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Die Wahrheit · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 5. Handlung geraten. Die Verzögerung ist hauptsächlich dem Umstande zuzuschreiben, daß der verläßlichste liiiD bedeutendste Verfechter dieses jndenfreundlichen Gesetzentwurfes, der Dnmadeputierte Karauloff, vor einigen Tagen, wie von uns berichtet, zum größten Leidwesen der liberalen Kreise Rußlands gestorben ist. Es war schwer für diesen ansgezeichiieten Mann, der das gesamte Material vollständig beherrschte und es übernomrnen hatte, in der Duma in einer großaugelegten Rede den Gesetzentwurf zu vertreten, einen nur halbwegs ebenbürtigen Ersatz zn sinden. Nun beschloß die Kadetteupartei, den Deputierten S chingareff mit dieser wichtigen Aufgabe zu betrauen. Schingareff hat wiederholt in der Duma das Wort zu Gunsten der Juden ergriffet! und sich stets als gründlicher Kenner der Judenfrage gezeigt. Nach diesem Beschlüsse steht der Besprechung des Gesetzentwurfes nichts mehr im Wege und da auch die Reaktionären sich zu heftigem Kampfe gegen die Vorlage rüsten, so stehen für die nächste Zeit sehr erregte Jndendebarteu in der russischen Duma bevor. * * * ' König Georg V. von England soll nach den Berichten Londoner Korrespondenten deutscher Blätter den Juden gegenüber eine wesentliche kühlere Haltung beobachten als sein Vater. Der Londoner Vertreter des „Lok.-Anz." behauptet, Georg Y. fühle sich als energischer Brite, er sei nicht so kosmopolitisch wie Eduard VII., und deswegen habe sich auch Sir Ernest Cassel, der bekanntlich zu den Intimen des verstorbenen Königs gehörte, vom öffentlichen Leben zurückgezogen, denn »im Schatteu zu wandeln hat ein Mann, der noch rüstig auf der Höhe eines so erfolgreichen Lebens steht, wie Ernest Cassel, unter keinen U m st ä n d e n nötig, einerlei ob ihn besondere monarchische Gnu st bescheint oder nicht." Im »Tag" (6. 1.) glaubt Legat ionsrat a. D. vom Raty auf Grund eigener Beobachtungen ebenfalls eine Aeuderung der Windrichtung am Hofe Georgs V. gegenüber den Juden feststelleu zn können; er schreibt nämlich: »Sein und der Königin Streben geht dahin, den Hof wieder von der Ueberf 1 utnng durch Parvenüs, namentlich j üd is ch eu Ursp r n u gs, zu s äub er n und die alten Familien, die sich unter dem bisherigen Regime zum Teil zurückhielten, wieder heranzuzieheu. Darauf hin deutet die Bestimmung, daß die bisherigen Vorstellungen bei Hofe nicht mehr ziehen, daß jedermann neu vorgestellt werben muß. Darauf hin deuten die Einschränkungen bei der Ausgabe der Billette zur Royal Enclosure der Ascot-Rennen; Tausende von Gesuchen, die früher Berücksichtigung gefunden hätten, sind abgewiesen worden. Darauf hin deutet das sichtbare Bestreben des Königs, die vielfachen Freunde seines Vaters, namentlich ans der deutschjüdischen Fiuanzwelt, allmählich und höflich, aber konsequent abzustoßen. Dieses Streben des Herrscherpaares findet nicht nur bei der Gebnrtsaristokratie, sondern auch in weiten Beamten- und Offizierkreisen Beifall. Bis vor kurzem gab es keine antisemitische Bewegung in England. Es erschien und erscheintauch heute noch der Mehrzahl der Engländer eines gebildeten Menschenu n w ü r d i g. einen Mitmenschen auf Grund seiner Religion sozial zu qualifizieren. Treten , heute solche Regungen hervor, so knüpfen sie an die Tatsache an, daß der größte T e i l d e r j n d i s ch e n I m m i g r a n t e n deutschen U rsprnngs ist. Daß man von ..deutsch-jüdischen" Geschäftspraktiken nichts mehr hören wolle, diese Ansicht tritt bei offiziellen wie Privatpersonen manchmal hervor." Es handelt sich also wohl mehr um eine ganz gewöhnliche chauvinistische Hetze der sattsam bekannten Dentschenfresser, die durch eine Dosis Antisemitismus schmackhaft gemacht werden soll. Dr. Adolf Schrmrdl-Keier. In besonders auszeichuender, dem langjährigen, bedeutungsvollen Wirken des Jubilars als Gelehrter, Kanzelredner und Seelsorger entsprechender Weise hat die Wiener Knltusgemeinde den 90-jährigen Geburtstag Dr. Adolf Sch mi edl's begangen und die schöne, erhebende Feier bot so