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Die Wahrheit · 1911-02-24 · Heft 8 (24.2.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 8. Darauf erwidert nun Dr. Ratheuau folgendes: Ich war etwas erstaunt, dies populäre Argument des „Staates im'Staat" von meinem Freunde ausgenommen zu sehen; denn er selbst blickt auf feiner und seiner Gemahlin Seile auf zwei stattliche Reihen jüdischer Vorfahren zurück, bereu nationale Gesinnung bekannt ist. Gleichviel. Sehen wir einmal zu, was die Lehre, von der Jnternationalität der Juden bedeutet. Schwerlich gibt es heute noch einen ernsten Beurteiler, der behauptet, im Kriegsfall möchten sich die deutschen Juden auf die Seite des Feindes stellen. Ebensowenig habe ich den Vorwurf gehört, sie hätten je in Friedenszeilen mit einer auswärtigen Macht zu liebäugeln oder zu konspirieren gesucht, um Deutschlands Stellung oder Politik zu erschüttern. Die Sinnlosigkeit der antinationalen Unterstellung wird doppelt evident, wenn man die unvorsichtigen Vergleiche mit Polen, Elsässern und Dänen prüft, die in diesem Zusammenhang geradezu als schlagende Gegenbeweise erscheinen. Polen, Elsässer und Dänen blicken auf außerdentsche politischen Zentren; die Polen auf ihr altes autonomes Königreich, die Elsässer auf Frankreich, die Dänen auf Dänemark. Wollte man unter den Juden selbst den kleinen Prozentsatz der Zionisten ernsthaft politisch fassen, so könnte man nur sagen, daß es sich um ein Auswanderuugsideal handelt. Eine Absplitterung deutscher Landesteile zugunsten eines jernsaleminschen Staates hat wohl noch niemand befürwortet oder befürchtet. Es bleibt also für die überwiegende Mehrzahl der Juden die Tatsache notorisch, daß sie außerhalb des Reiches kein politisches Zentrum oder Ideal kennen, wahrend die deutschen Katholiken, deren Nationalitätsgesühl kaum augezweifelt werden dürfte, jenseits der Alpen ein anerkanntes religiöses Zentrum verehren, das sich politisch durchaus nicht immer indifferent verhält. Während man nun ganz mit Recht Polen, Elsässer und Dänen als gutgläubig national so lange anerkennt, bis sie selbst den Gegenbeweis erbringen, hat man sich in aller Ruhe daran gewöhnt, die Juden ohne die Spur eines Anhalts des Antinationalismus zu beschuldigen und ihnen den Rechtfertigungsbeweis zuznschieben; ja mau geht, wie die Ausführungen meines Freundes zeigen, noch weiter und hält den durch bürgerliche Minderung bestraften Unverdächtigen drohend das Beispiel der verdächtigen und unbestraften Fremdnationalen entgegen. Der Jude soll durch die Taufe den Nachweis der Loslösuug erbringen; — — Loslösung wovon? Von seiner Familie? Seiner Religion? Nein: von seiner Nation. Wo liegt diese? Gewerbsmäßige Antisemiten haben den Humor, zu antworten: in der Alliance israelite; indem sie nämlich eine wenig bekannte internationale Wohltätigkeitsanstalt mit den Schrecken des Freimaurertums staffieren. Was würden wohl die deutschen Katholiken antworten, wenn man von ihnen verlangte, sie möchten durch Uebertrttt zur evangelischen Kirche den Nachweis ihrer Loslösuug von ausländischen Religionsorganisationeil erbringen? Ich will meinen Widerpart nicht dialektisch widerlegen, sondern mich mit ihm verständigen. Deshalb komme ich ihm einen Schritt entgegen und nehme an, er habe folgendes gemeint: die Inden stellen die Einheit der Abkimft, die Einheit der Religion und der Familie über die nationale Einheit; sie sind daher schlechte Staatsbürger. Der erste Teil des Satzes, den ich auf Grund meiner Erfahrung bei kultnvierten Juden aufs entschiedenste bestreite, läßt sich weder für diesen noch für irgendeinen anderen Volksteil beweisen oder widerlegen, abgesehen davon, deß es eine unwürdige Zwecklosigkeit ist. seinem Mitmenschen in die tiefsten Falten seines Gewissens nachzuspüren. Politisch entscheidend ist der zweite Teil: sind die Juden schlechte Staatsbürger, oder sind sie es nicht? Da ist zunächst daran zu erinnern, daß wir nicht mehr im Zeitalter der Gefühksbehauptnugen, sondern in einer wissenschaftlich forschenden Epoche leben. Die exaltierte Beschuldigung der Brunuenvergiftung und Hostienschändung führt heute nicht mehr Tausende zur Folter und zum Tode. Wir haben die Möglichkeit, Massenbeschuldigungen experimentell zu prüfen. Wo