Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063580--07142-3074202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 8 diese»! Hause, das ihnen Zuflucht, Schutz und Heilung ihres Leidens verheißt. In dieser Erkenntnis hat unser großer Gönner, beseelt von dem Wunsch, das Leid seiner armen Glaubensgenossen zu lindern, unsere Anstalt ans seste Grundlagen gestellt, ihre fortschreitende Einwicklung gefördert und ihre Erweiterung ermöglicht. Verehrte Herren! Ein deutscher Arzt, Julius Robert M a y e r, hat für die Welt der Materie das Gesetz von der Erhaltung der Energie formuliert, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß auch für das moralische.und ethische Geschehen dieses Gesetz volle Geltung besitzt. So werden denn die Wohltaten Albert Baron ‘ Rothschilds fortwirlen und weiterleben in kommenden Geschlechtern; sie werden die marmornen Ehrentafeln unseres Hauses, ans denen sein Name mit goldenen Lettern prangt ,überdauern, unvergänglich, ein Mouuoientrmi aere peremiius! " Zum Schluß sprach Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n das Menuche nechanno und das Kadischgebet für Baron Rothschild. Dir Religion im Achte der Dölkerplychologie von Dr. Alois Schweiger, Rabbiner in Eger (Erlau). Fortsetzung. Hierzu gesellt sich der tosmogonifche und theogonifche Mythus, in welchem die Götter mit Dämonen kämpfen und dadurch Helden höheren Stiles werden. So nehmen die Götter den Charakter des Helden und des Dämonen an. Vom Helden die Persönlichkeit, vom Dämon die unbeschränkte Macht und Beziehung zum Wohl und Wehe der Menschen. Der Held war früher als der Gott. Die Götter haben sich aus der Heldensage entwickelt. Das Epos zeigt uns, daß Zeus nicht der Vater der Helden und Götter sei (pater andrön te theön te) sondern im Gegenteil der Held ist der Vater Gottes. Der Gottesbegriff hat drei Merkmale nach Wundt: 1. Selbständiges persönliches Wesen, dieses entnimmt er dem Helden; 2. Uebermenschliche Macht, die er dem Dämonbegriffe entnimmt; 3. Ueberweltlicher Wohnort. Endlich bringtdie Kultlegende den Gottesbegriff dem Menschen näher. Sie verleiht ihm religiöse Weihe. Ihr Ursprung ist in den orphischen und elensiuischeu Mysterien, in der Demeter- und Dionysoslegende der Griechen zu suchen. Das Endziel ist, der leidende und sterbende Held lebt wieder ans, wird zum Gotte erhoben. Die höchste Stufe ist die Christnslegende. Im »tüchtigen Gedankenfluge an der Hand ethnologischer, literarischer und historischer Zeugnisse zeigte uns Wundt die Entwicklung des Gottesbegriffes vom Dämon bis zum entwickelten Gottesbegriff. Was mm das System Wnndts unwahrscheinlich macht, ist, daß ihm die Logik der Tatsachen widerspricht. Wenn es wahr sein sollte, daß der Gottesbegriff aus dem Dämonknlt, Helden-Göttersage und der Legende sich entwickelte, so wäre doch zu erwarten, daß der reinste Gottesbegriff bei dem Volke entstehe, wo diese mythologisch-literarischen Produkte in höchster Blüte gestanden, also bei den Griechen. Nun aber zeigt uns die Geschichte das Gegenteil, daß der höchste Gottesbegriff bei den Israeliten entstanden ist. bei einem Volke, das nie eine Helden- und Göttersage besessen, das nie dem berauschenden Zauber der Kultlegende huldigte, das seine Helden nie zu Götter erhob, bei dem der Dämonkult nie tiefe Wurzel geschlagen. Was Wundt stcb aus Gunkels „Sagen der Genesis" und E. Mayers „die Israeliten und ihre Nachbarstämme" beruft, die da beweisen wollen, daß die biblischen Patriarchengeschichte Ankläuge an einer Helden- und Göttersage enthalten, beweist nichts, denn diese Systeme tragen das Gepräge einer gezwungenen Interpretation au sich, aber selbst zugegeben sind diese Erzählungen im Verhältnis zu denen der Griechen ganz verschwindend. Der Goltesbegriff hat keine Geschichte und die jüdische Volksseele verträgt den Antropomorphysmns der Legende nicht, daß ein Gott leide und sterblich wäre, damit konnte die jüdische Volkspsyche sich nie befreunden. Wundt ist ferner in Bezug, der Attribute des Gottesbegriffes nicht konsequent. In seiner Abhandlung über die,, Seelenvorstellungen („Völkerpsychologie,"H. Bd„ II.T., Seite 462)?