Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4. Die Wahrheit Seite 5. Galizien, wo die Inden mehr als 50 Prozent der Einwohner bilden, und das sagt wohl mit wünschenswerter Deutlichkeit, daß das Elend der galizischen Inden eigentlich als Elend der Städte, vornehmlich aber der kleineren Städtchen bezeichnet werden muß. Viele Errungenschaften des modernen Wirtschaftslebens haben bei uns seltsamerweise mit dazu beigetragen, diese Städtchen in wirtschaftlicher Beziehung tief zu schädigen, ihre Erwerbsverhältuisse immer schwieriger zu gestalten, den Kampf nms Dasein bis zur Verzweiflung zu schärfen. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes und die damit verbundene Leichtigkeit sowie Verbilligung des Menschen- und Warenverkehres ist nur den größeren Städten zugute gekommen und hat — wie paradox es auch klingen mag — dem Handel und Gewerbe in den kleinen Städten und Städtchen tödliche Wunden geschlagen. Die Leichtigkeit des Verkehres brachte es mit sich, daß eine der wichtigsten Erwerbsquellen, die einst viel beschickten und von lebhaftem Handel bewegten Jahr- und Wochenmärkte fast vollkommen verschwanden, während der Großbetrieb mit seinen das Land überschwemmenden billigen Massenerzengnisfeu den mittleren und kleinen Handwerkerstand förmlich vernichtet hat. Es ist wie ein Verhängnis, daß alle jene Reformen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiete, welche für die übrige Bevölkerung in Galizien von segensreicher Wirkung sich erweisen, für die Erwerbsverhältuisse dieser Juden eine geradezu katastrophale Bedeutung annehmen. Durch einen historischen, von ihnen.'unabhängigen Werdeprozeß in den Städten zusammengepfercht. gezwungen vom Klein- und Zwischenhandel zu leben, fallen sie nnanfhaltsam allen modernen Bestrebungen des Wirtschaftslebens zum Opfer. Der Zug zum Assoziationswesen, der die ganze Menschheit jetzt bewegt, mußte notwendigerweise gerade denjenigen ins Lebensmark treffen, der seit Jahrhunderten ausschließlich vom individuellen Klein- und Zwischenhandel zu leben gezwungen ist. Das gesamte Genossenschaftswesen, wie es in den Reiffeisenkaffen, in den Konsum- und landwirtschaftlichen Vereinen ziun Ausdruck gelangt, die Reformen im Schankgewerbe, die langersehnte, förmlich als Befreiung empfundene Aufhebung des noch ans mittelalterlichen Zeiten stammenden Propiuationsrechtes, die Sonntagsruhe, die Achtuhrsperre der Läden, mit anderen Worten alles, was wir als Fortschritt auf sozialökonomischem Gebiete auzusehen gewohnt sind, das alles hat mit geradezu tödlicher Umklammerung das Erwerbsgebiet des galizischen Kleinhändlers eingeengt. Und darin, in diesem erschrecklichen Gegensatz zwischen Ursache nnd Wirkung, zwischen moderner Reform und mittelalterlicher Erwerbsweise, in dieser einfach unabwendbaren Konsequenz des modernen Lebens und seinen tausendfältig nach Geltung ringenden wirtschaftlichen Erscheinungen, liegt das tragische Geschick, dem ein erschreckend großer Teil der Juden in Galizien schier unrettbar verfallen ist. Immer enger wird das Gebiet, immer unfruchtbarer der Boden, auf dem sie bisher ihren mageren Erwerb fanden — nnd die Zahl derer, die ohne jeglichen Berns kaum mehr ihr jämmerliches Dasein zu fristen vermögen, wächst von Tag zu Tag mit unheimlicher Progression. Beruflose Menschen! Wer kennt sie nicht, diese erbarmungswürdigen Existenzen, diese hohläugigen, halb verhungerten Gestalten, die wohl in dieser ungeheueren Zahl eine traurige Prärogative unseres Landes bilden, vorwiegend aber des östlichen Teiles mit seinem absoluten Mangel an Industrie, Gewerbe und anderweitiger Arbeitsgelegenheit. Menschen von einem unendlich trostlosen Heute nnd und hoffnungslosen Morgen, verbringen sie ihre Tage bei Kälte nnd Hunger in der „Gasse" — glücklich, wenn es ihnen gelingt, ihren darbenden Familien einige Kartoffeln und trockenes Brot nach Hause zu bringen. Wer jemals in die Verhältnisse dieser Aermsten der Armen einen Einblick gewonnen, jene düsteren, winkeligen, niemals von einem Sonnenstrahl erreichten Güßchen gesehen, in ihre feuchten, schrecklich überfüllten, niedrigen Wohnungen getreten, wer ihre ganze Lebensweise