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Die Wahrheit · 1911-02-17 · Heft 7 (17.2.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 7 (17.2.1911)
Date
1911-02-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 7. dem veröffentlicht das .Berliner Tagblatt" einen merkwürdigen Artikel: „W i r t e u n d die Pogroms". Er ist gearbeitet nach einer eben erschienenen russischen Flugschrift „Der Ansgang der russischen Revolution im Jahre 1905 nsw." Das für uns wichtigste ist das Eingeständnis, daß der Graf Witte die Pogrome als ein wichtiges Mittel seiner Politik bet r achtelhat. Die betreffende Stelle lautet: „Mit Veröffentlichung des Oktobermanifestes änderte sich das Bild jäh: das Manifest, das einen Teil der Gesellschaft politisch befriedigte, brachte eine Spaltung in der revolutionären Bewegung hervor und lenkte die ganze Arbeiterbewegung nicht mehr gegen die Regierung, sondern gegen die Industriellen. Die unversöhnliche Taktik der Revolutionäre rief eine Gegenrevolution hervor, die zwischen dem 1. und 6. November 1905 an hundert Städte und Dörfer ersaßt. Mord und Totschlag richtete sich nicht nur gegen die Inden, sondern auch gegen die revolutionären Elemente und überhaupt gegen alles, was mit der freiheitlichen Bewegung im Zusammenhänge stand. Dieser offene Zwist zwischen den verschiedenen Klassen wurde einzig und allein durch das Oktobermanifest hervorgerufen und entkräftete die Revolution. Da die Regierungsgewalt sich in einer Periode des Schwankens befand und glaubte, sich weder auf die Armee twch auf die Flotte stützen zu können, so rvar die nach dem Oktobermanifest zutage tretende Gegenrevolution eine wohlüberlegte Folge." Daraus würde dann in der Tat hervvrgehen, daß nicht der Gendarmerieoberst Kommissarow. dem man bisher die Aufrufe zu Pogroms zngeschrieben hat, als der eigentliche Sündenbock zu betrachten ist, sondern daß Gras Witte als der Hauptschuldige zu gelten hat. * * Nun hat auch der dieser Tage in Petersburg tagende Kongreß des Russischen H a n d w e r k e r ve r b a n d e s Stellung zur Juden frage genommen und sein Votum über die bekannten für die Juden geradezu schicksalbestimmenden Anträge,' die zur Zeit der Duma zur Entscheidung vorliegen, abgegeben. Der Kongreß hat auf Verlattgen verschiedener Handwerkergruppen, natürlich gegen die stürmischen Proteste der Verbändler, erstens beschlossen, sich im Interesse einer freien Entwicklung des Handwerks für die Aufhebung des j ü d i s ch e n A n s i e d l u n g s r a y o n s zil erklären, und er hat sich dann auch in der Frage der S o n ntagsruhe, gemäß den Antrag des vorbereitenden Komitees, für A u fr e ch l e r h a lt n n g des Status quo ausgesprochen, nach welchem der Sonntag als offizieller Ruhetag " gilt, den kommunalen Selbstverwaltnngsbehörden aber das Recht zusteht, den lokalen Verhältnissen entsprechend eventuell einen anderen Ruhetag als den Sonntag sestzusetzen. Zirka 75 jüdische Delegierte ans verschiedenen Städten des Ansiedlungsrayons nehmen am Kongresse teil. Nachdem die Regierung seinerzeit die Erlaubnis zur Abhaltung einer Konferenz jüdischer Handwerker mit dem Hinweis auf den bevorstehenden allgemeinen Handwerkerkongreß, wo „die jüdischen Handwerker auch ihre speziellen jüdischen Interessen würden vertreten können", abgelehnt hatte, sah man sich nun in jüdischen Handwerkerkreisen veranlaßt, an dem allgemeinen Handwerkerkongreß teilzunehmen. Nach großen Schwierigkeiten gelang es, für die jüdischen Kougreßdelegierten das Aufenthaltsrecht in Petersburg für die Dauer des Kongresses, freilich unter recht lästigen und umständlichen Bedingungen zu erwirken. Und es muß annerkannt werden, daß die jüdischen Delegiertet! mit Energie und Geschick die Interessen des jüdischen Handwerkerstandes vertraten. Der Kongreß hat wieder einmal dokinnenliert, wie wenig schwer es ist. bei zielbewnßter Arbeit die weiten Schichten des Volkes darüber aufzuklären, daß von einer gerechten Lösung der Jndenfrage nicht allein die Geschicke der Juden, sondern in gleichem Maße auch die der G e s a m t b e v ö l k e r u n g abhängen. Besonders gilt dieses vom R a y o n g e s e tz. Die größten Gefahren drohen aber derzeit dem jüdischen Leben in Rußland, wie schon wiederholt hier bemerkt, vom Sonntagsruheg e s e tz e. Sie können nur dann abgewendet werden, wenn von einsichtiger Seite unaufhörlich auf die Tatsache hingewiesen wird, daß unter.'