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Die Wahrheit · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 7. Punkt 11 Uhr stimmte Oberkantor Don F u ch s, assistiert von den ersten Kantoren I u r b e r g er und Ser e b r e n ik und denl verstärkten Chorpersonal die Tranergesänge an, unter deren ' wehmutsvollen Klängen der Sarg gehoben und zu dem vor dem Tore bereitstehenden. Leichenwagen getragen wurde. Ein endloser Kondukt bewegte sich dann zum Zentralfriedhofe. In der Zeremonien Halle traten die Mitglieder der Familie Rothschild auf die Estrade und postierten sich zu den Hänpten des Sarges!. Unmittelbar darauf sang Oberkamor Don Fuchs in tiefer Ergriffenheit das Snlzer'sche „Hazur tomim“, und als er geendet hatte, trat Oberrabbiner Dr. Güde m a n-n an die Bahre und hielt folgenden Nachruf: „Wenn ich an seiner Bahre das Wort ergreife, so vermeine 'ich seine dringende Bitte um Kurze zn vernehmen, die er an mich zu richten pflegte, wenn ich, was leider wiederholt geschah, einem Mitgliede seiner Familie den Nachruf 311 halten hatte. Ihm selbst aber einen längeren Nachruf zn halten, würde vollends seinem Wesen widersprechen. Nicht bloß wegen seiner großen Bescheidenheit, sondern weil er wußte, daß das Beste au einem Menschen der Verschwiegenheit angehört. Bei dem englischen Dichter, den er gern las, heißt es in einer Leichenrede: „Was Menschen Uebles tun, das überlebt sie, das Gute wird mit ihnen oft begraben." Das Erstere brauchte er nicht zu fürchten, das Letztere aber besorgte er selbst. Er hat viel Gutes öffentlich getan, aber noch weit mehr hat er in seiner Verschwiegenheit begraben. Größer als seine vornehme Stellung war seine vornehme Gesinnung, und wenn ihm jene Gelegenheit.bot, helfend, ja rettend, zu wirken, fo zog diese den Schleier der Verschwiegenheit darüber. So will anch ich seinem Wunsche willfahren, damit es nicht scheine, als ob meine Worte seinen Charakter vergrößern würden, während sie nicht an ihn hinanreichen. Aber eine von seinen vertraulichen Aenßerungen, die ich im Laufe von vierzig Jahren von ihm vernommen habe, muß ich doch erwähnen, weil sie seine Stellung zu unserem Glauben beleuchtet, und ich halte es für meine Wicht, diese Note anzuschlagen, damit man erfahre, wie er als Jude von sich dachte. Er sagte mir einmal vor vielen Jahren, aber die Worte sind trotz der langen Zeit mir in der Erinnerung geblieben: „Wenn ich jemals etwas tun sollte, womit ich nach Ihrer Meinung, dem Judentnme Unehre bereiten würde, dann bitte ich Sie, darauf aufmerksam zu machen." Er hat mir nie dazu Gelegenheit gegeben. So will ich denn mit dem Wunsche von ihm Abschied nehmen, den einst — nach den Worten unserer Weisen — ein Wanderer an einen Baum richtete, der alles besaß, was ein Baum nur wünschen kann. Auch er war ein solcher Baum, jener Wunsch aber lautete: Mögen Deine Sprößlinge Dir gleichen!" Abermals ertönten tranergesänge, der Sarg wurde gehoben und durch ein Spalier von Bergknappen ans den Rothschildscheu Kohlenwerken zur Familiengruft getragen, wo Baron Albert Rothschild an der Seite seiner geliebten Gattin zur ewigen Ruhe bestattet wurde. Sein Andenken sei gesegnet! -i- * •* In der Plenarsitzung des Kultnsvorstandes vom 12. Februar, hielt Präsident Dr. Alfred Stern vor Eingang in die Tagesordnung folgende Ansprache: „Ein großes, schweres Unglück hat unsere Gemeinde betroffen. Gestern morgens ist Baron Albert Rothschild gestorben. Gestern abends hat die Jahressitzung der Rothschildschen Küustlerstiftung, welche ihr Entstehen dem Dahingeschiedenen verdankt, stattgefunden. Die unter den Atlwesenden wohl nur mir bekannte Geschichte der Entstehung dieser Stiftung gibt ein schönes Bild der Gesinnung und Tätigkeit des Verewigten, daß ich glaube, sie gerade heute mit kurzen Worten Ihnen vorführen zn sollen. Ich hatte mich vor Jahren für einen notleidenden jüdischen Maler an Baron Rothschild mit der Bitte um Hilfe gewendet und die Erwiderung auf meine Bitte war sofort der spontan knndgegebene Entschluß der Errichtung einer Stiftung von 200.000 L für aufstrebende jüdische Künstler. Unter Mitwirkung des Baron Rothschild wurde sofort das Statut