viele Momente rührender Innigkeit, daß der Teilnehmer sich inmitten einer großen Familie glaubte, die in geeinter Freude sich versammelt hatte, um dem teuren Familienoberhaupte ihre Verehrung, Dankbarkeit und . Liebe zum Ausdruck zn bringen. Den Mittelpunkt der Ovationen bildete das Gotteshaus, der Leopvldstädter Tempel, der Freitag abend und Samstag vormittag in allen seinen Räumen bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. Schon Freitag abend wurde der von Kantor Kischner trefflich und würdevoll zelebrierte Gottesdienst von Festesstimmung beherrscht, die ihren Höhepunkt erreichte, als Rabbiner Dr. Grunwald am Ende seiner Predigt den Jubilar apostrophierte, ihn als leuchtendes Beispiel des gesamten Rabbinerstaudes feierte und ihm mit ergreifenden Worten die Glückwünsche der jüngeren Kollegenschaft übermittelte. Der eigentliche Festgottesdienft fand Samstag, den 26. Jänner, ^9 Uhr vorm., in Anwesenheit des gesamten Knltnsvorstandes, des Bethansvorstandes, zahlreicher Vertreter von Vereinen und Korporationen und vieler hervorragender Persönlichkeiten und Gemeindemitglieder statt. Der Jubilar wurde vom Bethansvorstande aus seiner Wohnung abgeholt und in den Tempel zu seinem mit Blnmengnirlanden geschmückten Sitze geleitet, wo er an der Seite des Oberrabbiners Dr. Güdemanu Platz nahm. Der Gottesdienst wurde durch Oberkantor Don Fuchs in besonders feierlicher und künstlerischer Weise dnrchgeführt. Rührend war der Anblick, als nach dem Ansheben beim Umzug der Thora der 90-jährige Jubilar vom 80-jährigen Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern geführt wurde. Dr. Schmiedl wurde als Schlischi hoch anfgernfen und nach Verlesung des betreffenden Thoraabschnittes rezitierte Oberkantor kaiserl. Rat Singer mit treffender Illustration des Textes einen in klassischem Hebräisch verfaßten Mischeberach. Nach dem Einheben der Thora betrat Oberrabbiner Dr. Güdemann die Kanzel und hielt folgende Rede: Meine andächtigen Freunde! Unsere heutige Andacht erhält eine erhöhte Bedeutung durch die gleichzeitige Feier des 90. Geburtstages unseres allverehrten Rabbiners Herrn Dr. Adolf Schmiedl. Mit Freuden erfülle ich die mir vom Vorstand übertragene Aufgabe, den Jubilar im Namen der ganzen Gemeinde zu dieser seltenen Feier zn beglückwünschen. Ich habe schon zweimal das Gluck gehabt, unserem Jubilar an bedeutsamen Wendepunkten seines Lebens die Gefühle der Gemeinde zn verdolmetschen: zn seinem 70. und zn seinem 80. Geburtstage. Ganz besonders aber freue ich mich, dieses Amt auch z,l seinem 90. Geburtstage ausüben zn können. Ich verkenne allerdings nicht, daß. meine heutige Aufgabe schwieriger ist, als vor 20 und 10 Jahren. Denn alle unsere. Wünsche beziehen sich auf die Zukunft. Diese aber verkürzt sich naturgemäß für den Menschen, umsomehr, je mehr sich seine Vergangenheit verlängert. An diesem Gesetze vermögen auch die besten Wünsche nichts zu ändern. Ich mußte also diesmal in Verlegenheit geraten, wenn mir nicht glücklicherweise der heutige Wochenabschnitt zu Hilfe käme. Er führt uns zwei Männer von 80 und 83 Jahren vor,, die in diesem Alter ihre Laufbahn erst ansingen. Wer waren diese Männer? pnKi NVv rrin ,-iDvi pn« nin. Das waren Aron und Moses, Moses und Aron. Die Thora weiß selber nicht, welchem von den beiden Brüdern sie den ersten Rang einräumen soll, wer von beiden die Begeisterung für Gott und die Freiheit jugendlicher, mutiger, siegreicher bekundet hat. Nun denn, wenn diese Begeisterung den 83 jährigen Aron und den 80 jährigen Moses verjüngt hat, muß sich dann nicht aus demselben Grunde auch unser 90 jähriger Jubilar verjüngt fühlen? syoin n^T. Die Gottesfurcht ist eine Makrobiotik, eine Lebensverlängerttngsknnst, die sich an Moses und Aron glänzend bewährt hat. Ebenso auch an unserem Jubilar. Ein Strahl der Jugend und Verklärung fällt von jenem Zweigestirn heute auf sein Haupt, denn er hat fast, drei Menschenalter hindurch im Geiste jener Lichtgestalten gewirkt, er hat unserer alten Lehre immer neue Reize abgewonnen, er kann auf

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