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Die Wahrheit · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 7. Zeichnung der Dinge. An der äußersten Grenze des Wissens erhebt sich die Frage: was liegt Jenseits? Bei jeder Erklärung, was ist die Erklärung dieser Erklärung. Von allen Seiten tönt uns "Agnostizismus entgegen. Wir können die Erfahrung nicht überschreiten. Gegen diese Wahrheit haben Religion und Wissenschaft gefrevelt. Die Religion wurde irreligiös, sofern sie behauptete vom Uebersittnlichem ein Wissen zu besitzen. Die Religion ist -nichts anderes als die Lehre von der letzten Unbegreiflichkeit der Welt. Es ist das Verdienst der Wissenschaft durch ihre Kritik diese irreligiösen Elemente anszumerzen. Aber auch die Wlssen- - schüft ist unwissenschaftlich, wenn sie behauptet, sie besitze da ein Wissen, wo es kein Wissen geben kann. Ein dauernder 'Friede ist nur möglich, wenn Religion anfhört nnreligiös zu sein, d. h. wenn sie einsieht, ihr Mysterium ist ein Letztes und Absolutes, und die Wissenschaft unwissenschaftlich zu sein. d. h. ,zur Ueberzengitng gelangt, daß ihre Erklärung nur relativ ist. 'Die Wissenschaft ist somit keine Feindin der Religion, nur eine Gegnerin religiöser Jrrtümer. Wo Religion anfängt, endet die Wissenschaft. Sie kehren einander den Rücken und treffen wieder .zusammen im Absoluten. Wir kennen die letzten Gründe nicht, so müssen wir ein „Unknowable“ postulieren. Dieses nun ist die Domäne der Religion. Nach Spencer ist die Religion somit nichts anderes als das große asylum ignorantiae der Vernunft. Hier nun liegt der Fehler des ganzen Spencerischen Systems. Er sucht die Entstehung des Mythos ans einer Verfassung des menschlichen Bewußtseins zu begreifen, die dem mythologischen Denken entwachsen ist. Der primitive Mensch hat kein Kansalbedürfnis. DerZnsammenhaug der Erscheinungen rekrutiert sich ihm nach Interessen, da ist alles praktischer Art. Erfolg im Unternehmen, Schädigung des Feindes, nsw. Sehr richtig bemerkt Wandt in seiner Völkerpsychologie. Dem Gewohnten, Alltäglichen gegenüber empfindet der Naturmensch gerade wie das Kind, auf einer frühen Stufe der Entwicklung, kein Kansalitätsbedürfnis. Er nimmt die Dinge wie sie gegeben sind und kann sich diese Regelmäßigkeit gar nicht hinweg denken. Erst wenn der Lauf der Dinge durch ein plötzliches Ereignis gestört wird, als meteorologische Ereignisse, Tod, nsw. kann von einem Erwachen des Kansaltriebes gesprochen werden. Wir müssen den Humeschen Kausalitätsbegriff, der behauptet, daß wir Grund und Folge aus der Gewohnheit abstrahieren, nmkehren; uidjt aus der regelmäßigen Folge der -Erscheinungen geht die Vorstellung der Kausalität hervor, sondern das Unerwartete ruft Staunen und Schreck hervor. Auch ist die Behauptung Spencers psychologisch unfaßbar, daß auf einer solch unbedeutenden Tatsache, aus dem Traume, ans der Illusion des andern Selbst, ein solch mächtiges Gebilde, wie die Religion entstehe. Was Spencer dem religiösen Gefühle bietet, ist herzlich wenig. Es kann das Herz nicht befriedigen. Er blieb stehen, wo Kant am Ende der „Kritik der reinen Vernunft" beim Agnostizismus. Man stellte an Spencer die Anfrage, ob er nicht, wie Kant, die Begriffe der Religion dem praktischen Bedürfnisse retten könnte. *) Zeigte ja Kant, daß die drei Hanptbegriffe der Religion: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit mittels der reinen Vernunft nicht zu beweisen sind, und doch stellte er sie als unentbehrliche Postulate der praktischen Vernunft hin? S p e n cer weist dies zurück. Wohl fragt er: Is it not just possible tliat there is a mode of being as mucb transcending Intelligence and will, as tbis transcend mecbanical motion. Ist es denn unmöglich, daß es eine Daseinsform gebe, die eben so hoch über Wille und Intelligenz stehe, wie diese über mechanische Bewegung. Doch blieb Spencer in seiner Antwort konsequent. Sein strenges intellektuelles Gewissen verbiete ihm mehr .zu bieten, so sehr er es wünschte, daß er es könnte. Viele wollen deshalb Spencer znm Atheisten stempeln, was falsch ist. Er war keineswegs religiösen Einflüssen unzugänglich. Dies zeigen seine letzten Aufsätze. Seine „Facts and Comments“ ferner seine „Reflexionen“, die feiner Autobiographie angehängt sind. Im Gegensätze zu Haekel, der die letzte -Konsequenz aus seinem System gezogen und den Allstritt aus Otto Gaup: Herbert Spencer. der kirchlichen Gemeinschaft vollzog, mit dieser entscheidenden Tat zeigend, daß er von der Wahrheit seines Monismus vollständig überzeugt, daß er die Welträtsel endgültig gelöst, erklärte