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Die Wahrheit · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 Die Wahrheit Seite 11. Das alle Testament. In einzelnen Blättern antisemitischer Couleur ist es in letzter Zeit Mode geworden, den Pentateilch zur Zielscheibe nnqualifizierbarer Angriffe zu machen, und so hat sich auch jüngst ein viel gelesenes Blatt Nordmührens in heftigen Ausfällen gegen die Bibel gefallen, die zu entschiedener Abwehr herausfordern. Es ist zwar nicht meine Absicht, die Geschichte der menschlichen Aufklärung zu schreiben und den Kampf zu schildern, den im Laufe der Jahrhunderte erleuchtete Männer gegen Vorurteil und Aberglauben führten, aber die vorliegende Publikation soll auf die Tatsache Hinweisen, daß h o ch r a g e u d e Männer der Wissenschaft, leuchtende Gestalten auf dem Gebiete der Religionsphilosophie ihre Stimmen gegen jede bewußte Trübung des menschlichen Erkenntnisvermögens in Bezug auf die Auslegung des biblischen UniversalismuS erheben. Nach der Anschauung eines bedeutenden rabbinischen -Bibelexegeten ist die Bibel ihrem wesentlichen Umfange nach rin höchst philosophisches Werk; doch nicht ein Buch der Philosophie hat der gotterleuchtete'Gesetzgeber der Volksmenge in die Hände geben wollen, oder geben können, wenn er das vorhabende hohe Ziel erreichen sollte. Darin äußert sich eben dessen Weisheit, daß er die Geistesstufe und die Auffassungsfähigkeit des Volkes zu erwägen und zu ermessen verstand. Er sprach deswegen im Allgemeinen mit dem Volke in ganz volksmäßiger, einfacher und schmuckloser Ausdrncksweise, um verstanden zu werden und so wie es den obwaltenden Umständen, Lebens- und Zeitverhältnisseu zuträglich erschien. Er hat aber gleichzeitig seiner Lehre eine höchst philosophische Grundlage hinterregt, es dem sich fortentwickelnden Zeitgeiste, auf den er mit seinen scharfblickenden Seherangen in die Zukunft hinüberschaute. überlassend, den edlen Geistesgehalt herauszufinden und ihn für die Verhältnisse der Zeiten nutzbringend zu machen. Das ist eben die Ursache, warum wir in der Bibel ihrem Hauptinhalte nach die Sprech- und Darstellungsweise der Sterblichen finden. In dieser volksmäßigeu, schlichten Form liegt gerade die Bürgschaft für die Uuveränd erlichkeit und Erhabenheit dieser Lehre. Dieser Gedanke ist stets festznhalten, um mitten in der Wirrnis und Verödung, die auf diesem Gebiete sich ausbrektet, eine Neugestaltung desselben anzubahnen. Der Geist der Lehre muß in seiner ganzen Größe erkannt, in seiner Tiefe erfaßt werden, mögen die Indifferenten hierüber denken wie sie wollen. G o e t h e., der Dichterfürst, den die Zeitgenossen mit dem Evitethon: „Der große Heide" beehrten, spricht sich über die Bibel folgendermaßen aus: „Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die Welt besteht, niemand auftreteu und sagen wird: „Ich begreife es im Ganzen und verstehe es im Einzelnen." Wir aber sagen bescheiden: „Im Ganzen ist es ehrwürdig, im Einzelnen anwendbar." — Didaktisch und gefühlvoll ausgenommen, wird sie stets sehr nützlich sein. Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, daß jedes Wort, das wir allgemein auffasseu und im Besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, ucid) Zeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen b e s o n d e r e n, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat." (Sprüche in Prosa). Der große Athanasius rief den Heiden zu: „Weil die heilige Schrift alle anderen Schriften übertrifft, so gebe ich denen, welche von der Geschichte der Bibel mehr zu wissen wünschen, den Rat, in derselben fleißig zu lesen." Papst Gregor I., der Große genannt, schreibt an den feinerzeit