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Die Wahrheit · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6. Weise" der Menschheit geschenkt wurde. Was will man über diese Offenbarung in unserer Zeit noch sagen? Und doch, wir Juden haben allen Grund in diesem erhabenen Gedichte noch mehr zu sehen, als das vielgepriesene Hnmanitätsideal. Indem Lessing den Gedanken ansführt, daß sich die Menschen als Brüder verstehen lernen sollten, und für diese Idee kein herrlicheres Symbol finden konnte als die Familie, hat er, ein neuer Prophet, das ausgesprochen, was uns Inden am meisten bewegt und ergreift. Mögen flache Kritiker naserümpfend das Urteil fällen, der „Nathan" schließe wie ein bürgerliches Familiendrama, so rufen wir begeistert ans: Es ist aber die ganze Menschheit, die das unsterbliche Werk des Meisters als Familie umfaßt. Und nun wollen wir nicht hundertmal Gesagtes wiederholen, das man in allen Literaturgeschichten finden kann. Nicht sprechendavon wollen wir. wie Mendelssohn und L e s s i n g Freunde wurden, wie sie sich lieben und verehren lernten, sich gegenseitig beeinflußten und ergänzte!!. Jeder Gymnasiast weiß -es, daß Mendelssohn von L e s s i u g in der Person des weisen Nathan gezeichnet wurde. Weniger dürfte es bekannt sein, daß zu manchen anderen edlen Gestalten des unsterblichen Meisterwerkes, wie zum Beispiel zu der des „Derwisch" Juden als Modelle dienten. Es war ein jüdischer Mathematiker, Abraham Rechenmeister mit Namen, der dem Dichter vorschwebte, als er diese liebenswürdige und köstliche Gestalt zeichnete. Moses Wessely war es, der das Erscheinen der dramatischen Gedichte am meisten förderte. Noch etwas über den glänzendsten Edelstein in diesem Gedichte. über die Parabel von den drei Ringen, in der, nach uns wohlbekannter belehrender Weise — man denke an die herrlichen biblischen und talmndischen Parabeln — der Beweis erbracht werden soll, daß die Duldung, die Menschlichkeit, die Liebe und reinste Sittlichkeit das Wahre in den Religionen bilden. Professor Tobler in Berlin wollte im Jahre 1871 Nachweisen, daß Boccacio, der große italienische Novellist, die Ringerzählung aus einem altfranzösischen Gedichte des 13. Jahrhunderts schöpfte, das damals unter dem Titel: „Li dis du vrai aniel“ <„'Sage vom echten Ringe"), erschien. Das sei die älteste bekannte Aufzeichnung der Parabel. Aus Boccacio hätte Lessing geschöpft. Wir wollen der gelehrten Beweisführung des Professors Dobler nicht widersprechen. Aber auf eines wollen wir doch hier verweisen. Im Jahre 1554 hatte Josef ibn Berga in Adrianopel das von seinem Großvater Inda in Sevilla begonnene, von seinem Vater Salomo nahezu vollendete Werk, .„Scliebefcli Jehuda“. durch Zusätze ergänzt. In. dieser „kurzgefaßten Darstellung der Zuchlrute Judas", die von den Leiden und Verfolgungen des jüdischen Stammes in der Diaspora erzählt, wird die Sage von den drei Ringen zuerst in der allgemein menschlichen Weise dargestellt und mitgeteilt, die sie bis auf Lessing bewahrt hat. Und in die europäische Volksliteratur ist diese schöne Sage wahrscheinlich ans dem Werke eines jüdischen Renegaten, Petrus Alphonsi, und zwar aus dessen berühmtem Werke „Disciplina clericalis“, gedrungen. Doch was soll'» mit all' diesem gelehrten Forschen nach dem Ursprünge des Märchens? Mit Saladin rufen wir aus, wenn wir es aus dem Munde Nathans hören: „Herrlich! Herrlich!" Sind jemals in einer Dichtung erhabenere Worte gesprochen worden als die Nathans? „Es eifre jeder seiner unbestochneu, Von Boriirteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Komme diese Kraft mit Sanftmut, - Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit in Gott, Zu Hilf!" — Wir begreifen nach diesen. Worten, wenn Heine von Lessing sagt: „Einige seiner Zeitgenossen liebten ihn. Keiner verstand ihn". Wer versteht ihn heute? Aber der Nathan ist mehr, als was ihn H e i n e bezeichnete, mehr als „eine gute Komödie und eine philosophisch-theologische Abhandlung zu Gunsten des reinen Deismus." Nathan ist eine Befreiung von dem