Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063575--07080-3074135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 7 Nr. 3. , Die Wahrheit Dazu gewidmet und au dem Balle itttb ferner Ausschmückung Mitgewirkt. Er hat den fv überaus segensreich wirkenden Verein „Franenhort" ins Leben gerufen. In der letzten Lebenszeit des -sel. Baurates Fleischer war es Redner vergönnt, gemeinsam unil ihm, Herrn Dr. Taglicht und Dr. G e l b h a u s ein kurzes, schönes, deutsches Morgeugebet zu verfassen, welches seither das Andachtsbedürfnis Unzähliger, die bis dahin im Tempel nur das Kadischgebet verrichteten, die hebräischen Gebete aber nid}t verstehen konnten, befriedigte. Es wäre wohl eine Pflicht der Pietät, dieses Gebet auch im Tempel des VI. und VII. Bezirkes einznführen. Wenn die Tempelvereine heilte in der Gemeinde artnähernd Jene Stellung einnehmeu, die ihnen vermöge ihrer Bedeutung gebühre, so dürfe er sich und seinem Vorstande daran ohne Unbescheidenheit das Hanptverdienst znschreiben. Er betrachte diese seine Aufgabe noch lange nicht als gelöst und werde daran, wenn die Mitglieder ihn mit ihrem Vertranen beehren, zum Wohle der Gemeiilde auch weiter arbeiten. (Allg. Beifall.) Auch den durch Krankheit am Erscheinen verhinderten Herrn H.Goldi ch m i d t den Mitgliedern zu empfehlen, erscheine ihm überflüssig. Hat Herr G o l d s ch m i d t sich doch durch seine unermüdliche Hingebntlg an die Psiichten des Vereines wie durch seine große Opferfrendigkeir längst allfeitige Sympathien errungen. Auch Herrn Dr. Wilhelm K n ö p f m a ch e r könne er als einen Mann von lailterstem Charakter, gründlichem Wissen ans dem Gebiete des jüdischen Kultus und warmen, menschenfreundlichen .Herzen wärmstens empfehlen. Das von den Herren Alfred Waizner und Bernhard S P i e l m a n u vorgenommene Skrutininm ergibt die einstimmige Wiederwahl der Ansfcbnßmitglieder Salo Fuchs, Dr. Alfred "G log an, Leopold Hendl, Gerfon Kornlek, Wilhelm P a p p e n h e i m, Josef Steiner, Med. Dr. Steiner und Isidor Tr e b i tsch. wie der Vorstände Gottlieb B e t t e l h e im;unb Heinrich Goldschmidt, während Herr Dr. W. Knöpf- M a ch e r mit allen gegen zwei. Stimmen gewählt erscheint. Herr Obmann Hermann Beck dankt für die ihm zngekommene Einladung. Er habe ihr gerne Folge geleistet, um .diesem hochgeachteten Vereine und seinem Vorstand die ihm gebührende Ehre zu erweisen und um hier zn lernen. Er freue sich des guten Besuches und der hier herrschenden Eintracht. Herr Dr. Ludwig Deutsch beantragt, die General-Versammlung möge Herrn Julius K o P st e i n das Bedauern über sein Ausscheiden und den wärmsten Dank des Vereines für sein vieljähriges, nützliches Wirken ausfprecheu. Dieser vom Vorsitzenden unterstützte Antrag wird einstimmig zum Beschlüsse erhoben. Herr Kraus wünscht,, der Vorstand möge die Einführung des Orgelspieles an Sabbat und Festtagen in Erwägung ziehen. Auch mögen die gestifteten Seelengebete in deutscher Sprache verrichtet werden. Der ersteren Anregung tritt Herr Dr. I. S. Bloch in beredten Worten entgegen. Er meint, mit dem Orgelspiel werde man nur die konservativen Beter ans dem Tempel treiben, ohne die aufgeklärten Musikfreunde anznlocken. Auch kaiserl. Rat Wilhelm pflichtet dieser Anschauung bei. Der Obmann meint, eine Frage, über welche bereits eine 'Literatur geschrieben wurde, ohne Einigung zu finden, könne nicht heute gelöst werden. Daß dem Vorstände diese Frage vor 'Augen schwebe, fei ja selbstverständlich, da er doch eine Orgel besitze. Die zweite Anregung werde den Vorstand jedenfalls beschäftigen. , Herr Glück beschwert sich über den im Tempel herrschenden Luftzug und ersucht um.Abhilfe. Auch möge der Vorstand den Unfug, daß viele noch vor Beendigung des Seelengebetes das Gotteshaus verlassen, nicht noch dadurch unterstützen, daß die 'Türen angelweit geöffnet werden. Der Vorsitzende verspricht tunliche Abhilfe und schließt hierauf die Versammlung. Die Fran im Judentum. In seinem Vortrag, dem letzten des diesjährigen vom Verein „Frauenfortschritt" in Prag veranstalteten Zyklus, beschäftigte sich Privatdozent Dr. Isidor P o l l a k mit der