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Die Wahrheit · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 4. Die Wahrheit Seite 7. Len „Jud". Während der zwei Jahre meiner Anwesenheit in New Jork vernahm ich nur einmal dieses „Jud". und zwar üiu unverfälschten Wiener Dialekt — im österreich ischen A n s w a n d e r e r h a u s. Deut Manne, der auch jenseits des großen Teiches seine „Gemütlichkeit" nicht vergessen konnte, begegnete ich vor mehreren Tagen. Ans meine Frage, wo er Beschäftigung gefunden habe, nannte er die Firma „R o s e n-;b £i 11 m & Kornfeld".--- Mitunter kommt auch hier in New Jork derartige Gemütlichkeit zum Durchbruch; merkwürdiger Weise hat sie Meistenteils ungemütliche Folgen. William Loeb, der frühere Präsidenten-Sekretär und jetzige New Aorker Zollkollektor, der sich durch seine tatkräftigen Reformen einen bedeutenden Namen er.vorben hat. ist in der Dezembersitzung des vornehmsten politischen Klubs .der Stadt, des Union L e a g u e C l u b, schwarz ballotiert worden. Es ist nicht zu verwundern, daß diese Zurücksetzung, '.die einem Manne von der Bedeutung Loebs widerfahren äst, der in gesellschaftlichen und politischen Kreisen gleich großes Ansehen genießt, ganz enormes Aufsehen erregte. William L o e b wurde pon einer Anzahl führender Republikaner, an der Spitze C. Smith, zur Aufnahme in den Klub vorgeschlagen. In der letzten Sitzung jedoch, ist — wie Verteiltet — die Applikation abgewiesen worden. Ursprünglich wollten New Jorker Zeitungen die Gründe des Blackballots iw der scharfen Agitation einflußreicher Kaufleute und Mitglieder des Klubs, deren Geldtaschen Loeb in amtlicher Täügkeit zu nabe getreten war, gefunden haben. Bald jedoch trat die wahre Ursache dieses schmachvollen Borgeheus zu Tage und wir vernahmen mit Staunen, daß die Ras s enfra ge eine ausschlaggebende Rolle gespielt habe. Der Uni o n L e a g u e Club gilt als ein rein arischer Verein und mag sich mit semitischen! Blute nicht mischen. Unmittelbar nach erfolgter Applikation Loebs wurde an diesen geschrieben, nach seinem Namen zu schließen sei er Jude, er möge sich darüber äußern.. Mr- Loeb, ein Gentleman im echten Sinne.des Wortes, fand es mit .seiner Mannesehre nicht vereinbar, 'dieser Zuschrift Folge zu leisten. Erst einige Tage später gab Loeb eine öffentliche Erklärung ab. daß er trotz seines altbiblischen Namens von g e nn anische r Abstammung und darauf stolz sei. Sein Vater sei in Felitzdorf, Baden, Lutheranischer Priester gewesen; seine Mutter, eine Katholikin, stamme aus Elsaß. Drüben habe sich die Familie „Lob" geschrieben und hier auf „Loeb" umgewandelt. Im übrigen, meint Loeb, er ivürde auch stolz darauf sein, wenn er semitischen Ursprungs wäre. Der letzte Satz dieser öffentlichen Erklärung zeigt so recht die vornehme Gesinnung Loebs. Wir können ihm nur (gratulieren, daß seine Applikation abgewiesen wurde. Es hätte ihm sicherlich nicht zur Ehre gereicht, einem Klub von so niedrigen Prinzivien anzugehören. Ein Klub, zu dem ein Richter gelangt, der sich in einer öffentlichen Gerichtss itzu n g dahin äußerte, daß die Juden das Hauptkontingent von Verbrechern und Straßenm ä d ch e n stell e n. Judge Clane, diese Zierde des Union L e a g n e E l u b, vergaß, daß er im Jude nviertel zu Gericht sitze und es durchaus nicht wunderlich erscheine, iuenn bei* Durchschnitt .-filier eines Vergehens angeklagter Personen in diesem Viertel J.uoen sind. Dieser Vorfall, der eine ganze Reihe von aufregenden Protestversammlungen zufolge hatte und diesem würdigen Klubmanne tadelnde Worte seines Chef s einbrachten, erinnerte mich an jene zwei Russen, die in Paris zwei Kinder französisch sprechen hörten. „Sieh", meinte der eine, „ist das nicht wunderlich, daß zivei kleine Kinder so gut französisch sprechen."