Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 6 Die Wahrheit Nr. 4. eine radikale und nicht bloß für den Augenblick berechnete Abl Hilfe notwendig. Äbg. Dr. v. Löwenstein drückt seinen Dank für die Einberufung der Enquete ans und betont, daß er in der galizischeu Zndenfrage jetzt auf demselben Standpunkte stehe, den er vor drei Jahren bei der Begründung seines Antrages im Landtage eingenommen babe. Die jüdische Bevölkerung Galiziens sei mit der polnischen Nation eng liirt. Die Notlage der galizischen Juden bildet den Ausfluß der Entwicklung der sozialen Verhältnisse des Landes seit den letzten Dezennien. Die vom Lande znm Zwecke der Selbsthilfe ans finanziell-wirtschaftlichem Gebiete in großem Maßstabe eingeleitete Aktion habe den jüdischen Einwohnern so manche Erwerbsmöglichkeit genommen, ohne daß für sie irgend welche neue Erwerbsqtiellen geschaffen wurden. Dadurch habe sich die Zahl der jüdischen Proletarier in ungewöhnlich rascher Weise vermehrt. Dr. A s ch k e n a s e, Vizebürgermeister von Lemberg, ist gleichfalls der Ansicht, daß der in den jüdischen Bevölkerungsschichten um sich greifende Pauperismus die ernsteste Beachtung verdiene. Er führt eine Reihe von statistischen Daten au, wonach kaum ein Drittel der jüdischen Familien in galizischen Städten sich mit einem Existeuzminimum anszuweisen vermöge, wogegen zwei Drittel den Gemeinden, von denen sie Unterstützungen erhalten, zur Last fallen. In einzelnen Ortschaften können fünfzig Prozent der jüdischen Einwohner nur dank der öffentlichen Mildtätigkeit ihr Dasein fristen. In Stanislau gebe es 3700 christliche und 7200 jüdische Arme, wobei die christliche Bevölkerung 53-6, die jüdische 46-6 Prozent ansmache. Die Ursachen der Verarmung der galizischen Inden seien sehr verschieden. Als besonders schwerwiegend erscheine es, daß die Juden aus gewissen Berufs- und Erwerbszweigen verdrängt wurden und zu anderen überhaupt gar nicht zugelassen werden. Dann involviere auch das Hansiergesetz, das Gesetz über die Sonntagsruhe und einzelne Bestimmungen des Veterinärgesetzes eine überaus empfindliche Beeinträchtigung der Erwerbsmöglichkeiten für die Juden. Abg. Dr. Adolf Groß sagt, daß es den Juden trotz ihrer Bemühungen unmöglich gemacht werde, sich verschiedenen Berufen, die sonst den Nichtjnden offen stehen, zu widmen. Er beruft sich auf mehrfache Präzedenzfälle, die in Krakau vorgekommen seien. Abg. Dr. Diamond behauptet, daß für diese Zustände die Regierung und die Landesverwaltuug allein verantwortlich zu machen seien. Direktor Dr. S k o r s k i bezeichnet den Mangel einer Großindustrie in Galizien als einen wesentlichen Grund der Verarmung und des wirtschaftlichen Niederganges der Bevölkerung. Gewerbe-Inspektor Navratil spricht die Ansicht ans, daß die christliche Bevölkerung schlechter daran sei als die jüdische. Statthaltereirat Dr. Brückner stellt in Abrede, daß bei der letzten Vergebung von Schankkonzessionen in Galizien viele tausende jüdischer Familien um ihr Brot gebracht wurden. Gemeinderat Feldstein erklärt in einer Polemik gegen die Ausführungen des Gewerbe-Inspektors, daß die Beschränkung des Arbeits- und Gewerbegebietes für die Inden eine unleugbare Tatsache fei. Abg. Dr. K'olischer konstatiert, daß in Galizien die Juden auf vielen Gebieten und sogar in der Landwirtschaft in erheblichem Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen haben. Es sei daher auch ein Gebot der Notwendigkeit, die jüdische Jugend für den künftigen Beruf in geeigneterer Weise als bisher vorzubereiten. Es sprachen noch der Krakauer Bürgermeister Dr. Leo, Handelssekretär D r. B e u i s und mehrere andere, worauf die Verhandlung abgebrochen und auf morgen vertagt wurde. * * * Lemberg, 24. Januar. Bei Fortsetzung der Enquete über die Notlage der galizischen Juden erklärt Gewerbe-Instruktor Dr. S chön ett, daß die Nichtzulassung der Juden zu gewissen Innungen und