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Die Wahrheit · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5. Die Wahrheit Lreite 7. ttverden nach und -nach dem Besitztnme der Naturwissenschaft' ^einverleibt. So warz. B. früher die Psychologie eine ausschließlich - Philosophische. Disziplin, wurde aber eine Naturwissenschaft, seit- - dem § er b a r t den glücklichen Versuch gemacht, strenge Gesetze. -der geistigen Tätigkeit anfzustellen und mit Hilfe der Beobachtung . ttind des mathematischen Kalküls ihr ein unerschütterliches Fundament zu bereiten. Im Anschlüsse an Herbarl behauptet! -S tein th n.I, nicht nur die Psychologie ist eine Naturwissenschaft,! sondern alle Geisteswissenschaften, die die Psychologie zur Grundlage haben, als Sprache, Mythus, Sitte nsw. Diesen genialen 'Gedanken nimmt Wundt auf, verfolgt diesen bis in seine -letzten Konsequenzen und kommt zu dem Paradoxon, daß das -geweihreste Gebiet der Geisteswissenschaften, das Wesen der Religion» auch das denknotwendige Ergebnis naturwissenschaftlicher Gesetze -sei, ein Produkt der mythenbildenden Phantasie, gemäß der assoziativen und apperzepliven Seelenvorgänge. Hier eingangs schon tritt an uns die bedeutende Frage 'heran: Vertrügt sich der dogmatische Standpunkt, daß die Religion eine Offenbarung Gottes ist. mit einer naturwissenschaftlichen Erklärung derselbe!!? Wir glauben ja! Ohne der so bedenklichen doppelten Buchführung zu huldigen, mit der so viele sich durch'» '-Leben helfen. Jede naturwissenschaftliche Erklärung.zurückweisen, hieße den Flügelschlag der Zeit überhören, hieße Vogelstrauß- Politik treiben. Wenn wir auch auf dogmatischem Standpunkte steehn, so dürfen wir das Verdienst der großen Forscher der Naturwissenschaft nicht schmälern. Facta loqurmtur. Es genügt, einen Blick auf die technischen und wissenschaftlichen Erungenffchafteu zu werfen. Ja, die Vertreter der Naturwissenschaften -sind groß. In ihrem Herzen lodert der göttliche Funke der Weisheit und sie sind würdig, daß wir bei ihrem Anblicke den schönen .altjüdischen Segensspruch sprechen: „Gebenedeit seist du Ewiger der du deine Weisheit verleihest dem Sterblichen." Unsere Pflicht ist es, ihnen Wort und Rede zu stehen. Ich spreche nicht gerne von der Kürze oder der Beschränktheit des menschlichen Geistes und der unendlichen -Größe der Aufgabe, die unzähligen Objekte der Naturwissenschaft -.zu erforschen. Es gibt für uns Unerkanntes, aber, nicht Unerkennbares, d. h. wir kennen Zs jetzt nicht, was wir aber in absehbarer Zeit kennen werden. Es geht nicht gut heute, wo die Wissenschaft und die technischen Erfindungen gleichsam in geometrischen Progressionen fortschreiten, der Forschung mit Herbert Spencers Agnostizismus und D n b o i s -R e y m o n d s Jgnorabillllls einen wifsenschaflichen Totenschein ansznstellen, da ija gewiß spätere Gedankenriesen mit anderen wissenschaftlichen Einsichten und technischen Hilfsmitteln arbeiten werden. Tylv r zeigt dies an einem anschaulichen Beispiele. August -C o m t e, der Begründers des Positivismus, hielt es für unmöglich, jemals sichere Aufschlüsse über die Zusanimensetznng und den Ban der Planeten zu erhalten. Hätte er aber die Anwendung der Spektral-Analyse von Kirchhof und B u n s e n -auf eben dieses Problem erlebt, so hätte er die Verkündigung der Unwissenheit gelviß widerrufen. Doch wir müssen es eingestehen, das der heutige Stand der Wissenschaft keine letzte Erklärung geben kann. Die Wissenschaft bringt nur Constanz und .Zusammenhang in den Fluß der Erscheinungen. Wir wollen das au einem Beispiele anschaulich machen. Wir kennen zum Beispiel das Gesetz des freien Falles, dessen mathematische Formel, als auch die Wirkung und Reaktion desselben; und doch bei seiner letzten Analyse ist dieses Gesetz ein Mysterium. Wenn die Znrücksührung desselben auf die Anziehungskraft der Erde, dieses wieder auf das Gesetz, nach welchem alle materiellen Teilchen auf einander wirken im graden Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten der Quadratur ihrer Entfernung, so ist es nur ein Znrückschieben der Frage. Die physikalische Erscheinung der 'Anziehungskraft ist und bleibt ein Mysterium, wie etwa der Begriff Seele oder