Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 8. Die Wahrheit. 9!r. o. Tempelvereiu des XIII. Wiener Kezirkrs. Am 20. Januar fand die sechste ordentliche Generalversammlung dieses jüngsten Wiener Tempelvereines unter guter Beteiligung der Mitglieder statt, wobei die Vereinsleitung die Freude hatte, Herrn Kommerzialrat Leopold Simon als Vertreter des löblichen Wiener Knltusvorstandes begrüßen zu können. Der Vorsitzende. Direktor Dr. S. Kren berge r, erstattete den Bericht über das verflossene Jahr und konnte dasselbe als ein . gesegnetes, für die Zukunft des Vereines sicher glückliches bezeichnen. Zunächst hat der Verein im abgelaufenen Jahre 33 neue Mitglieder gewonnen. Er erreicht heute schon die Zahl der Mitglieder anderer Tempelvereine und steht nur mehr den Tempelvereinen des 2.. 20. und 9 Bezirkes nach. Aber mit deni allgemeinen Anwachsen des dreizehnten Gemeindebezirkes stieg auch die Zahl der jüdischen Einwohner. In der letzten Wählerliste für den Wiener Kultusvorstand waren für Hietzing 209 Zensiten verzeichnet und die Kurie der Höherbeftenerten zählt in Hietzing 16 Herren. Nun darf man nicht vergessen, daß viele Hietziuger Einrvohner tu den inneren Bezirken ihre Bnreanx haben und daselbst Wähler sind, und daß ferner viele Juden garnicht in der Wählerterliste stehen. Zudem ist die jüdische Bevölkerung Hietzings fast durchaus bemittelt. Arme finden sich nur wenige. Es ist weiterhin Sorge zu tragen, daß die Mitgliederzahl des Tempelvereiues wachse und wie bisher wird persönliche Agitation dazu beitragen. Das zweite wichtige Moment bildet der Ankauf eines Baugrundes zur Errichtung eines Tempels. Der jetzt benutzte Betsaal ist zu klein und teuer. Entsprechend große und der Bestimmung passende Lokale sind im 13. Bezirke nicht zu finden. Da die Herren des Tempelvereines die Betätigung des Glaubens au heiligen Orten für die Erhaltung und Festigung des Judentums für wertvoll und wichtig halten, da ferner im Bezirke selbst für würdige, weihevolle und eindringliche Abhaltung der religiösen und Familienfeiern gesorgt werden muß, weil alle Knltstätteu zu weit entfernt sind, da endlich die Leitung glaubte, daß aus einem gläubigen und national denkenden Herzen auch der Sinn für Gtttestun entsteht, dieses aber, wie die Religiosität, die höchste Form der Sittlichkeit ersetzen kann, ist das Bestreben darauf gerichtet, ehestens einen Tempel .im 13. Bezirke zu errichten. In der Tat Ist der Baugrund bereits zur Hälfte bezahlt und die zweite Hälfte wird ehestens aufgebracht werden. Erst nach schuldenfreiem Grnnderwerb wird der Tentpel errichtet werden. Und hiebei wird wieder der Grundsatz festgehalten werden, der Gemeinde und den Nachfolgern keine Lasten aufzubürdeu. Für diese Bauidee herrscht im Bezirke allgemeine Begeisterung. Drittens verzeichnet die Geschichte des Hietziuger Tempelvereines die Wahl seines Vorstandsmitgliedes, des allgemein verehrten und geschätzten Hofjuweliers Max Z i nt e r. zum Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde. Der Vorsitzende begrüßte neuerlich diesen Erfolg des Tempelvereiues. weil er überzeugt ist, daß Herr Z i rn e r nicht nur die Interessen Hitzings energisch vertreten wird, sondern daß auch an ihm die allgemeine jüdische Wohlfahrt einen Vertreter haben wird. Insbesondere wünschte Dr. S. Krenberger Eintreten für die Erweiterung des Wahlrechtes in den Vorstand der jüdischen Knltitsgemeittde. insbesondere durch Schaffung einer dritten Kurie der Minderbesteuerten. Herr Kassier S. Hofsmann erstattete den Kassenbericht und Herr Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Isidor SpieLmann beantragte als Revisor das Absolutorinm für die musterhafte Kassen- und Buchführtmg. Daraus begrüßte Herr Knltusvorsteher Kommerzialrat Lcop. Simon im Namen des Knltusvorstandes und im eigenen den Verein, erklärte, daß er eine besondere Freude und Genugtuung empfinde, daß in diesem vorgeschobensten Bezirksteile