Stellung der Frau im biblischen und nachbiblifchen Judentuln. Um seinen Ausführungen eine breite, wissenschaftliche Grundlage zn geben, griff er auf die älteste Schöpfnngslegende der Inden zurück (die nicht im ersten, sondern im zweiten Kapitel der Genesis enthalten ist) und bewies aus ihr, daß die jüdische Religion im Gegensatz etwa zn der griechischen keine geschlechtliche Anssasfllttg der Schöpfung kennt. Ans dem Satz, daß der Mann Vater und Mutter verlassen und der Frau anhaugen solle, geht hervor, daß es in den Urzeiten des Judentums ein Matriarchat gegeben habe. Der Vortragende teilte die jüdische Geschichte in ihre wichtigsten Perioden ein und besprach, dieser Einteilung folgend, die jeweilige Stellung der Fran innerhalb der Volksgemeinschaft. Der Dekalag im zweiten Buche Moses spricht der Fran die Eigenberechtignng ab, schützt sie jedoch durch die Familie. Die Ehe ist vom Kult losgelöst und wird als bürgerlicher Akt betrachtet. Das Konnnbinm mir Frauen anderer Völker war nicht verbotenhatte doch z. B. Moses eine. Fremde heimgeführt. Bezeichnend für die Wertschätzung der Frau ist die Rolle, die sie als Prophetin spielt. Ohne die gotlbegeisterte Deborah weigerte sich Barak ins Feld zn ziehen. In einem kleinen, aber interessanten Exkurs sprach sich der Redner über Die Stellung der jüdischen Propheten aus. Siewaren die eigentliche Stütze der theatralischen Verfassung als die Verkörperung der göttlichen Aussicht über die Könige. So wenig aber waren sie die Stütze von Tbron und Altar, daß sie vielmehr fast alle in Opposition zum Herrscher und der offiziellen Priesterschafr standen. Selbst der Lieblingskönig der Juden. David, muß sich, als er die Schandtat an Uria begangen hat, die Zurechtiveisilug des Propheten gefallen lassen. In späterer Zeit ändert sich auch die Stellung der Frau. Im Deuteronomium, das im Jahre 621 unter Hiskias Regierung anfgefnudeu und dem Kanon der Gesetzessammlung einverleibt wurde, ist die Fassung des 10. Gebotes revidiert. Früher wurde an dieser Stelle die Fran als zu der Habe gehörig betrachtet, nach der sich der Blick des Nächsten nicht gierig richten darf, jetzt wird sie an erster Stelle und ganz besoilders gellannt. Redner skizzierte daun den Gang der jüdischen Geschichte von der ersten Tempelzerstörung und dem babylonischen Exil biK zur Rückkehr im Jahre 444 und der Gesetzgebung Esras. Der Ehe wird jetzt eine erhöhte Aufmerksamkeit zngewendet; in der Erkenntnis, daß ein kleines, ringsum von Feinden umgebenes Volk sich nur durch Sittenreinheit behaupten könne, wird auf die Prostitution die Todesstrafe gefetzt und die Ehe mit Heidinnen untersagt. Eine bedeutsame Rolle spielt die Fran beim Aufstand der Makkabäer; um die Ehre ihrer Schwester zu rächen, greifen die Söhne des Matathias zum Schwert. Eingehende Erörterung widmete der Vortragende der Zeit des Urchristentums. Gewiß sei es, daß bei dieser Bewegung der Fran eine heute noch nicht genügend gewürdigte Aufgabe zngefallen sei. Wie die Mühe der Frau gelohnt wurde, beweist die weitere Entwicklung der neuen Religionsgemeinschaft, die nicht lange darnach den Satz: „Unlisr taeeafc in ecclesia“ prügle. Die angesichts der wachsenden hellenistischen Einflüsse laut werdende Mahnung „einen Zaum um die Lehre zu ziehen", blieb ans die Stellung der Fran nicht ohne Einfluß. Besonders machte der Vortragende auf die in diesen späteren Zeiten entstandene Sprnchfammlnng aufmerksam, in welcher der Frau als Gattin und Hausmutter Lobsprüche gespendet werden, wie sie im griechischen oder römischen Literaturhereich undenkbar mären und die in einem wobltnenden Gegensatz stehen zn dem Passus einer pseudodenwsthenischeu Rede, in welcher von den Frauen in zynischem Ton gesprochen wird. Nach einer Besprechung der im Talmud sich findenden Belegstellen warf der Redner einen Blick auf die spätere Zeit des Judentums, das innerhalb eines mnstergiltigen Familienlebens die Würde der Fran immer hochgehallen habe. Den aus gediegener Kenntnis des Gegenstandes geschöpften, durch vielfache gedankenreiche Beziehungen und Ausblicke belebten Ausführungen Dr. Pollaks folgte lebhafter Beifall.