Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Die Wahrheit Seite 5. eine fruchtbare Aussaat und auf eine gesegnete Ernte zurückblicken. i-nivlbn nvi: N2N2 Unter dem Jubel und Beifall seiner Zuhörer hatte er volle Garben des Erfolges von dem Felde der Lehre und Belehrung heimgetragen. Zu diesem reichen Ertrag feines Lebens beglückwünschen wir ihn. Unsere alten Lehrer weisen dem Neunzigjährigen die Bestimmung zu ä'iw, Das übersetzt man gewöhnlich: „Er muß sich bücken." Ich meine aber, sie wollen sagen: man muß sich vor ihm bücken, wie wir uns in Verehrung verneigen vor dem ,-ß'W mKsn m'toy,- vor der Ehrenkrone des hohen Alters, womit Gott das Haupt unseres Jubilars geschmückt hat, und durch die er unserer Gemeinde und dem ganzen Judentume ebenso zur Zierde gereicht, wie durch den mm nro die Krone jüdischer Gelehrsamkeit, die er sich selbst aufgesetzt hat. Möge er diese Kronen noch viele Jahre tragen, möge Gott ihn uns noch lange, lange erhalten. Amen. Von ergreifendem und nachhaltigem Eindruck war der Moment, als hieraus der Jubilar an Oberrabbiner Dr. Güdemann herantrat und folgende Worte an ihn richtete: Hochgeehrter Herr Oberrabbiner! Nach Ihren so schönen Worten, welche mir und meinem bescheidenen Wirken in dieser hochansehnlichen Gemeinde gegolten haben, kann ich nicht umhin, Ihnen meinen besten Dan! zu sagen. Wenn man sagt, daß das Mitleid eine schöne Tugend sei, so will ich behaupten, daß die Mitfreude noch höheren Wert beinhaltet. Sie haben, hochgeehrter Herr Oberrabbiner, bereits dreimal den Beweis erbracht, mir Mitfrende zu beweisen. „Als Moses," so wird in der heiligen Schrift heute erzählt, „davon, hörte, daß sein Bruder Aron ihm entgegen komme, da freute er sich tingemein" und auch Sie haben immer, bei freudigen Anlässen, die Mitfrende betätigt. Leider einmal auch vor zweieinhalb Jahren, da mir meine teure Frau, mein zweites „Ich," starb, haben Sie auch trostvolle Worte mir gewidmet. Für all diese Worte in Freud und Leid sage ich Ihnen herzlichen Dank und wünsche Gottes Segen auf Ihr und Ihrer Familie Haupt herab. Diese Segensworte spricht zu Ihnen, hochgeehrter Herr Oberrabbiner, ein alter Mann, der erst vom Krankenbette aufgestanden ist. Und auf all dies sage ich aus meinem vollen, warmen Herzen ein kräftiges „Amen". Nach dem Mnßafgottesdienste, zu dessen Verherrlichung und Verschönerung Oberkantor Don Fuchs und der Chor ihr Bestes beitrugen, begab sich ein Teil der Festgäste in den Zeremoniensaal, woselbst Präsident Dr. Alfred Stern an den Jubilar folgende Ansprache hielte Verehrter Herr Rabbiner! Der nahezu 80 jährige Präsident der Knltusgemeinde tritt ehrfurchtsvoll hin vor den 90 jährigen Rabbiner, um dem hochverehrten gefeierten Jubilar die herzlichsten Glückwünsche des Kultusvorstandes zu überbringen; aber nicht allein des Kultusvorstandes, sondern auch der sämtlichen jüdischen Vereine Wiens und ihrer Vorstände, der gesamten Judenschaft in Wien und hinansreichend über die Grenzen dieser Stadt. Es ist heute an heiliger Stätte hinge-' wiesen worden auf die Thora-Abschnitte, welche wir heute und am letzten Sabbathe lasen und in welchen erzählt wird, wie Moses und Ahron, der eine 80 der atldere 83 Jahre alt, ihr großes Lebenswerk nicht etwa sortführten oder vollendeten, sondern erst begänne u. Und es liegt hierin für uns beide ein ermunterndes, trostbringendes Beispiel, daß wir uns noch nicht zur Ruhe setzen, daß wir, soviel uns Gott Kräfte gibt, aufwenden wollen zum Wohle unserer Gemeinde. Und die Thora erzählt uns, iuie unser großer Lehrer Moses sein Lebenswerk fortsetzte bis zu seinem 120. Jahre. Und so ist die Erreichung dieser Lebensgrenze, das „Meoh w'esrim schonoh" der Wunsch, den wir unseren Alten, den wir heute Ihnen, verehrter Herr Rabbiner, ans vollem Herzen sagen. Der heute verlesene Wochenabschuitt .erzählt uns aber auch von den Bedenken unseres großen Lehrers Moses, ehe er die übertragene göttliche Sendung übernimmt. „Das Volk wird mich nicht hören wollen", so sprach er; aber das Volk hat ihn gehört und noch heute nach Jahrtausenden hören wir