nun Spencer, daß seine synthetische Philosophie das Welträtsel so ungelöst als je läßt. Düstere Visionen des unermeßlichen Weltalls drängen ihm sich aufdie Unendlichkeit des Raumes, die unzähligen Sonnen, der verschwenderische Reichtum des Lebens in Gegenwart und Vergangenheit, der nie rastende Rhythmus von Werden und Vergehen. Er kann die Frage nicht los werden; wozu dies alles? Er weiß, daß es darauf keine Antwort gibt, danebenher gehe der lähmende Gedanke: Wie, wenn es für alles das, was uns so unbegreiflich ist, überhaupt kein Begreifen gebe". Spencer also antwortet auf die Frage über das Wesen der Religion wieder nur mit einem Fragezeichen, sein Gott, wenn man einen solchen nach Spencer postulieren kann, ist lmr Hypertrophie des Kausaltriebes. Die Furcht vor ihm nichts anderes, als das Rätselhafte, das Unbekannte, die Uebergewalt, die wir fortwährend von der physischen Natur erfahren. Die Wissenschaft aber kann kein Fragezeichen als Antwort akzeptieren. So wollen wir denn auf Wundt übergehen und hören, ob er positivere Aufschlüsse über das Wesen der Religion geben k a n n. Wund t verwirft den Intellektualismus Spencers, denn Wandt ist Voluntarist. Die Wurzel der Religion ruht nicht in der Vernunft, sondern im Gefühl und Willen. Er macht ferner einen Unterschied zwischen Mythos und Religion. Mythos ist ein Produkt der mythenbildenden Phantasie, d. h. die Projektion der Gefühle in die Objekte ist derart umfassend, daß sie als beseelt, als persönliche Wesen erscheinen. Die Religion hingegen entnimmt ihren Inhalt dem Mythos, entspringt eben einem ethisch-metaphysischen Gefühle. (Fortsetzung folgt). Verschiedene Nachrichten. Wien (Israelitis ch e r B e rh a u s v e r e i n „Am B o l ke r tu) Nunmehr wird der seit einer Reihe von Jahren in Erörterung und Beratung stehende Herzenswunsch des Vorstandes, ein großes, würdiges Gotteshaus, verbunden mit einer Bibel- und Talmnd-Thoraschnle zu erbauen, verwirklicht werden. Da ans Grund Allerhöchster Ermächtigung Seiner k. n. k. Apostolischen Majestät das Ministerium sür Kultus und Unterricht laut Erlasses vom 13. Dezember 1910, Z. 50959 in Willfahrung des Gesuches des Vorstandes bewilligt hat. daß der aus Anlaß des Allerhöchsten 80. Gebnrtsfestes im 3X Bezirke der Stadt Wien zu erbauende Tempel den Namen „Kaiser Franz Joses I. Huldigungstempel" führen und im Siegel tragen dürfe, wurde vor wenigen Tagen der in Aussicht genommene Baugrund an der Kaiser Josefstraße käuflich erworben und mehr als der dritte Teil des Kaufpreises per 115.000 Kronen erlegt. Nachdem auch die - dem Vereine in finanzieller Beziehung jederzeit entgegenkommende Muttergemeinde dieses große, dem allgemeinen Bedürfnisse in diesem Bezirkssprengel dienende Werk fördert, dürste ehebaldigst der Ban in Angriff genommen werden. Ans diesem Grunde wird die sür Sonntag am 19. Februar 1911, abends halb 6 Uhr im Tempelgebäude, II. Fugbachgasse 7 ein berufene Generalversammlung von besonderem Interesse und Belange sein. Wien. (Kaiserlicher D a n k.s Dem Vorstände des Brigittenauer israel. Tempelvereines ist nachstehendes Schreiben zugekommeu: „Seine Exzellenz der Herr k. k. Starthalter sür Oesterrerch unter der Enns hat im Allerhöchsten Anstrage sür die anläßlich der Feier des 80. Geburtssestes Seiner Majestät telegraphisch znm Ausdrucke gebrachte alleruntertänigste Loyalitätskundgebung den Beteiligten den Allerhöchsten Dank bekauntgegeben. Hievon setze ich den israelitischen Tempelverein im XX. Gemeindebezirke zufolge Erlaßes der k. k. n. ö. Statthalterei vom 5. Jäincer 1911. Pc.-Z. 4098 ex 1910 in Kenntnis. Wien, am 9. Jänner 1911. Der Bürgermeister: Dr. Nenmayer m. p." Wien. (V o r r r a g aus jüdischer Geschichte, Literatur und K n l l n r.) Donnersrag, den 16. Februar 1911, präzise 1j28 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architekren-Bereines, I., Eschenbachgafie 9. ein Vortrag des Herr» Rabbiners Dr. S. Funk ans Boskowitz statt. Thema: „Alr-Babylonien. Land und Leute." Mit Vorführung von. Lichtbildern. Eintrirt frei, ohne Karten. Wien. Der Borstandsdame des „Frauenhort," Frau Regine K o p st e i n wurde von Sr. Majestät dem Kaiser der Elisabeth-Orden verliehen. Wien. (KaiserFranzJosefs-Ferienheim, IX. Türkenstcaße 17.) Gesuche um Aufnahme in die diesjährigen Kolonien sind Mittwoch, Donnerstag und Freitag in der Zeit von 4 bis 6 Uhr nachmittags durch Vater, Mutter oder Vormund persönlich unter Mitbringung des Kindes im Vereins bureau, IX. Türkenstcaße 17 vorzubringen. Mitnahme eines Armutszeugnisses erwünscht.

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