Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 6 (10.2.1911)
- Date
- 1911-02-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 6. Besetzung der städtischen Stellen gegen — eine Schachtel Zigarren und gegen ein Fläschchen Parfüm. Breznövsky ist im Prager Gerichtssaal verurteilt worden. Denn der wegen Ehrenbeleidigung angeklagte Friseur Ferdinand Turek, der den Stadtverordneten Breznovsky für eine Postenvermittluug die „kleinen Geschenke" gemacht haben will, wurde freigesprocheu; der Richter nimmt an: „Es ist u a ch g e w i es e n, daß Stadtverordneter Breznovsky d i e P a r fü m s u n d d i e Z i g a r r e n als Entlohnung angenommen und sie nicht zurückerstattet hat." Der klerikale „Oech" hat schon am IO. Januar geschrieben, „daß es sich bei der ganzen Affäre um nichts anderes handle, als einen den Juden unangenehmen Stadtverordneten zu beleidigen". Natürlich. Wenn eitl Antisemit der Bestechung überführt wird, ist das nur eine Jntrigne der Inden. Die Antisemiten und die Klerikalen dürfen auf ihren Führer stolz sein, der für einige Zigarren für sich und für ein Parfümfläschchen fürs „Fräulein Toni" zu kaufen ist. In den nächsten Tagen werden die klerikal-antisemitischen Zeitungen vermutlich einen Feldzug gegen die Inden eröffnen. Das pflegt ja bei uns das Ende vom Liede zu sein, so oft ein Antisemit einer nicht tadelfreien Handlung überführt worden ist. Heute ist es durch die antisemitische Agitation fast zum Gesetz geworden, daß ein Jude keine öffentliche Stellung bekleiden, darf. Die Juden werden boykottiert und verdrängt, übergangen und ausgeschlossen. Mit Recht. Denn wenn man waschechte, so waschechte, ausgesprochene und unverschämte Antisemiten wie dieseit Breznovsky zu Abgeordneten und Stadtverordneten macht, kann mau doch ihrer Ehrlichkeit sicher sein? Ehrlichkeit und Antisemitismus sind bekanntlich identisch. Oder ist die Affäre Breznovsky keine Ausnahme? * * Unter sämtlichen Rednern der galizischen Enquete hat keiner so frei und rücksichtslos den galizischen Machthabern die Wahrheit gesagt, wie der Abgeordnete Stand, der folgendes aussührte: Die heiltige Enquete ist bereits die zweite. Ihre Borgängeriit fand in denselben Räumlichkeiten statt. Seit jener Zeit hat sich die Lage der galizischen Juden bedeutend verschlimmert. Auf Grund reichhaltigen statistischen Materials wies Redner nach, daß im letzten Jahrzehnt 14% der jüdischen Bevölkerung Galiziens auswandern mußten, daß 32% der Zurückgebliebenen ohne Beschäftigung ein rätselhaftes Dasein fristen. Zu den Beschäftigten werden bereits „Kanflente" mit einem jährlichen Betriebskapital von 150 bis 200 Kronen gezählt. Was hat die Landesregierung für die Juden getan? Ist während dieser zwanzig Jahre die leiseste. Aenderung in ihrer kalten, gleichgültigen, meistens übelwollenden Behandlung der Juden zu merken gewesen? Wir haben zu einer solchen Regierung, die uns gegenüber antisemitisch, im besten Falle asemitisch ist, kein Vertrauen. Jährlich werden 300.000 Kronen vom Landesausschuß für die verschiedensten Institutionen an Subventionen verausgabt; auf jüdische Zwecke entfallen hiervon 3000 Kronen. Wir haben ein riesiges Jntelligenzproletariat. In Ostgalizien bilden die Inden 34% aller Mediziner, 60% aller Advokaten, die im tötlichen Koukurrenzkampf ersticken, während ihnen der Eintritt in die Aemter versagt ist. Die Wiener Zentralregierung hat sich doch bewegen lassen, Juden als Post- und Bahnbeamteu anzustellen, bei der galizischen Landesregierung waren unsere Bemühungen vergeblich. Im Auditoriat, bei allen politischen Behörden, in den autonomen Aemtern finden wir keinen einzigen jüdischen Beamten. Hunderte von Schulen werden gesperrt oder nicht eröffnet, während hunderte jüdischer Lehrkräfte stellenlos herumgehen. Jüdischen Handwerkern wird in den Landesbanken kein Kredit gewährt, jüdische Prodttktivgenossenschaften bei Lieferungen übergangen. Die jüdische Industrie wird nicht unterstützt, in den aus den Landesfonds subventionierten Fabriken keine Juden angestellt. Der jüdische Handelsstand wird schikaniert; hunderten von jüdischen Krämern werden