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Die Wahrheit · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 8. Seite 6 Die Wahrheit Pen» Uorker Briefe. New-Iork, 2. Februar 1911. Geehrter Herr Doktor! In meinem heutigen Brief will ich vom Nathan Straus- Ehrenabend berichten. Dieser Abend ist für das Judentum umso denkwürdiger, als einem Juden die höchfte« Ehren, die nur von den obersten Spitzen und von den Bürgern eines Staates znkommen können, zuteil wurden. Als ich so mitten-unter den Festgästen stand und all' die Männer, die sich im politischen Kampfe als erbittertste Feinde gegenüberstanden, beobachtete, wie sie alle bloß einem Zwecke huldigten, ihren berühmten jüdischen Mitbürger — Wohltäter der M e ns chh eit, wie sie ihn im Laufe ihrer Reden nannten — zu ehren, da erschien vor meinem geistigen Auge mein geliebtes Vaterland in schwarze Wolken gehüllt, welche die Sonne, das Licht des Verstandes nicht zu durchbrechen vermag. Doch mehr als die Reden aller Persönlichkeilen im warmen Saal, haben mich die tosenden Ehrenknndgebungen der Volksmengen, Christen und Juden, die trotz des grimmigen"Frostes bis spät in die Nacht ausharrten, gerührt. Ich verstand mm Strauß' Worte: .,Jch will nicht geehrt, ich will bloß von der Menge verstanden sein!" Ich halte es nicht für nötig. Ihren Lesern die Bedeutung Strauß' für das gesamte Menschentum zu schildern. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu' erzählen, wie Strauß seit zwanzig Jahren den Kampf gegen die Tuberkulose aufgenommen hat, und wie er mit Hilfe seiner wunderbaren Maschinen, die er auch in Wien demonstriert hat, schließlich als Siegerdas Schlachtfeld behauptete. Zwanzig Jahre hat er gekämpft. Zwanzig Jahre war er den heftigsten Angriffen seiner Gegner ansgesetzt. Aber mit der ihm eigenen Standhaftigkeit — hielt er sich doch immer die Rettung des Großstadtkindes vor Augen — verfolgte er sein Ziel. Mit Stolz konnte er gestern ausrufen: „Meine einstigen Feinde sind gekommen, mich zu ehren." Unter den 100 Gästen befanden sich: Gouverneur D ix, General Mil es, John D. Rockefeller juu., der türkische Botschafter in Washington, Murza Dali Kuli Kahn und Zia Pascha, Edward M. Schepard,' William R. Hearst, Borough-Präsident . Mectneny, Professor D. Jakobi, Edward L a u t e r b a ch, William Sul zer, Kontrollor P r e n d e r g a st, Marcus Brau n, Rev. Dr. Samuel S ch n lmanu und Haley Fiske. Letzterer hatte Strauß in New Zjorker- Zeitungeu wiederholt angegriffen; durch seinen neuesten Erfolg bekehrt, gehört er nun' zu den eifrigsten Anhängern Strauß'. Präsident Taft bedauerte in einem Telegramme, daß seine amtlichen Pstichten ihn daran hinderten, an dem Bankett teilznnehmen. „Das Werk des Gefeierten", schrieb der Präsident, ..mn ß es jedem zum Ve.rgnügen machen, sich an d essen Eh rnn g zu b eteilig en." Gouverneur D i x, der in seiner Rede Strauß als den n n e i g e u n ü tz i g st e n Menschen hinstellte, schloß mit den Worten: „Unser Ehrengast ist einer der wenigen, v o n d e n e n ■man mit Recht sagen kann, daß durch dessen V o r b i l d d i e W e l t s i ch s o weit gebessert hat, daß es wert ist, auf i h r zu leben." Nachdem zahlreiche andere Redner, unter denen Prendergast, Hearst und Professor Jakobi dem Ehrengast Tribut gezollt hatten, erhob sich der Gefeierte selbst zu einer längeren Ansprache. Er erzählte in einfachen und doch zum Herzen gehenden Worten, wie er vor zwanzig Jahren den Entschluß faßte, das Leben kleiner Kinder zu retten. Immer, wenn sich ihm Hindernisse in den Weg stellten, habe er die Dankschreiben von Müttern und Kindern durchblättert, die ihn zu neuen Taten auspornten. Wenn er heftigen Angriffen ausgesetzt war, sagte er sich immer: „Beleidigungen töten n i ch t, a b e r r o h e M i l ch tut es." Strauß schloß mit den Worten: „Ich bitte Sie, meine Person ni ch t i n B e t r a ch t zu ziehen und das eine im Auge zu behalten, daß Pasteurisierung der Milch viele