berühmten Arzt Theodor: „Was ist die heilige -Schrift anders, als ein Brief des allmächtigen Gottes?" Leopold von Ranke, einer der tiefsten und objektivsten historischen Denker aller Zeiten, spricht sich über die Bibel in seinen hygienischen Grundsätzen des alten Testamentes folgendermaßen aus: „Ein Bibelwort, vielleicht zum Hundertstenmale, aber im rechten Augenblicke gelesen, wirkt gewaltiger auf Geist, Gemüt und Willen ein, als es vordem geahnt war." Der Inhalt der Bibel gleicht, nach der geistreichen Ansicht eines berühmten Theologen, einem Spiegel, und das in demselben reflektierte Bild hängt stets ab oou der Qualität des Beschauers. Sieht ein Aste in denselben, so wird auch das Spiegelbild ihn: gleichen, und betrachtet sich ein Philosoph in demselben. wird der Anblick und Eindruck ein ganz analoger und entsprechender sein. Dies muß der fortschrittlich gesinnte Forscher wohl im Auge behalten und damit entfallen am leichtesten all die Anwürfe und Borwürfe der gehässigen Gegner, die ja mehr oder weniger antisemitisch angehaucht find, demnach wenig religionswiffenschaftlichen Wert beanspruchen. In einem Zeitalter, wo nationaler Klassen- und Rassenhaß ihr brutales Szepter schwingen, die Glieder der Gesellschaft zersetzen und zerklüften, gewinnt das Buch an aktueller Bedeutung. Das Buch ist höchst aktuell, gerichtet gegen den bornierten Antisemitismus, der Adonai für einen Rational- und Rachegott hält. Wie könnte es nur denkbar sein, daß der Schöpfer und Erhalter aller seiner geschaffenen Wesen einen Teil begünstige, andere aber zurücksetze? Ein solcher Separatismus wäre ein m e h r f a ch e r W i d e r s p r u ch in sich selbst. Gleich an der Spitze der heiligen Urkunde offenbart sich uns der göttlich e Unive rs al ismns in ganz klaren, Hellen und unverkennbaren Zügen, indem sie uns Gott als den Erhalter des ganzen Weltalls, als Beschützer aller Menschen darstellt, dem Alle verantivortlich sind. Der allmächtige Gottesgeift wird als fürsorglicher Vater aller Wes eu vorgeführt, der alles mit gleicher Huld umgibt, indem er für jedes einzelne Wesen die Mittel zu seiner Erhaltung hervorgebracht und sie immerfort durch seine unveränderlichen Gesetze in der Natur erneuert. Welchem unbefangenen Denker sollte überhaupt die hohe Bedeutung entgangen sein, daß die Bibel das p u l s i e r e n d e Moment ist, welches belebend die Zivilisation der Völker durchströmte? Es beruht auf krassem Irrtum, auf Unwissenheit und Entstellung der Wahrheit, das alte Testament mit der Brille der Befangenheit, des Vorurteils und des Separatismus anzuschauen; man muß es vielmehr mit ungetrübtem Geistesauge betrachten lernen. Man muß endlich anfhören, den Inhalt dieses Buches als eine bloße archäologische Sammlung oder als ein exotisches Geistesgewächs zu behandeln, an dem bloß Männer vom Fach Interesse finden mögen. Die Bibel enthält Geschichts- und V e r nu n f t s w a h rh e i t e n. Sie hat deswegen keine D o g m e n, ihr eigentliches Gebiet, auf welchem ihr Geist sich bewegt. ist das ethische. Nirgends wird ein Glauben im dogmatischen Sinne gefordert; vielmehr wird überall das Streben nach W a h r h e i t und Erkenntnis eiugeprägt. Man sollte daher jenes hohe Geistesvermächtuis, jene idealen Güter der Menschheit in richtiger Weise zum Gebrauche der Allgemeinheit würdigen und schätzen lernen. Dann wird geiviß jenes Vorurteil schwinden, welches das alte Testament, vom Standpunkte einer veralteten Weltanschauung aus, nun beurteilt und betrachtet. A. Stoß l er, Kantor und Sekretär. Olmütz. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination Tön 9—0. Telephon 18399.

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