholten werden kann? Da gibt es nur einen Weg zur Erklärung. Mau müßte auf Proteusart sich in die Anschauungsart Heinrichs des Bullen und seiner Gesinnungsgenossen hineinzudenken trachten. Dies ist wohl etwas schwierig, aber es geht doch. Pro primo muß ein Volk der Bullen — für das das deutsche Volk doch erklärt wird, ein Volk der Nichtbullen schon ob der „Zähigkeit seines Intellekts" beneiden. Ein Bnllenvolk — für das das deutsche Volk doch erklärt wird, kann fürs zweite nun freilich den Begriff des Eingottes nicht gebären. Der Mensch erschafft nach Feuerbach seinen Gott auf anthropomorphe Art und nach feinem Ebenbilde, wenn der Mensch aber ein Bnlle ist, wenn er sieht, welche Menge hierarchisch und