Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 8 (24.2.1911)
- Date
- 1911-02-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: Wien, H/j Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/VIII. Adnlinisiralion 4938/11. K. l. österr. Vostsparkassa- Scheck-Konlo Nr. lOV.9l8. Inserate: Die oiermal gespaltene ItonparciNe-Zcile 25 Heller. Abonnements- und JniertionSbelräge sind in Wien zahloar nnd klagbar. Mkhängige Iertschrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Ar ei tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Gerugsprei»: I Ganzjährig.U 14.—! Halbjährig.K 7.— |j (Vi'u' Riillne-dennike:!j «öianzjährig ...... K IO. - |yi\r Anslond: «ö!,,»zlahrig.8 Mark 6 Rnvel oder >6 FrcS. Ur. 8. Wien. 24. Februar Inhalt: Staat und Judentum. — Geueralboykott. — New-Iorker Brief. — Verband der israel. Religionslehrer an den österr. Mittelschulen. — Trauerfeier für Baron Albert Rothschild. — Die Religion im Lichre der Völkerpsychologie. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Ein Apikores. — Austritt aus dem Judeutume. Staat nnd Indentnm. Die höchst bedauerliche Tatsache, daß deu Juden in Deutschland, und besonders in Preußen, trotz gesetzlicher Gleichberechtigung die Karriere in der Verwaltung nnd in der Armee so gut wie verschlossen ist) hat in letzter Zeit wiederholt zu öffentlicher Diskussion des obigen Themas geführt, und so finden wir in Nr. 40 des „Tag" einen höchst bemerkenswerten Artikel, dessen Wiedergabe uns um so aktueller erscheint, als er in manchen Beziehnngen auch auf die Verhältnisse in Oesterreich zutrifft. Ein, wie die redaktionelle Bemerkung sagt, ruhig erwägender und klar denkender Großgrundbesitzer äußert sich dort in Entgegnung ans einen vorher in dem Blatte veröffentlichten Aufsatz von Dr. W. Rathen an in folgender Weise: „Sie fragen, warum hält der Staat eine Menge seiner begabtesten und tüchtigsten Bürger fern von der Verwaltung und der Armee, wenn er jedoch denselben anstandslos die Rechte einränmt, sofern sie einen Religionswechsel vornehmen, also eine Handlung begehen, welche in der landläufigen Anschauung keineswegs als besonders schätzenswert angesehen wird. Und Sie deduzieren ganz richtig, daß dies eine inkonsequente und ungerechte Behandlung eines Teiles unserer Mitbürger ist. Sie nehmen an, daß es in erster Linie der Konkurrenzneid der bisherigen Machthaber ist, welcher um keinen Preis einen begabteren und zäheren Nebenbuhler dulden will. Unbedenklich gebe ich zu, daß diese wenig schöne Eigenschaft ein Motiv mit ist; der Neid ist leider ein ' deutsches Nationalübel, aber ausschlaggebend für die Behandlung unserer jüdischen Mitbürger ist dieses Motiv doch nicht. So allein können wir doch nicht erklären, was eigentlich im Innersten unerklärlich ist, die Antipathie. Mit Recht werden Sie mir entgegnen, von Antipathien darf sich keine Regierung leiten lassen, ihr oberstes Gesetz ist Gerechtigkeit und gleiches Recht für alle Staatsbürger. Aber eine Einschränkung wird jede Regierung machen. Zu den Quellen ihrer Macht wird sie nur den zulasten, der den festen Vorsatz zeigt, national zu sein. Auch hier werden Sie mir entgegnen, daß im Laufe der Jahrhunderte jeder Jude die Nationalität seines jeweiligen Landes angenommen hat, der deutsche Jude ein Deutscher, der englische ein Engländer geworden ist. Dem ist aber nicht so. In seiner überwiegenden Mehrzahl ist das Judentum jüdisch, nicht deutsch, nicht englisch, nicht russisch, sondern jüdische und. diese-an sich höchst achtungswerte Eigenschaft, die feste Stammeszugehörigkeit, welche noch erhöht wird durch eine Stammesreligion, macht in den Augen unseres Volkes den Inden zu einem Fremdkörper im Staat. Gewiß, zn einem höchst wertvollen und auch wirtschaftlich hervorragenden Bestandteil unseres Staates, aber nicht unseres Volkstums. Sie mögen es unedel neunen, daß diese Auffassung besteht, aber sie besteht einmal, mib dieselbe Auffassung besteht auch gegenüber anderen Nationalitäten, welche einen Teil unseres Staates, aber nicht unseres Volkes bilden. Keine preußische Regierung könnte heute einen preußischen Untertan polnischer Nation in eine maßgebende Stelle weder der Armee noch der Verwaltung einrücken lassen, der nicht eine Trennung zwischen seiner Person und seinem Volke herbeigeführt hat. Wenn ein Staat fremde Teile sich assimilieren will, so muß er den Zwang ansüben, daß der fremde Teil sich von seinem ursprünglicher« Volke scheidet. Darum verlangt auch dem Juden gegenüber der preußische Staat, daß der Jude sich von seinem Volke lossagt, um ein Preuße zu werden. Und weil die Trennung des einzelnen Juden von seinem Stamme am schärfsten, rücksichtslosesten und unwiderrnsiichsten geschieht durch einen Religionswechsel, so wird als Zeichen der Stammestrennung ein solcher verlangt. Es ist kein ethisches Moment, das hier mitwirkt, sondern ein politisches. Gäbe es einen anderen Weg, die Trennung des einzelnen Juden von seirrem Stamme und die Aufnahme in das deutsche Volk vorzuuehmert, er würde sicherlich mit Freuden gegangen werden. Nennen Sie ihn, wenn es ihn nach Ihrer Meinung geben sollte, und Sie werden eine Frage lösen, welche mit zn den wichtigsten Entwicklnngssragen unseres Volkes gehört. Solange aber dieser andere Weg nicht gefunden ist, solange eine vollständige Assimilation des Judentums mit dem deutschen Volke nicht stattgefunden hat, wird man auch festhalten müssen au der Tendenz, die bisher maßgebend war. nur den getauften Juden zu allen Staatsanstellungen zuzulassen. Daß dies in einzelnen Fällen höchstungerecht sein kann, daß auf diese Weise auch manche wertvollen Kräfte für die Verwaltung mrseres Staates verloren gehen, wer wollte dies leugnen? Aber Sie sehen diesen Vorgang fast in jedem modernen, nationalen Staat. Dort, wo sich aus verschiedenen Bestandteilen ein Volk zusammenschmilzt, auch dort muß der Einzelne seine frühere Stammeszugehörigkeit aufgeben, um ein wertvoller Bestandteil des neuen Volkes zu werden. Auch in dem freiheitlichen Amerika wird der Deutsche erst Regierungsmann, nachdem er Amerikaner geworden ist. Sie sehen also, nicht beispiellos ist das Schiksal der Juden. Der Eintritt in ein anderes Volk kann nur geschehen durch Lösung einer früheren Volksgemeinschaft. Auch die Ausnahmen, welche; einzelne überragende Persönlichkeiten geschaffen haben, ändern nichts daran. Sie machen nur die harte Staatsräson noch härter ' in den Augen der Ausgeschlossenen.''