Menschenleben retten kann und gerettet hat." ■ Nun überreichte ihm Kontrollor Prendergast ein A l b n m mit.einer v o n allen städt ischen B e amt en Unterzeichnete Adresse,, hierauf, schloß nun Rev. Dr. S ch ulman n mit einem Gebet, das mit einem Segen für Nathan Strauß endigte,, den denkwürdigen Ehrenabend. Auf meinem Heimweg gesellte sich der in hiesigen Kreisen durch, seine nicht allzugroße Jndenfreundlichkeit bekannte Buchimporter Mc. H y n a zu mir. „Ich zähle Strauß zu den bedeutendsten Männern der Jetztzeit." „Strauß ist ja Jude," erlaubte ich mir einzuwerfen. „Vom Standpunkte seiner wissenschaftlichen Erfolge betrachtet," erwiderte Hynä, „ist Strauß in meinen Augen eben Strauß. Ich will damit gesagt haben, daß seine Religion in Anbetracht seiner Bedeutung ganz in den Hintergrund tritt." Diese Worte charakterisieren den New Iorker Antisemiten. Er haßt, den Inden in Bezug auf seine Religion; er erkennt aber des Juden Wirken und Arbeit au. In unserer lieben Donanstadt ist man zwar noch nicht soweit, den Juden die Rechte znkommen zu lassen, die sie verdienen. Doch möge n s ich me in e W i en er Brüder nicht entmutigen l a s s e n. D i e Zeiten s i n d n i ch t m e h r s o ferne, wo sie mit Stranß ausrufen werden: „Unsere e i n st i g e n F e i n d e sind g e k o m m e n, uns zu ehren." Mit besten Grüßen Ihr I. P. Justus. ' Uerlrand der isr Religionslehrer an den öftere. Mittelschulen Der Ausschuß des Verbandes hielt am 15. d. M. unter dem Vorsitze des Obmannes Prof. Dr. Heinrich Pollak eine Sitzung ab, in welcher zahlreiche und wichtige Agenden ihrer Erledigung zugeführt wurden. In Angelegenheit der nichtdefinitiven Religionslehrer an den Staatsmittelschulen, deren Lage den/Ausschuß schon in der Januarsitzung eingehend beschäftigte, wurde nachfolgende Resolution mit Motivierung an den Vorstand der Wiener isr. Knltnsgemeinde beraten und beschlossen: Während der Staat, in dessen Dienste die isr. Religionslehrer an den österr. Mittelschnlen stehen, nur wenigen der Standesgenossen eine gesicherte Existenz bietet, die Knltnsgemeinde ihrerseits, obgleich sie dazu gesetzlich nicht verpflichtet ist, den Religionslehrern au den Volks- und Bürgerschulen eine gesicherte Existenz verliehen hat, befinden sich die nichtdefinitiveu Religionslehrer an den österr. Mittelschulen in einer sehr mißlichen,- der Gerechtigkeit keineswegs entsprechenden Lage. Ganz besonders diejenigen, die ausschließlich diesem Berufe obliegen, da sie auch jener Benefizien entraten, die denen zugute kommen, die als Rabbiner wirken und nur im Nebenamt öffentlichen Unterricht erteilen. Diese nichtdefinitiven Religionslehrer an den Staatsmittelschnlen sind nur mit Remuneration entlohnt, die im Falle einer mehr als 4wöchentlichen Erkrankung gesperrt wird. Ihre Familien genießen nicht den allergeringsten Versorgnngsanspruch. Weder der Staat noch sonst jemand erfüllt irgend eine Pflicht gegen sie, wenn man von der als Monatslohn geltenden Remuneration absieht. Aber sowohl der Staat, als auch die Kultus- Gemeinde läßt es nicht daran fehlen, ihnen gegenüber sämtliche Rechte gleichwie allen definitiven Professoren gegenüber geltend zu machen. Die Landesschnlinspektoren und Direktoren überwachen ihre Leistungen und referieren darüber an die Unterrichtsbehörden, der von der Knltnsgemeinde bestellte Inspektor referiert an den Vorstand der Knltnsgemeinde. Jede dieser Amtsstellen verlangt, daß diese nichtdefinitiven Religionslehrer den notwendigen Idealismus und volle Berufsfrendigkeit stündlich in die Klasse bringen, daß sie, akademisch und -theologisch gebildete Männer, ihre Leistungen stets auf der Höhe halten, niemand aber bekennt sich zur elementarsten Pflicht, sie und ihre Familien vor den Folgen allmählicher oder plötzlicher Arbeitsunfähigkeit zu sichern. Dieser Zustand muß von jedem Billigdenkenden als völlig unhaltbar anerkannt werden.

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