ans unmittelbarer Nähe gesehen hat, der wird schaudernd der Worte Dantes gedenken . . lasoiais ogni speranza! Doch trotz alledem darf die Hoffnung nicht aufgegebeu, muß der Versuch gemacht werden, diesem Elend, wenigstens teilweise, zu steuern. Es wird die Aufgabe der Enquete fein, den maßgebenden Faktoren ein wahrheitsgetreues Bild dieser Zustände vor Augen zll führen und sie ans die Gefahr aufmerksam zu machen, die in einer so rapid um sich greifenden Proletarisierung der Massen liegt. Wenn auch nicht genug davor gewarnt werden kann, von einer derartigen Enquete eine sofortige und gründliche Beseitigung althergebrachter, lief eingewurzelter Uebel zll erwarten, verspreche ich mir nichtsdestoweniger von einer gründlichen Beleuchtung dieser Zustände sehr viel Gutes. Vielleicht wird es bei dieser Gelegenheit gelingen, so manches Vorurteil zu zerstreuen, eine gerechtere nnd wohlwollendere Auffassung in jene Kreise zu tragen, die eben jetzt bei der in Angriff zll nehmenden Jndnstrialisiernng des Landes die Möglichkeit in der Hand haben, einen guten Teil dieses Elends durch Schaffung von Hausindustrien. Erteilung von billigen Krediten. Subventionen u. s. w. aus der Welt zu schaffen. Große Aufmerksamkeit wird der Auswanderllllgsfrage zngewendet werden müssen. Auf diesem Gebiete kann bei entsprechender Behandlung nnd zweckmäßigen Vorkehrungen sehr viel Ersprießliches geleistet werden. Man wird sich allch sehr eingehend mit der Frage der Arbeitsvermittlung befassen müssen, und da wird es zll bedenken sein, ob es nicht zweckmäßig wäre, bei den bestehenden jüdischen Kultnsverwaltungen vom Staate oder Lande subventionierte Arbeitsvermittlnngssteüen für jüdische Arbeiter ins Leben zn rufen. Nur andeutungsweise habe ich hier, in den engen Grenzen eines Zeitungsartikels, die wichtigsten Punkte berührt, die für die Beratllngen der Enquete in Betracht kämen. Doch möchte ich noch zum Schlitß bemerken, daß. wenn es auch der Landesausschuß war, der die Enqliete angeregt und einberllfen hat, es für die Regierung gewiß nicht angehen würde, sich bei dieser Gelegenheit mit der Rolle des abseits stehenden Zuschauers zu bescheiden. Es wird unbedingt ihre Pflicht sein, sich bei der Konferenz vertreten zu lassen, denn eine Sanierungsaktion seitens des Landes allein ist schon aus rein materiellen Gründen, ohne werktätige Mithilfe der Regierung einfach nicht denkbar. Ich möchte nicht schließen, ohne der Enquete für die so schwierige Aufgabe, die ihrer harrt, noch einen Wunsch mit auf den Weg zu geben. Ich wünsche ihr, daß ihre weittragenden, mühseligen Beratungen vom Geiste der Aufrichtigkeit durchweht sein mögen — nur dann wird die Enqnete für die traurigen Verhältnisse der Inden Galiziens das werden, was man von ihr in den weitesten Kreisen erwartet — ein Wohlfahr t s k o n v e n t in dieses Wortes bester Bedeutung! * * Ueber den Verlauf der Enquete wird aus Lemberg folgendes berichtet: L e m b e r g, 23. Januar. Im Landesausschllsse begann heule die auf Grund eines vom Landtage am 10. März 1907, über Antrag des Abg. Dr. v. L ö w e nst e i n gefaßten Beschlusses einbernsene Enquete über die Judenfrage in Galizien. Der Landtagsbeschlnß lautet: „Der Landesausschuß wird angewiesen, die Ursachen der in der jüdischen Bevölkerung Galiziens überhandnehmenden Notlage zu prüfen und dem Landtage über das Ergebnis dieser Erhebung Bericht zri erstatten, sowie im Einvernehmen mit der Regierung Vorschläge über die Vermehrung der Erwerbsmöglichkeiten für die jüdische Bevölkerung nnd über die Einleitung einer Hilfsaktion zu Gunsten der notleidenden Juden zu unterbreiten." Landmarschall Graf Badeny sagte in der Rede zur Eröffnung der Enquete: Dem Landtage war es darum zu tmt, durch entsprechende Maßregeln, die zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung Galiziens auf wirtschaftlichem und klllturellem Gebiete etwa bestehenden Unterschiede möglichst auszugleichen. Die Armut und das Elend unter den galizischen Inden haben erschreckende Dimensionen angenommen; diese Armut ist jedoch auf die allgemeine Notlage des Landes zurückzuführen, der unbedingt abgeholfen werden müsse. Es wäre aber