tyrannischen Buchstaben und dem despotischen Vorurteile, die Erlösung des von starren Fesseln gebundenen Geistes der Menschheit. „Verkannt, gehaßt und verschrieen" starb L es sing. Mendelssohn, sein bester Freund, glaubte den Dahingeschiedenen mit Eifer verteidigen zu müssen, da man ihn des Spinozismus beschuldigte. Und hat sich dabei selbst den Todeskeim geholt. Mag sein, daß Lessing s philosophische und theologische Schriften vonvielen als wichtiger betrachtet werden, denn seine Dramaturgie und seine Dramen. Wir Inden werden ihn aber um seines „Nathan" und seiner herrlichen Ringparabel willen ewige Verehrung und Dankbarkeit zollen. Für uns ist dieser mutige Kämpfer nicht tot. Gewaltig erhebt sich seine Gestalt über dem feindlichen Gewoge unserer Tage, verehrend blicken wir zu ihr auf. Er ist uns die verkörperte Wahrheit, nach derer rang und für welche er sein Herzblut opferte. Dr. Max Grünfeld. Ans der Msche. Der Kurs, in dem das österreichische Abgeordnetenhaus segelt, wird recht augenfällig durch das Hausiergesetz gekennzeichnet, das gegenwärtig in dem hohen Hanse zur Beratung steht. Wie durch das Schänkergesetz für Galizien tausende armseliger jüdischer Familien erbarmungslos ihres kargen Erwerbes beraubt wurden, so wird auch hier wieder, angeblich um den bedrängten Gewerbestand zu retten, auf Kosten armer jüdischer Existenzen dem antisemitischen Moloch ein Opfer gebracht. Allerdings spricht das Gesetz nur von Hausierern im Allgemeinen, aber wie der Abgeordnete Mahler treffend bemerkte, nian sagt Hausierer und meint den Inden zu treffen. Zudem ist die Durchführung des Gesetzes so vielfach von dem Wohlwollen der Gemeindeverwaltungen abhängig, daß mau sicher sein kann, daß die vorgesehenen Begünstigungen nur arischen Hausierern zu Gute kommen werden.' Die psychologischen Motive zeigten sich im Laufe der Debatte in ihrer ganzen Nacktheit, und als Abgeordneter Dr. Mahler ans die Härten und Gransamkeiteil des Gesetzes hinwies, da ging die ganze antisemitische Mente deutscher und tschechischer Couleur ans ihn los und artete sogar in Tätlichkeiten ans. Ein volkswirtschaftliches Bedürfnis kann dem Gesetze gewiß nicht beigemessen werden, es ist nichts als eitles, die Volkswirtschaft schädigendes Blendwerk, um. den schon schäbig gewordenen Glanz der christlichsozialen Gewerberetter in den Angen der Wählerschaften wieder blank zu putzen. Aber wie lange noch? Endlich werden die vielen Betörten und.Enttäuschten doch zur Besinnung gelangen und mit ihren Verführern strenge Abrechnung halten. * * * Die letzte Nnmmer der Prager „Selbstwehr" enthält ein gelungenes Konterfei eines solchen mehr für seine Tasche als für das Bolkswohl bedachten Volksretters, der mit folgenden Bemerkungen gezeichnet wird: Jeder Jude in Böhmen weiß, wer der Handschuhmacher und Stadtverordnete.Breznovsky ist: Wien hat seinen Bielohlawek, Schneider und Vergani, Prag seinen Breznovsky und Baxa. Man weiß luie diese Demagogen sich zu ihren Würden emporgehetzt haben. Mik den vergifteten Waffen der Ritnalmordhetze und der Judenbeschimpfung haben sie sich den Weg zu ihren Mandaten und Stellen gebahnt. Breznovsky hat bei den Wahlen in die fünfte Kurie im Jahre 1897 die klerikale Menge dadurch für sich gewonnen, daß er versprach, niemals etwas gegen die Klerikalen zu unternehmen: Er hat sein Versprechen treu und redlich gehalten. Seine Hanpttätigkeit bestand in wüsten Hetzreden gegen die Inden und im Reichsrate besonders darin, daß er von der Staatsanwalt konfiszierte antisemitische Hetzbroschüren immunisierte und so dem tschechischen Volke zu einer-wertvollen Literatur verhalf. Jetzt wissen wir ans der Prager Gerichtsverhandlung, daß Breznovsky zu allem andern noch bestechlich ist. Wer wundert sich? Das sind die" untadeligen Judenfeinde, die die Inden die habgierigen und ehrlosen Mammonsknechte nennen. Ein Revolverjournalist Bruhn weiß die Macht der Presse in skrupelloser Weise auszunützen, ein B r e z n o v s k y verkauft seinen Einfluß auf die

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