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Die Wahrheit · 1911-02-10 · Heft 6 (10.2.1911) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 6 (10.2.1911)
Date
1911-02-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Es ist .das Jahr, in dem Kants „Kritik der reinen Verminst" erschien. Ein solcher Manu, dem die rslio, die reine Vernunft, über alles ging, war auch der Freund Mendelssohns. Wenn Heine in seiner „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" sagt, daß kein Deutscher den Namen L e s s i n g s aussprechen kann, „ohne daß in seiner Brilst ein mehr oder minder' starkes Echo laut wird", so können wir Juden getrost hinznfügen, daß der Name des teueren Mannes auch uriser Stolz und unsere Wonne ist. Wir wollen keinen Gedenktag, der uns an ihn erinnert, vorübergehen lassen, ohne mit Ehrfurcht seineil Namen auszusprechen, getreu dem Satze, den er selbst in seinem Fragmente „Die Religion" ausgesprochen hat und welcher lautet: „Kein Verjähren gilt vor der Vernunft Gericht". Es kann natürlich die Ansgabe der folgenden schlichten Zeilen nicht sein, auf die literarische Bedeutung eines L e s s i n g auch nur hinzuweisen. Erinnern wollen wir hier nur daran, was er für uns Juden gewesen ist imb ihm zu seinem 130. Todestage den Zoll der Dankbarkeit darbringeu. Die Literaturgeschichte lehrt uns, daß weder Schiller noch Goethe der darstellenden Kunst so nahe getreten sind, wie Lessiug. Er lernte das deutsche Theater in seinen niedrigsten Ansängen kennen und führte es zu den höchsten Zielen. Goethe dachte, obgleich er als Theaterdirektor seines Amtes waltete, nicht allzuhoch von der Schanspielknltst und hat sich von ihr in seinen Greisenjahren ganz abgewandt. Schiller hatte immer nur die Bühnenwirkung im Auge, auf die schauspielerischen Mittel aber war er wenig bedacht. Lessing aber ist der große Reformator der Dramaturgie, der Denker, der von der Schauspielkunst und über sie groß zu denken lehrte. Vortreffliches über ihn hat in dieser Beziehung Alfred Klaar in seiner „Geschichte des modernen Dramas" gesagt. Was aber L es sing für uns Juden als Theaterdichter bedeutet, das will noch mehr heißen. Er hat uns die bürgerliche Ehre gegeben, die uns, und nicht allein vom niedrigen Pöbel, verweigert wurde. Und da weisen wir zunächst hin auf das kleine Lustspiel, das der Zwanzigjährige im Jahre 1749, wie er selbst sagt, „verfertigte". Es heißt „Die Inden". Sollte dieses Stückchen wirklich verjährt, verschollen bleiben? Mag sein, daß kein Schauspieldirektor sich heute finden wird, der es anfführen möchte. Wir wollen auch nicht die vorlaute Frage anfwerfen, ob es allen Bühnenleitern bekannt ist. Aber vor der Vernunft Gericht wird dieses unscheinbare Lustspiel nicht verjähren. Wir behaupten, daß in ihm, vor 162 Jahren, alle jene Fragen berührt werden, die uns, auch heute noch, bewegen. So langsame Fortschritte macht für uns die Entwicklung der Menschheit. Wenn „der Baron" alle Gemeinheiten „das Tückische, das Ungewissenhafte, das Eigennützige, Betrug und Meineid" den Juden ausis Kerbholz schreiben möchte, und „der Reisende" darauf schlicht sagt: „Ihnen die Wahrheit zu. gestehen; ich bin kein Freund allgemeiner Urteile über ganze Völker", ist es nicht so, als hörten wir verwandte Stimmen unserer Zeit und die Erwiderung darauf: Das Verallgemeinern bedeutet die größte Ungerechtigkeit. Und wie köstlich klingt die Rede und Widerrede am Schlüsse unseres Stückchens, wenn „der Baron" „dem Reisenden" gegenüber bekennen muß „O, wie achtnugswürdig wären die Juden, wenn sie alle Ihnen glichen," und „der Reisende" darauf antwortete: „Und wie liebenswürdig die Christen, wenn sie alle Ihre Eigenschaften besäßen." Aehnlich hat auch der unvergeßliche Auerbach einen durch seine Judeufreundlichkeit gerade nicht bekannten höheren Gerichtsbeamten abgefertigt, der wünschte: alle Juden sollten dem Dichter der „SchwarzwälderDorfgeschichten gleichen. 1749, in dem Jahre da Goethe geboren wurde, der als Greis, in seinen Gesprächen mit Eckermann, manches, nennen wir es gelinde, verletzende Wort über die Inden gesprochen, hat Lessiug, den Befreier, vor dessen kritischem Schwerte sie alle zitterten, die Mucker und Heuchler, durch sein scheinbar anspruchsloses Lustspiel befreiend auch für die verachteten Juden gewirkt und gezeigt, daß sie bester seien, als der Rllf, den über sie hoher und niederer Pöbel verbreitere. 1749—1779 l 30 Jahre. Und doch, was bedeutet dieser so kurze Zeitraum in dem Leben Lessings! Welche Fülle von Dichtung und Wahrheit, von Poesie und Kritik, von Dramen und bewunderungswürdig gelehrten Arbeiten hat, er in diesem Zeitabschnitte seinem Volke und der Menschheit gespendet! Das kann man jetzt in jeder halbwegs brauchbaren Literaturgeschichte Nachlesen, wenn deren Verfasser — es gibt auch solche — nicht durch das Vorurteil so verblendet sind, L e s s i n g, den Vorurteilslöseu, den Vertreter der Humanität, den schonungslosen Kritiker und „Götzeu"zerstörer, herabsetzeu zu wolleu. lieber diese Pygmäenseelen wollen wir getrost zur Tagesordnung übergehen. 1779 — glorreiches Jahr, da das „Evangelium der Humanität", wie man es 511 nennen pflegt, das Licht der Welt erblickte. 1779 ist das große Jahr, in dem „Nathan der

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