Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063572-3063577--07103-3074160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5. Serie 6 Die Wahrheit kreierte, zugesetzt hat, läßt sich kaum schildern, Und einzig und allein deshalb, weil er es gewagt hat, der Einweihüngsfeier des jüdischen Hochschulerheims als ehemaliger Präsident dieses Vereines mit seiner Gegenwart zu beehren und die Festrede Hu halten. - . Jeder denkende, selbstbewußte Jude in und außerhalb Galiziens wird diesen Wahlakt mit großer Genugtuung und innerer Befriedigung begrüßen; aber wir können es doch nicht unterlassen, eine Frage aufzuwerfen, welche auf unseren Geschmack wie das bekannte Dtileatnara. (Bittersüß) wirkt. Woher kommt es, daß überhanpt der jüdische Advokatenstand so zahlreich in der Kammer vertreten ist und' so die Möglichkeit gegeben war, sich der allpolnischen Oberherrschaft zu entwinden? Die Antwort ist nicht schwer. Es war die klerikalreaktionäre Brutalität, welche die Polen als Herren der Situation gegenüber dem Stande der jüdischen Juristen seit Jahrzehnten übten, indem sie keinen Juden zum Richterstand zuließen, trotzdem der galizische Richterstand moralisch und wissenschaftlich hochstehende jüdische Richter und Oöerrichter aus früheren nnd freieren Jahrgängen aufwies. Vielleicht wird dieser beklagenswerte Vorgang die jüdische Intelligenz, ja das ganze jüdische Volk zu einem flammenden Proteste gegen diese allpolnischen Vergewaltigungen vereinigen. Unsere zionistischen Abgeordneten tuen es bereits und auch andere Anzeichen werden sichtbar. Schon hörten wir bei der galizischen Enquete Stimmen laut werden, welche ganz in unserem Sinne gesprochen haben, und zwar Leute, von denen man dergleichen nicht erwartet hat. Wer wird so einfältig sein anzunehmen, daß das jüdisch-galizische Volk aus eigenem Verschulden in das tiefste Elend sich gestürzt hat?! Ueber die Verhandlungen der Enquete tu einer folgenden Nummer. Dr. Rüben Vierer. Die Enquete «der die Notlage der Inden in Galizien. (Schluß.) L e m b e r g, 26. Januar. Bei den heutigen Verhandlungen der Enquete über die Lage der galizischen Juden betont Direktor Feldstein, eine einvernehmliche Lösung der Judeufrage werde nicht gefördert, wenn mau die Ansicht vertrete, daß die gegenwärtige Enquete zu einem positiven Ergebitis führen werde. Es werde sich die Notwendigkeit ergeben, eine Reihe von Spezialenqueten einznbernfen, die sich insgesamt mit dem überaus komplizierten Problem zu befassen hätten. ■ Dr. Löwy empfiehlt die tatkräftige Unterstützung des bereits bestehenden Hilfsvereines für die notleidende jüdische Bevölkerung Galiziens, der bereits zu einer ratiotiellen Entwicklung der Hausindustrie in Galizien wesentlich beigetragen habe. Abg. Dr. Diamand erklärt sich dafür, daß den Juden Die gewerblichen Fachschulen in Galizien zugänglich gemacht und Arbeitsvermittlungsbureaux organisiert werden sollen. Abg. Dr. Äolischer konstatiert, daß von den Mitgliedern der Euquetekommissiott lediglich Palliativmittel in Vorschlag gebracht wurden. Es wäre aber wichtig, durch eine Aktion von dauerndem Charakter der künftigen Generation eilt besseres Los zu sichern. Universitätsprofesfor Dr. Sternbach versichert, daß der galizische Landesschulrat sich den Juden gegenüber stets objektiv verhalte. In Uebereiustimmnng mit anderen Rednern tritt Dr. Sternbach für die Unterstützung der von Baron Hirsch errichteten Schulen ein. Handelskammersekretär Dr. Beuis bezeichnet die Erweiterung des Produktionsgebiets im Interesse des ganzen Landes als erwünscht. Dr. Steuermann, Bürgermeister von Sambor, sagt, der Separatismus müsse bekämpft und die Gleichberechtigung durchgeführt werden. Vizebürgermeister Dr. Aschkenasy stellt folgende konkrete Anträge: 1. Die Juden sollen in allen Aemtern im allgemeinen, und besonders in den Landesverwaltungsstellen und anderen Behörden Ansitahme/finden. 