ist nun das Material politischer oder kriminaler Statistik, das auch nur den Verdacht schlechter Bürgerschaft bei den Juden rechtfertigt? Können fünsmalhunderttailsend leicht erkennbare^ statistisch kontrollierte, scharf beobachtete Menschen ein nationales Delikt so heimlich verbergen, daß kein Reagens sich trübt und kein Zeiger ansschlägt? Und hat man das Recht, in einem wissenschaftlich genannten Zeitalter so unbewiesene, ja negativ , widerlegte Mastenbehauptuugeu zur Grundlage einer Politik zu machen? Weiter. Die deutsche Judenschaft ist in Handel und Wandel, in Besitz und Kultur so eng an das Wohlergehen der deutschen Länder und des Deutschen Reichs angeknüpft, daß kaum ein anderer Teil des Volkes in gleichem Maße leiden würde, wenn die politische Macht Deutschlands sich senkte. Viele der kultivierten Länder bieten den Inden bessere wirtschaftliche Aussichten als Deutschland, fast alle bieten ihnen größere Rechte. Wenn sie dennoch ihre wirtschaftliche und kulturelle Existenz an das Land ihrer Heimat gekettet haben: ist es dann wahrscheinlich, daß sie dem Geschick dieses Landes gleichgültig oder übelwollend gegenüberstehen? Aber genug der negativen Beweise. Was ist denn eigentlich nationale Gesinnung und Betätigung? Besteht sie lediglich in devoten Tiraden oder aggressiven Liedern? Dann gebe ich die der Inden gerne preis. Oder besteht sie in liebevoller und hingebender, aufopfernder und freier Kulturarbeit zu Ehren und znm Segen des angestammten Landes? Dann möge der anfstehen, der vor Gott und Gewissen behaupten kann, daß die deutschen Inden ihr Maß von Kulturarbeit nicht ehrlich und reichlich erfüllt haben, daß sie nicht mehr zu Deutschlands Hoheit, Glück und Ehrebeigetragen haben als alle berufsmäßigen Antisemiten zusammengenommen. In diesem Znsammenhang ziemt es kaum und beschämt es fast, vom Materiellen zu reden. Dennoch sei die Frage gestellt: was geschehe wohl, wenn die armselige halbe Million deutscher Inden einmal zehn Jahre lang die Mittel, die sie den Zwecken der allgemeinen Wohlfahrt, den Aufgaben der Forschung und den Werken der Kttnst zuwenden, bis zum Eintritt besserer Zeiten thesanrieren wollten? Manches wohltätige Werk bliebe ungeschehen, manches Problem ungelöst — und die deutsche Kunst, so sagen mir einige ihrer hervorragenden Vertreter, könnte auswandern. So viel von nationaler Gesinnung. Doch da ich im Zuge bin, möchte ich noch das Argument eines von mir hochgeschätzten Staatsbeamten erwähnen, das mir der Beachtung wert schien. Er sagte: „Ja, wenn wir die Inden zulasten — — wo sollen wir die Grenze sinden? Das, meine Herren, ist Ihre Sache. Stellen Sie hohe Anforderungen. Scheiden Sie unerbittlich jeden ans, dessen Herkunft, Erziehung, Gesinnung, Talent oder Charakter Ihnen den mindesten Zweifel läßt. Ueberwachen Sie die Ausgewählten mit doppelter Strenge. Und wenn das Material, das Ihrer gewissenhaften Prüfung standhült. noch immer Ihnen zu umfangreich erscheinen sollte: — dann freilich haben Sie recht gehabt, wenn Sie bei dem notorischen Ueberflnß an Talenten in allen Verwaltungszweigen bisher eine so rigorose Enthaltsamkeit übten. Znm Schluß möchte ich neben meinen Gegnern und Fürsprechern auch der Zahl derer herzlich danken, die mir versicherten, meinen Ausführungen könne man wohl beistimmen, an eine Aenderung der bestehenden Dinge könne jedoch in absehbarer Zeit nicht wohl gedacht werden. ' Gewiß, so scheint es. Aber bedenken Sie wohl: wenn heute im Land und Reich die Dinge anders lägen, die Vollberechtigung der Juden durchgesührt wäre, wie in England, Frankreich, Italien, wer würde ihre Aufhebung beantragen? Wer würde von solchem Antrag Erfolg erwarten? Auf der Gemalt der Trägheit beruhen heute diese Dinge, nicht auf Sinn und Recht. Not oder Gesetz. Deshalb kann trotz Lauheit, Schwäche, Indolenz und Uebelwollen die Minderung des Rechts und^die Beugung des Gesetzes keinen Bestand haben. Und wenn wohlwollende Anhänger der Gewohnheit mich mit der Stabilität des Herkömmlichen vertrösten, so antwortete ich ihnen im Vertrauen auf eine immanente Gerechtigkeit: Das Herkömmliche an sich kann sich noch lange halten, auch wenn es schon seinen Sinn verloren hat, jedoch nicht, wenn es znm

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