.diesem Gesetze in seiner drakonischen Form mjt den Juden auch der gesamte Mittelstand schwer zu leiden haben wird und daß vor allem Handwerk, Handel und Industrie und nicht zuletzt der Staat die Kosten desselben zu tragen' haben werden. ' Die gallisch-jüdischen Schenker in Wie». Montag nachts zwischen 1 nnd 2 Uhr ist die Massendepntation der galizischen und Bnkowinaer. Schenker mit zivei Zügen der Nordbahn in Wien eingetroffen. Es tvareu ungefähr 2000 Personen, darunter zirka 300 Frauen. Am Perron wurden die Schenker, die unter Führung des Abgeordneten Breiter und zweier Aerzte kamen, won einen Komitee, an dessen Spitze die Abgeordneten Dr. Mahler und Stand, sowie Hofnnd Gerichtsadvokat Dr. Landau standen, empfangen. Nach erfolgter Begrüßung wurde die Rieseuabordnnng für deren Beqnartierung und Verköstigung sich in Wien ein eigenes Komitee gebildet hatte, teils in Hotels, teils in Turnhallen und bei Privaten nntergebracht. Dienstag, den 14. d. M. vormittags versammelten sich die Schenker im „Hotel Central" nnd im „Goldenen Widder." Von dort zögert sie um 10 Uhr in großen Gruppen über die Taborstraße und Ferdinandsbrücke auf den Ring, tvo sie in der Reitallee vor dem Nenbaue des Kriegsministerinms ' auf dem Stnbenring Ansstellnng nahmen. Der Zug, in dem auch eine große Zahl von alten Männern nnd Frauen gingen, erregte großes Aufsehen. Von der Ringstraße aus begäb sich eine Deputation der Schenker unter Anführung der Abgeordneten Doktor S t r a u ch e r, Dr. Mahler, Stand und Breiter in das Handelsministerium. Die Deputation wurde in den Empfangssalon geleitet. Wenige Minuten später erschien der Handelsminister Dr. W e i s k i r ch n e r in Begleitung des Ministers für Galizien Ritter v. Zaleski und einiger höherer Beamten des Handelsministeriums. Abgeordneter Stand schilderte in einer kurzen Ansprache die Lage der durch das Erlöschen des Propinationsrechtes brotlos gewordenen Schenker nnd übergab dem Minister ein Memorandum, in dem die Beschwerden und Wünsche der Schenker eingehend behandelt wurden. Nach dem Abgeordneten Stand sprach der Abgeordnete Dr. Sirancher namens der Bnkowinaer Schenker. Minister Dr. W e i s k i r ch n e r antwortete in seinem Namen und im Namen des Mliusters für Galizien. Er könne zwar gegenwärtig keine Entscheidung treffen, werde jedoch selbst auf eine Besserung der Verhältnisse, insbesondere was die der alten Schenker betrifft, hinarbeiten. Es seien ja nicht alle Schenker in so hohem Alter, daß sie nicht einen anderen Beruf ergreifen könnten. 80 Rekurse seien jetzt schon eingelangt, er erwarte ihrer noch viel mehr.. Man möge ihm aber Zeit zur Lösung dieser Frage lassen. Auf eine Bemerkung des Abgeordneten Dr. Strancher. in Galizien bekämen Hofratswitwen und Leute in guten Verhältnissen Konzessionen, mit denen sie durch 'Weiterverkauf Wucher treiben, antwortete Handelsminister Dr. Weiskirchner, inan möge ihm solche Fälle namhaft machen. Er werde sie mit Objektivität prüfen. Der Minister bemerkte schließlich: Die große Masse der nach Wien gekommenen Schenker sei kein Argnmenr. Es hätte genügt, wenn die Abgeordneten mit einer Deputation von zehn Personen gekommeu wären. Er werde in objektiver Würdigung der Verhältnisse auf eine Milderung hinwirken. Damit war der Empfang zu Ende. In der Kabinetskanzlei des Kaisers. Die Deputation begab sich wieder auf die Ringstraße, wosie sich an die Spitze des Zuges stellte, der sich nun zur Hofburg bewegte, wo eine kleine Deputation in der Kabinetskanzlei ein Huldigungsmemorandum an den Kaiser übergab. Hier wurde die Abordnung von dem Direktor Freiherrn v. Schießl empfangen. Der Führer

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