- Doch eine Schwalbe macht keinen Sommer. Wenn auch der Union L ea gn e Cl ub mit seinen würdigen Mitgliedern der antisemitischen Bestie zeitweilig Nahrung liefert, so kann die Wiener Gemütlichkeit in Nerv Jork vorläuffg keine Wurzeln fassen. Sind doch alle Behörden, an der Spitze Major G a y u o r durchwegs liberal gesinnt. Major G a y n o r, der sich offen als Freund der Juden erklärt hat. hat so manchem Hetzprediger das Handrverk gelegt, mit der Begründung, daß das Judentum dieselbe D a s e i n s b er e ch ti g n n g h ab e wie alle anderen Religionen. Der Jude habe dieselben Bürgerpflichten wie die Mitglieder anderer Religionen. Er könne nicht einsehen, warum nicht der Jude dann dieselben Bürgerrechte haben solle'.'. —------ Schließlich möchte ich den Herren Wiener Antisemiten den guten Rat geben, vorstehende Worte des New Uorker Bürgermeisters nicht in ihrem „Stammbeisel" zu lesen, da es mit ihrer „Gemütlichkeit" sonst vorbei.wäre. Und das war nicht die Absicht meines heutigen Briefes. Mit bestem Gruße Sigmund P. Justus. Die Inden in der Technik» der Knnst» der Wissenschaft »nd als Forscher» Entdecker «nd Erfinder. (Fortsetzung.) In der Türkei gibt es zurzeit sogar einen jüdischen G e n e r a l s ch u l i n s p e k t o r. Es wurde nämlich der ehemalige Direktor der Allianceschnle in Galata, M. Fresco, i. I. 1910 vom Unterrichtsminister beauftragt, die mohammedanischen Volksschulen der Hauptstadt zu inspizieren und darüber Bericht zu erstatten. Direktor Fresco hat sich dieser Aufgabe so zur Zttfriedenheit der Unterrichts- Verwaltung entledigt, daß er zum Professor für französische Sprache und zum Generalinspektor der französischen Studien in den Konstaminopler Staats-Lyzeen ernannt wurde. Außerdem nennen wir noch : die Orientalisten Julius Fürst, Daniel C h w o l s o n. A n f re ch t. Salomon M n n k. Gustav O PP e r t, Gold stü cke r. Gustav Weil, die klassischen Philologen Heinrich Weil, Ludwig F r i e d l ä n d e r, Wilhelm Freu n d, Jakob B e r n a y s, ferner G r a z i a d i o I s ai a Ascoli eine der größten Autoritäten ans dem Gebiete der vergleichenden Sprachwissenschaft. Als Philologen ragen rühmlichst hervor: Moses Mendelssohn, der Freund Lessings, und ans neuerer Zeit vor allem Hermann Co h e u, der seit mehr als einem Menschenalter in Marburg i. H. zuerst als Privatdozent, dann als außerordentlicher, seit einem Vierteljahrhnndert als ordentlicher Professor rvirkt. Cohen ist einer der bedeutendsten Lehrer der Philosophie und wohl der hervorragendste Kenner Kants. Außer einer umfangreichen Lehrtätigkeit, die im Laufe der Jahre stets zngenommen, hat er eine große und vielseitige schriftstellerische Wirksamkeit entwickelt. 'Jüd)t minder bedeutend war der 1903 iu Meran gestorbene philosophische Schriftsteller Moriz Lazarus, der Verfasser des „Leben der Seele", der Begründer der Wissenschaft der Völkerpsychologie. Sodann noch Ludwig Stein und der Geschichtsschreiber der Philosophie I. F r e n d e n t a l. Als Historiker haben sich einen Namen gemacht die jüdischen Gelehrten: Adolf Beer, Ernst Bern heim, Harry B r e ß l a n, Martin P h i l i p p s o n, F. G. Herzberg, Philipp Ja sfs. Ludwig Fried län der, G. Stein dorf und Jacob Karo, der bekannte 1905 verstorbene Geschichtsschreiber Polens, der seit 1882 ordentlicher Professor in Breslau war und dort auch einmal als Rektor fungierte. Dem österreichischen Historiker Dr. Friedjung, dessen Name iu jüngster Zeit anläßlich seiner Kampagne gegen die serbisch-kroatische Koalition viel genannt wurde, widmete selbst die alldeutschantisemitische „Tägliche Rundschau" warme Worte der Anerkennung. obwohl dem Blatte die Zugehörigkeit Friedjungs zum verhaßten Judentum gewiß nicht unbekannt gewesen sein mag. Auch auf dem weitverzweigten Gebiete der Naturwissen-

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