Korporationen in Krakau auf die geschichtliche Grundlage der bel treffenden Jnnullgsorgallisatlon znrnckzuführen sei. Gegenwärtig beginnen sich die Verhältnisse in diesem Belange bereits zu bessern. Abg. Dr. Adolf Groß stellt fest, daß die galizischen Juden vor schwerer physischer Arbeit nicht znrückschrecken. Sie erheben keineswegs Anspruch auf eine spezielle Hilfsaktion, sie streben bloß ihre Anerkennung als gleichberechtigte Bürger an. An der Duldung der jüdischen Winkelschnlen tragen auch die galizischen Behörden Schuld, weil sie nicht für die Errichtung geeigneter Lehranstalten und für die Heranbildung, solcher jüdischer Lehrkräfte, die für die geistige Entwicklung der jüdischen Jugend geeignet erscheinen, Sorge tragen. In Galizien, das nach der Bukowina, die numerisch größte jüdische Bevölkerung aufweist, sei die Zahl der jüdischen Lehrer verhältnismäßig gering. Redner verweist darauf, daß die landwirtschaftlichen Gauverbände in Galizien es sich zur Aufgabe machen, die Juden ans den Dorfgemeinden hinanszndrängen. Hiedurch werden nicht nur die Inden materiell, sondern beide Teile moralisch geschädigt, denn in dieser Weise breite sich auf der einen Seite der Antisemitismus, auf der anderen Seite der jüdische Separatismus aus. Die jüdische Bevölkerung, die sich in den Städten zusammendrängt, werde durch das Steuersystem empfindlicher als das Landvolk betroffen, was ihre wirtschaftliche Lage ebenfalls beeinträchtigt. Genossenschaftsfachmaun Ullmer führt ans, daß sich gegenwärtig die wirtschaftlichen Verhältnisse der galizischen Juden im Vergleiche mit der Vergangenheit günstiger gestalten. Die jüdische Bevölkerung habe auch in kultureller Hinsicht bedeutende Fortschritte gemacht. Die im Zuge befindliche Kooperativbewegung nötige die Inden, außer dem Handel sich auch anderen Erwerbszweigen zu widmen, was ihnen nur zum Nutzen gereichen müsse. Abg. Dr. Diamond, behauptet, daß in Galizien überhaupt das Gewerbe, infolge der Agrarpolitik des Landes darniederliege. In der Petroleumiudustrie im Boryslawer Nohölgebiete betätigen sich die Juden in hervorragender Weise. Bei Brandkatastrophen in den Naphthaschächten leisten die jüdischen Arbeiter bedeutende Dienste, was einen Beweis dafür liefere, daß die Inden schwere physische Arbeit nicht scheuen und sich bei derselben verwendbar erweisen. Der Präsident der Krakauer Knltnsgemeinde, Dr. Til l es, hebt hervor, daß jüdische Lehramtskandidaten, welche die Lehrerbildungsanstalten verlassen, keine Anstellung erhalten. Universitätsprofeffor Dr. R o s e n b l a t t bespricht die erschreckende Zunahme der Unterstands- und beschäftigungslosen Einwohner. Die auf die Aufklärung der ungebildeten jüdischen Massen gerichteten Bemühungen werden durch die antisemitische Strömung erschwert. Abg. Stand schildert eingehend, daß die jüdische Bevölkerung unter der Ungunst der Landesverhältuisse und unter der Voreingenommenheil der 'maßgebenden Faktoren zu leiden habe. Znm Worte gelangten sodann Landesansschuß Dr. Zahl, Bankdirektor Dr. Frucht m a u u, Direktor F e l d st e i n, Landtagsabgeordneter Landau, Gewerbeinspektor Schönett, Hofrat Navratil, Direktor der Landesbank Regierungsrat Dr. v. Z g o r s k i und Abgeordneter Dr. Diamond. Mehrere Redner stimmten darin überein, daß ein positives Ergebnis der Enquete nicht zu erwarten sei, zumal die meisten ihr vorgelegten Fragen weder mit Ja noch mit Nein beantwortet werden können. New Marker Brief New Jork, 1. Januar 1911. Geehrter Herr Doktor l Heute äverden es gerade zwei Jahre, seitdem ich dem gemütlichen Wien den Rücken gekehrt habe. Ob die Wienerstadt seit jener Zeit an ihrer Gemütlichkeit eingebüßt oder gewonnen hat, darüber fehlen mir authentische Nachrichten, jedoch nach den politischen Berichten zu schließen, ist die Wiener Gemütlichkeit noch immer gemütlich geblieben; d. h. der Urwiener sitzt noch immer im „Beisel" und schimpft über