2.- Es werde der Unterrichtszwang unter den Inden eingeführt, wobei aber die Voraussetzung geschaffen werden müsse, daß sie den Zwang enthalten halten können. (Samstag soll der Unterricht entfallen, ferner sollen jüdische Lehrer angestellt werden rc.) 3. Schaffung von Bürgerschulen. 4. Den Juden' soll die Möglichkeit geboten werden, die Vorteile der Kredit-, Industrie-, Handwerker- und sonstigen Institutionen zu genießen. 5. Verhalten der Juden zur Bildung von Händwerkergenosseuschaften und soll ihnen Kredite und entsprechende Werkzeuge gewährt' werden. 6. Die Handwerker sollen finanziell unterstützt werden, damit sie ihre Werkstätten mödern entrichten können. 7. Verbreitung von Hausindustrie und Heimarbeiten. 8. Schaffung und Unterstützung von Handelsorgänisationen unter den Juden. 9. Propagierung der Arbeit unter den Juden und sie gewöhnen an Taglöhnerarbeiten. 10. Gründung von Gewerbeschulen mit Berücksichtigting der Jttden. 11. Größere Ueberweisung von Mitteln an die jüdischen Hilfsorganisationen, welche die Zwecke von Punkt 1 bis Punkt 10 zu erfüllen haben. 12. Schaffung einer speziellen Abteilung im Landesausschusse, der die Aufgabe zttfallen soll, durch Abhaltung von Eriquetett und Ausführung von statistischen Arbeiten, das Material vorzubereiten, welches zur Lösung der Fragen von 1 bis 10 dienen soll. Der Präsident der Krakauer Handelskammer, Dattner, beschwert sich darüber, daß von den bisherigen Schankwirten nur ein Teil wieder zur Ausübung des Gewerbes zugelassen wurde und daß die Enthebung übermäßig hoher Schankgebühren den völligen Ruin dieses Gewerbes herbeiführe. Abg. Stand spricht den Wunsch aus, es möge ans eine Aenderuttg der die jüdischen Händler und Krämer besonders schädigenden Bestimmungen des Hausiergesetzes sowie des Gesetzes über die Sonntagsruhe nnd des Beterinärgesetzes hingewirkt werden. Dr. Steinhaus (Jaslo) bespricht die Verhältnisse in Westgalizien. Abg. Dr. Ko lisch er verweist auf die Jttkottsequenz einer Sozialpolitik, welche dem Kapitalismus Vorschitb leistet und sich gegen die wirtschaftlich Schwachen wendet. Eine Aenderung des Gesetzes über die Sonntagsruhe zu Gunsten der Jttden erscheine zulässig, insoferne hiedurch die Sonntagheiligung der andersgläubigen Arbeiter ltnb der Umgebung nicht beeinträchtigt werde. Bei den weiteren Verhaudlnngen sprachen mehrere Redner die Ansicht aus, daß die Erwerbsfähigkeit des jüdischen Proletariats durch bessere Schulung gehoben und daß auch die jüdische Auswandernng zttm Gegenstand eine Fürsorge gemacht werden müsse. Die vom Vizebürgermeister Dr. A s ch k e n a s y eingehend begründeten Postttlate fattden allgemeinen Attklang. Von einer Abstimmung über diese Vorschläge und Anreguttgen wurde jedoch Umgang genommen. Prof. Dr. R o s e n b l a t t resümierte in einer beifällig anfgenommenen Rede das Ergebitis der Enquete. Nach Dankeskundgebuttgen für Landmarschall Grafen Badeni und Landesausschnßreferenten Dr. Zähl wurden die Verhandlnngen abends geschlossen.. Die Religion tut Achte der Völkerpsychologie von Dp. Alois Schweiger, Rabbiner in Eger (Erlau). Fortsetzung. Wir leben im Zeichen der Naturwissenschaft. So lautet die allgemeine wissenschaftliche Parole. Mit Recht. Der ungehemmte Siegeslauf der Naturwissenschaft macht selbst vor den Pforten der Geisteswissenschaften nicht halt, nahmen dieselben ganz in ihr Schlepptau, drückte» diesen ihr Gepräge auf und seither gehen dieselben ihrer Renaissance entgegen. Mächtige Disziplinen, die die Geisteswissenschaft als ihr ureigenste Domäne betrachtet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.