- sind die Merkmale die Persönlichkeit, die übermenschliche Macht und das überwellliche Dasein. In seinem Werke über dew „Naturmytus" („Völkerpsychologie," IL SÖb., UL T., 335 ü. a. V.) nimmt er als drittes.Merkmal die unbegrenzte Lebensdauer an. Ferner hat Wundt seinen Entwicklungsgedanken nur in- Bezug auf die Persönlichkeit und die übermenschliche Macht? ausgeführt. Jedoch das Merkmal des überweltlichen Wohnortes und der unbegrenzten Lebensdauer läßt er dem Kulte entspringen.. Ferner erschöpfen die Merkmale Wnndts unfern religiösen Gottesbegriff nicht.' Er spricht immer von „übermenschlicher" Macht, die er den Dämonen entnimmt. Wir aber stellen uns- Gott als den „Allmächti g en" '-irv vor, aber nicht als einen, nur übermenschlich Mächtigen. Ferner werden die Allwissenheit und die Allgegenwärtigkeit der Gottheit von Wundt mit keinem Wörtchen erwähnt, geschweige denn entwicklniigs-- geschichtlich dargestellt. Doch kehren wir wieder zu Wundt zurück. Der Seelen-- begriff und seine Metamorphosen, der höchste Begriff „Gott" fallen nach Wundt nicht mit der Religion zusammen. Wenn auch beide eng verbunden sind, jedoch Verbindungen bedeuten keineswegs Identität der Bestandteile. Auch dem Uebergang vom Polytheismus in Monotheismus legt Wundt gar keine Bedeutung bei. Es sind dies leere Zahlenschemata, nach denen sichder Wert einer Religion nicht bemessen läßt, so wenig wie der Wert einer Ehe nach der Zahl der- Kinder. Es sind diese Religionsformen nur Reflexe irdischer Gesellschaftsordnungen.- Der Götterstaat fördert ebenso gnt wie der menschliche seinen Herrscher. Dieser' oberste Gott kann sein ein prirnii8 inter pares wie bei den Griechen oder wie bei den Israeliten, daß die Untergötter Engel sind, die seine Befehle ausführen. Reiner Monotheismus ist ein Produkt der Philosophie, hat aber als- Volksreligion nie existiert, weder im Judentum mit seinen Engeln,, noch im Christentum mit seinem Tritheismus, am allerwenigstem aber im Katholizismus mit seinen Heiligen, an dessen Dogmen- und Kulten Wundt kein gesundes Haar läßt. Ihm ist derKatholizisnnis nur eine Enzyklopädie aller Religionen ansgestattet mit' einem Polytheismus, wie ihn reicher die Welt kaum in dem griechischen Götterknlten gesehen. Es ist nicht unsere Aufgabe das Christentum gegen bie Angriffe Wnndts zu verteidigen, aber das Judentum als Politheistische Religion hinznstellen, müssen wir kategorisch zurückweisen. Wer die jüdische Engellehre nur teilweise kennt, weist, wie Meimonides (Führer der Verirrten, H. T., 6. Kap.) erklärt,- daß den Engeln keine Realität zukomme. Sie sind keine Götter,, sondern erschaffene -Wesen wie der Mensch. Selbst antropomorph' gedacht kommen ihnen nicht einmal die wenigen Attribute zu, die Wundt als die Merkmale der Gottheit aufstelll. Sie sindvon dem Willen der Gottheit abhängig und verfügen nicht über u n b e s ch r ä n k t e, sondern höchstens über übermenschliche Macht. Auch hier wirkt verhängnisvoll die schon erwähnte Vermischung der Begriffe zwischen übermenschliche und unbeschränkte' Macht. Ans diesem Grunde ist es ein Irrtum, in dem Unter-- schiede von Polytheismus und Monotheismus nur leere Zahlenschemata zu erblicken. Nein! Im Polytheismus kann unser Gottesbegriff nicht zum vollen Ausdruck kommen, weil, woviele Götter sind, die unbeschränkte Macht oder die Allmacht Gottes nicht bestehen kann, weil wie wir dies bei der altgriechischen Religion sehen, der eine Gott die Macht des andern beschränkt. Was nun Wundt endlich behauptet, daß der Monotheismus nur ein Reflex der irdischen politischen Ordnung ist. Also nicht wie S chiller sagt: „In seinen Göttern spiegelt sich der Mensch," sondern in seinen Göttern spiegelt sich die. soziale Ordnung^ Dieser Behauptung widerspricht ebenfalls die Logik der Tatsachen. Nach Wundt sollte doch der Monotheismus in erster Linie dort zur vollen Blüte gelangen, wo Despotisnurs. Alleinherrschaft die einzige Negierungsform war, alfo in Aegypten^ Persien usw. ■ (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.