der Stiftung entworfen und hat der edle Stifter auch in der Folge sein reges Interesse bewährt. Es ist bekannt, welch lebhaftes Interesse der Dahingeschiedene, gleichwie auch andere Mitglieder seiner Familie, an der Rothschildsichen Familienstiftung im Spitale unserer Kultusgemeinde nahm. Als vor kurzem der Aerztestand in unserem Spitale eine Vermehrung erfuhr und ich den Dahingeschiedenen aufmerksam machte, daß hiedurch, sowie auch durch verschiedene im Laufe der Zeit im Verfolge der fortschreitenden wissenschaftlichen Behelfe errichteten Hilfsinstitute die Räumlichkeiten für die Aufnahme' von Kranken immer beengt werden und sich als unzureichend erweisen, erklärte er sich sofort bereit, der Kultusgemeinde die Mittel zur Erwerbung eines für Unterbringung jener Hilfsinstitute geeigneten Nachbarhauses zur Verfügung zu stellen, und ist, wie Ihnen bekannt, dieses Nachbarhaus seither angekauft worden. Wie seit langen Jahren, war es stets, und auch, in den letzten Tagen, /sein Herzenswunsch, daß ein der Ehre, Würde und Bedeutung der großen Wiener Kultusgemeinde entsprechender großer Repräsentationstempel in der Inneren Stadt erbaut und hiedurch einem geradezu schreienden religiösen Bedürfnisse abgeholfen werde. Schon vor vielen Jahren hat er in einer Versammlung, welche in diesen Räumen stattfand, einen Betrag von 300.000 IC zngesagt, und im Lanfe der Jahre bei verschiedenen Anlässen hat er mich oft und oft daran gemahnt. Er erklärte es als selbstverständlich, daß jedes Mitglied der Gemeinde, insbesondere jedes Mitglied des Kultnsvörstandes, von dem Gefühle der Notwendigkeit der Erbauung eines derartigen Gotteshauses in Wien tief durchdrungen sein muß. Und als nun in den letzten Wochen einmal er wieder darauf znrückkam, und ich bemerkte, daß unter den heutigen Verhältnissen und bei den beschränkten imb gerade jetzt so vielfach in Anspruch genommenen Mitteln der Kultusgemeinde ein jene damals genannte Summe vielfach übersteigender Beitrag von seiner Stelle zn erhoffen sei und ich eine solch hohe Ziffer nannte, glaubte ich aus der Art und Weise, wie er mein Begehren aufnnhm, zu entnehmen, daß er dagegen im entscheidenden Moment sich nicht ablehnend verhalten dürfte. Was er im Bereiche der Wohltätigkeit, insbesondere bei den großen Hilfsstationen, als es galt, Tausende und Tausende unserer verfolgten Glaubensbrüder vor Not und Elend zu retten, geleistet hat, das ist mit ehernen Lettern in der Geschichte unserer großen Hilfsvereine eingetragen. So zeigte sich der Verewigte als einer der größten Wohltäter unserer Gemeinde, als ein Förderer der künstlerischen Bestrebungen unserer Glaubensbrüder, als ein warmer Anhänger und Förderer ihrer gottesdienstltchen Einrichtungen, als ein edler, treuer Glanbensbruder, dessen Andenken in tlnserer Gemeinde ein unvergängliches, gesegnetes ist und bleiben wird. Und so wollen wir hoffen,, daß gleich wie er im Sinne seiner Voreltern auch seine Söhne in seinem Sinne fortwirken werden. Sie haben, dnrch Erheben von den Sitzen der Trauer Ausdruck gegeben und stimmen zu, daß diese Trauerkundgebnng auch den Söhnen des Dahingefchiedenen mitgeteilt und dem Protokoll einverleibt wird." Generalboykott. Dem „Israelit" wird unter diesem Titel aus Berlin geschrieben: Wenn ein Soldat fahnenflüchtig wird und in das gegnerische Lager flüchtet, so trifft ihn die schwerste Strafe, die das Militärgesetz kennt; in Kriegszeiten wird der Ueberlünfer, sobald man seiner habhaft wird, mit dem Tode bestraft. Mau geht sogar darin auch heute, noch so streng vor, daß selbst diese Strafe am Leben in der diffamierenden Weise des Hängens geschieht, um damit zum sittlichen Ausdruck zu bringen, daß der Verbrecher den verdienten Tod in der entehrendsten und schimpflichsten Weise erleiden sollte. Nach allgemeinem Rechtsempsinden ist dieser eben die verdiente Sühne für ein schweres Verbrechen. Der Verräter, worin immer auch der von ihm geübte Verrat besteht, ist nun einmal ein der menschlichen Gesellschaft gefährliches Subjekt, vor dem man sich nur schwer sichern kann. Wer den Treueid bricht, wer zn einer größeren

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