keine Gewerbescheine ausgefolgt; man läßt sie ohne Erlaubnis handeln, um sie durch ihre rechtliche Unsicherheit für die politische Gefolgschaft der- Schlachta gefügig zu machen. In die Statuten der Handelsgremien, die trotz der Wiener christlichsozialen. Umtriebe von der Zentralregierung in ziemlich günstiger Form bestätigt wurden, schmuggelt der galizische Instruktor mit stillschweigendem Einverständnis der Landesregierung antisemitische Bestimmungen ein. Wir glauben nicht an den guten Willen einer Regierung, die uns gegenüber das Gesetz nicht anwendet, die in der Verwaltung Mißbräuche übt oder sie toleriert. Die Juden haben das Recht, zu fordern, daß die ihnen vom Gesetze garantierte Gleichberechtigung im praktischen Leben angewendet werde. Bedeutet die heutige Enquete einen Wendepunkt im bisherigen System? Oder bleibt es beim alten Kurs? Für den letzten Fall ist die Enquete überflüssig. Nur für den Fall einer gründlichen Aenderung entwickelte Redner seine Ansichten über die notwendigen Reformen und stelle eine Reihe von Forderungen zur Hebung der ökonomischen und kulturellen Lage der galizischen Judeuheit. Redner betonte, daß die Inden Galiziens die höchsten Stenern zahlen, ihrer Militärpflicht gehörig Nachkommen und daß sie das Landesbudget erleichtern, indem sie ans eigenen Mitteln Spitäler, Waisenhäuser und Schulen erhalten. Eine einzige Baron Hirsch - Stiftung hat dem Lande ein Geschenk von 25,000.000 Kronen gemacht. Das Land ist verpflichtet, der jüdischen Rettungsaktion tatkräftige Hilfe zu gewähren. Die Grundbedingung einer jeden Reform ist die vollständige Gleichberechtigung der Juden vor Gesetz und Behörde. Redner schloß mit den Worten: „Wir wollen keine Privitegien, — dazu sind wir zu schwach; wir bitten um kein Almosen, — dazu sind wir zu stark. Wir verlangen vollständige Gleichberechtigung'" * * So eigentümlich es auch klingen mag, existiert in Ungarn dennoch ein katholischer Bischof, der als Beschützer und Protektor der Jtlden bezeichnet werden kann. Ueber diesen interessauten Fall wird dem „ Magyar orßzag" ans Gyn!asehslvä,r geschrieben: Historischen Daten zufolge siedelten sich unter der Regierung Kaiser Josef II. im 18. Jahrhundert mehrere aus Spanien vertriebene Familien in der Nähe der Gyulafehvrvarer Festung an. Die neuen Emigranten wurden allem Anscheine nach nicht nur von den Christen, sondern auch von den Juden als Eindringlinge betrachtet. Kaiser Josef, der dies witßle und den jüdischen Ansiedlern wohlwollend entgegenkam, stellte sie unter den Schutz des Gynlafehsrvarer Bischofs. Ans dieser Weise wurde ein katholischer Bischof Protektor der Juden. Das Protektorat erlosch zwar äs facto mit der Schaffung der 48er Gesetze, allein das gute Einvernehmen zwischen den Juden und dem jeweiligen Bischof bestand weiter fort und besteht noch heute zwischen dem Bischof Graf Georg M a j l ä. t l e und den Spaniolen, die noch jetzt eine separate Gemeinde bilden. So haben die spanische Juden den Grafen MajlLth allläßlich seiner Ernennung korporativ als ihren Protektor begrüßt. Interessant ist, daß die Juden auch bei der Wahl des Rabbiners diesen den Bischof vorstellten. Auch zu den Festdiners wird der Rabbiner zugezogen und der Bischof trägt sogar Sorge dafür, daß dem Rabbiner koscher zubereitete Speisen vorgesetzt werden. Wenn die Tochter eines spanischen Juden heiratet, stellt der Bischof dem Brautpaar seine Prachtkarosse zllr Verfügung. Auch der am 28. Juni v. I. verstorbene Bischof Lönhart war ein Freund der Juden. Es wird erzählt, der greise Kirchenfürst habe llicht nur die ältesten Mitglieder der spanischen jüdischen Gemeinden gekannt, sondern auch ihre Kinder und Enkel, die dem greisen Bischof schwärmerische Liebe und Verehrung entgegengebracht haben. Die Inden in der Technik» der Knnst» der Mi Isen schuft nnd als Forscher» Entdecker nnd Erfinder. (Fortsetzung.) Auch unter den großen Forschungsreisendeu finden wir viele Inden: Dies kann keinen wundern, der die jüdische Eigenart kennt. War doch das jüdische Volk von altersher ein Wandervolk. Keine Nation der Welt ist soviel umhergewandert von einem