Unsterblichkeit. Wie Albrecht von Haller dies so schön ausdrückt, welchen Satz auch Kant bei den Vor- -lesnngen über seine „Kritik" mit Vorliebe zitierte: „Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist, Zu glücklich, wenn sie die äußere Schale weist". Ullser Verstand ist ja nur ein Phosphoriszieren über die inneren Mysterien, und die uns, wie Newton sagt: wie Kinder erscheinen lassem die am Ufer des Meeres mit bunten Muscheln spielen: „Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben". Wenn also die Psychologie erklärt, daß gewisse religiöse Erscheinungen sich gemäß dem Gesetze der Apperzeption oder Synthese entwickeln müssen, so lösen diese Erklärungen noch immer nicht das religiöse Mysterium. Sie bringen nur Ordnung in die Tatsachen, damit diese dem Verständnisse entsprechen. Die völkerpsychologische Betrachtung der Religion ist ein Kind unserer Zen. Es fehlten die Vorbedingungen dieser Wissenschaft, es fehlte bie- Völkerkunde, die Grundlage der Völkerpsychologie. Diese beschäftigt sich vorzugsweise — sagt Prof. Jerusalems feinem berühmten Lehrbuche der Psychologie — mit den physischen und geistigen Eigenschaften der Naturvölker. Diese werden unter allgemeine Gesichtspunkte gebracht, dadurch treten gewisse „E l e m e n t a r g e d a n k e n" der Menschheit zu Tage, die allen Völkern der Erde gemeinsam sind, und wieder „V ö l k e r g e d a n k e n", die einzelne Völker charakterisieren. Wenn Sie ein Museum für Völkerkunde besuchen, glauben sie ja nicht, daß dieses nur eine Sammlung von Kuriositäten und merkwürdigen Scharteken ist, um unsere Neugierde zu befriedigen, nein, was Sie da sehen, sind nichts anderes als objektivierte Völtergedanken, Materialien zum Aufbau der Wissenschaft des Menschen, die Psychologie. Wundt stellt nun eine solchen Völkergedanken-Statistik — wie dies der Altmeister der Ethnologie B a st i a n zu sagen pflegte — der Religionen zusammen, von den primitivsten Naturvölkern bis zu den zivilisierten Bürgern der Kultur, und abstrahiert die Gesetze der religiösen Entwicklung. Ehe wir auf Wundt eingehen, müssen wir uns noch mit einem Philosophen beschäftigen, der mit seinem mächtigen Geiste fast alle Gebiete des globus intellectualis der Natur- und Geisteswisfenschaften umspannte, besonders aber die Entwicklungsstufen der Religion mit einer Fülle ethnologischen Materials beleuchtete und so unbewußt Völkerpsychologie trieb. Dieser Mann von universeller Bedeutung ist der große englische Philosoph Herben Spencer. Zur Sammlung soziologischer Data bediente er sich der Hilfe dreier akademisch gebildeter Sekretäre. Das Resultat ihrer Arbeit war das achtbändigeRiesenwerk„I)s8criPtivb Soziology". Einen dieser Bünde, ettva im Umfange eines mächtigen Talmudfolianten, widmete er der Beschreibung altjüdischer soziologischer Verhältnisse. Dieses Sammelwerk bildet die Grundlage seiner „Prinzipien der Soziologie". An der Hand des ungeheuren ethnologischen Materials wird uns die Weltanschauung des primitiven Menschen und die Entstehung der Religion vorgeführt. Die Religion entspringt nicht dem Gefühle, sondern dem Kausalitätsbedürfnisse der Vernunft. Die Frage nach dem „Woher" quält den primitiven Menschen. In den Mängeln seines Intellekts sind die Anfänge der Religion zu suchen. Der Seelenglanbe, der Animismus, ist die eigentliche Keimzelle der Religion. Wenn der Wilde aus seinem Traume erwacht, so glaubt er wirklich an einem anderen Orte gewesen zu sein. Er sieht im Wasser sein Bild, dies hält er nicht mit sich identisch. Was wird nun ans diesem andern Selbst, wenn der Schlaf entflohen ist? Er glaubt, es habe sich entfernt, und werde in einem andern Traume wieder kommen. Folglich wenn der Tod kommt, glaubt der Mensch gerne, daß dieses geheimnisvolle, zweite Ich weiter bestehe. Daraus geht der Glaube au Geister hervor, an welche sich Ahuenverehrnng schließt, die niedern Geister unterwerfen sich den höhern, die man Götter nennt. Diese trachtet man günstig zu stimmen, so entstehen mythologische Beschwörungsformeln, Kulte, Organisationen nsw. Der allgemeine Schluß ist: „Furcht vor dem Toten ist die Wurzel aller religiösen Kontrolle." (Fortsetzung folgt.)

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