eine so starke und eifrige jüdische Tätigkeit sich etttwickle, versprach seine und des Kultnsvorstaudes Förderung und Unterstützung und besprach dann in glänzender, durch große Erfahrung und Sach--- kenntnis unterstützter Weise die Frage des Tempelbaues und des- Wahlrechtes. In beiden Fällen mahnte er zur Vorsicht und" wünscht vor allen keinen Prunk und Pomp im Tempel und genaue kaufmännische Berechnung beim Bau. Er bekennt sich ' ferner als Gegner der Ausdehnung des Wahlrechtes, weil der Kultusvorstand keine politische,, sondern eine administrative Institution ist. und weil das Steuerrecht und die Steuerpflicht nicht? geregelt und fixiert sind. Den Ausführungen des Redners folgte reicher Beifall. Herr Kultusvorsteher Hofjuwelier Max Z i nt e r dankte nochmals für die Unterstützung seiner Wahl und entwickelte in kurzett markigen Worten sein Programm: Eintreten für die Inter-- essen des Bezirkes und energische Mitarbeit für die allgemeine Wohlfahrt der Wiener Judenschaft. In der strittigen. Frage des- Wahlrechts werde er sich erst infornlieren und sicher das Beste zu entscheiden suchen. In trefflichen Worten begrüßte das Vereinsmitglied Herr- Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ludwig Pick den Verein und die Leitung, worauf über Antrag des Herrn Ingenieur H a j e k? die Wiederwahl des gesamten Ausschusses per acclamationem erfolgte. Der Vorstand besteht also ans folgenden Herren: Direktor Dr. S. K r e n b e r g e r, Obmann; Hermann K n tt e r, Jean. Hertz! a, Obmannstellverlreter; Gustav Iaco b, Schriftführer, Dr. Ernst Karman, Schriftsnhrerslellvertreter; Samuel H o f f m a n n, Kassier, Isidor B e r n f e l d, Kassierstellvertreter ~ Hermann Kuner, Jakob Popper, Ferdinand Herzog. Tempelvorstände; Isidor G ü n s, Jakob König, Josef S m e 1 a n a, Max Z i rn e r, Vorstandsmitglieder; Fritz Blüh, Leopold Goldner, Leopold Redlich, Stellvertreter im Vorstande; Josef Barkan, Franz Josef Klein, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Isidor S p i e l m a n n, Revisoren. Allgemeine Indische Kolonisalions- Organifation. Die A. I. K. O. übersendet uns nachstehende Mitteilungen, denen wir gerne Raum gewähren, weil in ihnen bedeutsame Tatsachen und Anregungen für die gedeihliche Fort-- führung des jüdischen Kolonisationswerkes enthalten sind. Ein jüdisches Finanzinftitut für Bodenerwerb nnd Agrarkredit im Orient. Eine Reihe von Umständen hat in der letzten Zeit bie jüdische Kolonisation im Orient in den Vordergrund treten lassen. Infolge der Ueberfüllung der nordamerikanischen und' englischen Zentren mit jüdischett Emigranten ist die Schaffung? eines neuen Abflußgebietes für den jüdischen Answandererstrom, zur dringendsten Aufgabe derjüdischen Wohlfahrtstätigkeit geworden. Ein solches Abfluß- und Ansiedelungsgebiet hat sich.» nun im Orient eröffnet, wo die Umwandlung der Türkei iw einen modernen Rechtsstaat die für die ersprießliche Entwicklung des jüdischen Ansiedlnngstverkes erforderlichen Garantien bietet und die vor drei Jahrzehnten begonnene, heute anfblühende,. jüdische Kolonisation/ einen vielversprechenden Ausgangspunkt bildet. . Diese Tatsachen, welche in Westeuropa das Entstehen der A. I. K. O. veranlaßt habeil, riefen tlatnrgemäß allch in Osteuropa und Nordamerika eine neue, tiefgehende Bewegung zu Gttusten der energischen Fortführung der jüdischen Ansiedlungstätigkeit im Orient hervor. In Rußland, Rumänien, den Vereinigten Staaten, aber auch auf bent jüdischen Kolonisationsgebiete selbst sind in den letzten Jahren neue, zilin Teil sehr kapitalskräftige Vereinigungen, und. Gruppen entstanden, welche sich den Erwerb und die Besiedelung leerstehender Landstrecken im Orient zum Zweck setzten. Neben dieser genossenschaftlichen Bodenkanfsbewegnng geht eine nicht minder intensive, individuelle einher. Hunderte von bemittelten Glaubensgenossen ans deir. verschiedensten Weltgegenden treffen gegenwärtig in den jüdischem