andachtsvoll sein Wort. So, verehrter Herr Rabbiner, mögen bei der Ihnen eigenen Bescheidenheit auch bange Zweifel Sie beschlichen haben, ehe Sie das erste Mal die Kanzel bestiegen. Und so haben auch Sie mit Ihrem eindrucksvollen Worte sich das Gehör der Dürfende und Tausende unserer Glanbensbrüder errungen. Der Tausende, welche auch hier in unserem Tempel bis in die letzten Tage und selbst heute noch Ihrem Worte lauschten. Möge der Geist und die Willenskraft, die in Ihnen leben. Ihnen noch lange uugeschwächt erhalten bleiben, mögen Ihnen noch lange, lauge Jahre beschieden sein, ad meoh w'esrim schonoh, das ist der Herzenswunsch, den ich für unsere Gemeinde, für deren Vereinigungen, für unsere Jndenschaft Ihnen darbringe. Mit geistreicher Schlagsertigkeik erwiderte Dr. Schmied l, indem er für die ihm zuteil gewordenen Ehrungen und Glückwünsche dankte und unter Bezugnahme ans das bereits zitierte Bild von Moses und Ahron dem Gedanken Ausdruck lieh, daß man der Zukunft getrost eutgegeuseheu könne, solange Geist nnd Herz, die auch in den beiden Präsidenten der Wiener Kultusgemeinde. Dr. Stern und Dr. Kohu, so vollkommen repräsentiert sind, im Judentum richtunggebend bleiben. Unzählig waren die im Lause des Tages eingetroffenen Gratulationen, Adressen und Depeschen von nah und fern, denn die weitesten Kreise hatten sich vereinigt, um den Jubilar zu ehren, der der Gemeinde und dem Judentume zur Ehre und znr Zierde gereicht. Semlrerger Krief. Das Kalenderjahr 1911 hat kaum seine Herrschaft angetreren nnd schon spricht es in vernehmlicher Sprache und kündigt ein Jahr großer Ereignisse, zumindest im Schoße des galizischen Israel an. Stich um Stich markant. Zug um Zug, Kampsesstimmung auf allen Linien. Zunächst die Volkszählung! Wie schwer lastet Vetter Esaus Hand, nicht ans der Ferse sondern aus dem geistigen Genicke Jakobs. Welch ein Terror wurde da ausgeübt ans die armen Jüdchen, um sie in den Bereich der polnischen Sprache hineinzuzwängen. Da kamen geradezu verbrecherische Vergervaltigungen vor, um den galizischen Juden ihr altes Idiom, das Jüdische, zu rauben und ans Grund von Erpressungen zu dokumentieren, zunächst daß Galizien eine polnische Provinz ist, daß.den Polen die Alleinnnd Vorherrschaft gebührt, und weiters daß der Jude das politische Joch trotz Staalsgrnndgesetze, trotz Verfassung tragen muß. Freilich hat die „königlich" polnische Landesregierung doch nicht überall den Sieg davongetragen und es bleibt noch ein gewaltiger Rest der Spezies Mordechai Hajehudi zurück, welcher für den polnischen Götzen keinen Kniesall übrig hat. Und erfreulicher Weise sprachen sich für jüdische Muttersprache Männervon hoher Intelligenz ans, die in die Mysterien der polnischen Sprache viel tiefer eingedrnngen sind, als so manche königliche Urpolen. Ein zweites, höchst bedeutsames Ereignis spielte sich fern von der „Gasse" in einem eng umschriebenen, kulturell hochstehenden Zirkel ab — in der Advokateukammer. Seit Dezennien wählte die Advokaterckammer — wohl per nefas — einen allpolnischen Präsidenten und auch im letzten Wahlgange war das Gleiche geplant. Allein die Herren Allpolen und ihre Trabanten sollten diesmal arg enttäuscht werden. Das Kontingent der jüdischen Advokaten hat sich in den letzten Jahren drirch Nachschübe ans der nationalen jüdischen Bewegung stark verstärkt, durch Männer, welche den Gedanken hündischer Unterwürfigkeit längst verworfen haben und ein volksstolzes Bewußtsein im Bilsen fühlen. Diese jüdischen Kammermitglieder, verbunden mit den ruthenischen nnd sozialistischen Advokaten, kandidierten den als Jllristen, Volkswirtschaftler und Redner gleich berühmten Advokaten Dr. Tobias Aschkeuasy zum Präsidenten und errangen auch bei der Wahl einen glänzenden Sieg. Infolgedessen gaben die früheren Kammerräte ihre Demission, aber ihr Plätze wurden mit anderen besetzt und es ist also kein Vakuum geblieben. Wie chailvinistisch hart die allpolnische Clique dem so überails tüchtigen Manne, voller Arbeitskraft und Jllitiative, für ben man als Konzession die dritte Vizebürgermeisterstelle