Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 7 (17.2.1911)
- Date
- 1911-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Zidniinistratiou: Wien, II/1 Zkovaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/V1I1. Admiiilftrakiou 4938/11. fl. k. öftere. Postsparkassa- Scheck-flonio Rr. 100.918. Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 2» Heller. AbonneuienlSnnd Jniertionsbetröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. «abhängige Aeiifchrifi Interessen. für jüöifche iVer»g»preis°: >j Ganzjährig.K 14.— ij Halbjährig. K 7.— tViu: DiltnSbeninte: 'Ganzjährig.K 10.— Erscheint jeden Ireitag. Motto: „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!' (Viit Ausland: (Muii.oiiDviu.8 Mark t> Niiivel oder 10 Fre». ih* *. 7. Wien. 17. Februar Inhalt: Aus der Woche. — Die galizisch-jüdischen Schenker in Wien. — Albert Freiherr von Rothschild. — Generalboykott. — Die Grundzüge des jüdischen Wesens. — Die Religion im Lichte der Völkerpsychologie. — Verschiedene Nachrichten. — Ein Aprikores. — Austritt aus dem Judentume. Ans dev Woche. Samstag, den 11. Februar, ist der Chef des Hanfes S. M. von Rothschild, Freiherr Albert von Rothschild, im 67. Lebensjahre an einem Herzschlage gestorben, und die Nachricht von seinem plötzlichen Tode hat weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus starken und schmerzlichen Eindruck hervorgerusen. Man nannte ihn den ersten Kaufmann der österr.-nngar. Monarchie, er war aber nicht nur ein großer Kaufmann, sondern auch ein Edelmann in des Wortes schönster Bedeutung : vornehm in seinem Charakter, edel in seinem Wirken und Schaffen. Dem Manne, dem die irdischen Güter so reich zugeteilt waren, sind die Bitternisse des Lebens nicht erspart geblieben. Seit dem Tode seiner edlen Gattin, die ihm frühzeitig durch eine tückische Krankheit entrissen wurde, wurde er in seiner Familie vielfach von Unglück heimgesucht nnd von all den schweren Schicksalsschlügen flüchtete er sich nicht zu leichten geselligen Vergnügungen, sondern zn ernster wissenschaftlicher Arbeit, zur Betätigung künstlerischer Neigungen und vor allem suchte er Trost in großzügig angelegten Wohlsahrtsaktionen. Nicht allein die Pflicht des Besitzes, vielmehr noch der innerste Drang seines edlen guten Herzens leitete ihn dabei, er förderte mit freigebigen Mitteln Kunst und Wissenschaft und war empfänglich für Not und Leiden der .Armen nnd Gedrückten, denen er mit nimmermüden, gütigen Händen die Last ihres Daseins erträglicher machte. Ans dieser hohen Gesinnung des Verblichenen erklärt sich die allgemeine Teinahme, die sich von den höchsten Stufen des Thrones bis zur niedrigsten Hütte bei seinem Ableben kundgab. Besonders tief wurde sein Heimgang von der jüdischen Glaubensgenossenschaft weit nnd breit empfunden, denn unerschütterlich und fest hat er sich stets als Jnde bekannt — so war es Tradition in feinem Haufe nnd so wird es hoffentlich auch bei seinen Kindern bleiben. * * Am selben Tage, an dem Baron Albert Rothschild von dem offiziellen Wien auf seiner letzten Fahrt begleitet wurde, am selben Tage, ja zur selben Stunde konnte man auf der glänzenden Wiener Ringstraße ein Massenelend verkörpert durch Hunderte nnd Hunderte - brotloser Juden sehen, die aus weiter Ferne hieherkamen, um von den maßgebenden Faktoren ihr vernichtetes Existenzminimum znrückznfordern. Fordern? Nein, wir Juden haben uns leider das Fordern abgewöhnt. Betteln und bitten müssen wir im Staate der Gleichberechtigung; betteln und bitten um das. was für jeden anderen ganz selbstverständlich ist, betteln und bitten um das Stückchen täglichen Brotes. Die armen, verhärmten Gestalten, wie sie im stummen Zuge zum Parlamente wallten! Habt Ihr sie gesehen in ihren alten Kaftanen und Pelzmützen, mit den erstarrten Mienen, mir den vereisten Barren, mit den still weinenden Weibern'? So wallte einst Israel zum Berge Sinai, von wo es ein göttliches Wort, eine Verheißung erwartete; so wallten die entrechteten Parias zum österreichischen Reichsrat. wo sie einen Machrspruch, eine Verheißung erwarteten. Gebeugte Greise, die durch ein halbes Jahrhundert ihre Schankkonzession ansübten, werden plötzlich an den Bettelstab gebracht, arme Witwen mit kleinen Kindern werden dem mordenden Hunger preisgegeben. Als wir von den schrecklichen Pogromen in Rußland hörten, da dachten wir bei allem Jammer und Schmerze im Stillen: bei uns wäre das doch nicht möglich. Ist denn diese Art des langsamen Hinrichtens etwas anderes als ein Pogrom? Dort richte: mau sie hin, hier nimmt man ihnen das Brot — w o ist da der große Kulturgegensatz zwischen dem W e steu und dem Osten? So geht es den Schenkern, so geht es den Hausierern, so geht es den kleinen Geschäftsleuten nnd Beamten. Und welche Waffe setzen wir ihnen entgegen? Wie die erfrorenen Schenker mit ihren Weibern in der engen Volksküche saßen, wo sie vergeblich nach einem bischen Schnaps, ihrem einzigen Lebenswecker, verlangten, da hörte man sie nicht klagen. Nur ein stummer Blick zum Himmel und Gott wird helfen! Das ist alles. In diesem Sinne bleibet aufrecht! Denn in eurem Elend gibt es wahrlich nur zwei Faktoren, die euch helfen können: einen Gott und einen Kaiser! * * Bei den Verhandlungen des Preußischen Abgeordnetenhauses am 3. Februar ergriff bei der Besprechung des I u st i z e t a t s der Abgeordnete P e l t a s o h u das Wort, um tadelnd hervorznheben, daß bei der Annahme der A s s e s s or e n „immer noch nach der Herkunft, der Religion und der Gesellschasts» sähigkeit geforscht werde" und meinte „über solche Absonderuugsbestrebungen sollten wir doch endlich hinaus sein". Er. betonte ferner, daß auch bei der Answahl der Schössen kein Unterschied wegen der Religion gemacht werden dürfe nnd begründete diese Bemerkung mit den Worten: „Die jüdische Bevölkerung hat darüber zu klagen." Der Minister nahm keinen Anlaß aus diese wohlberechtigten Vorwürfe zu antworten. * * * In Rußland finden neue Ausweisungen statt. Diesmal galt die gesetzlose Maßregel den Apothekern in Kiew. Außer-