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Die Wahrheit · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3. Die Wahrheit Seite 5. begründete damit die „neugrammatische Schule", deren Hauptvertreter keine Geringer» als -Hermann Paul und Wilhelm Wundt sind. Einen ebensolch großen Einfluß übte dieses Programm auf Wilhelm Wnudt, vielleicht den größten der jetzt lebenden Philosophen. Wohl greift er in einer kleinen Schrift das Programm an, *) das Programm, aber nicht die Daseinsberechtigung dieser Wissenschaft. Die letzen zwanzig Jahre seiner immensen wissenschaftlichen Tätigkeit widmete Wundt fast ausschließlich dem Aufbau der von Lazarus begründeten Völkerpsychologie, bis jetzt in fünf mächtigen Bünden. Auch seine „Ethik nennt Wundt selbst, „eine Vorhalle der Völkerpsychologie." Die Völkerpsychologie hat schon lange das Bürgerrecht einer selbstständigen Disziplin im Reiche der Geisteswissenschaften erhalten. Die Zahl der Gelehrten, die sich mit völkerpsychologischen Problemen beschäftigen, ist Legion. Der Keim, den Lazarus gesäet, ist znm herrlich blühenden Baum der philosophischen Wissenschaft herangewachsen. Lazarus, als ein treuer Sohn des Judentums, stellte seine Wissenschaft auch in den Dienst seiner Religion. Aus ihr schöpfte er die Ideen zu einer Reorganisation des Judentumes, kämpft mit Waffen, geholt ans dem Arsenal der Völkerpsychologie gegen den von Stöcker begründeten Tentonismiis. Endlich führte er seine Disziplin in die geweihten Hallen der jüdischen Wissenschaft ein. Sein „Profet Jeremias", seine „Ethik" sind Perlen jüdischer Religionswissenschaft. Nach dieser Einleitung wollen wir auf das eigentliche Thema eingehen. Viele schon versuchten, das Wesen der Religion psychologisch zu erklären. So z. B. Schleiermacher. Ihm ist die Religion „das Gefühl schlechtsinuiger Abhängigkeit;" andere leiten die Religion vom Glücksbedürfnisse ab. Doch erschöpfen diese Definitioiteit nicht das Wesen derselben; denn sie enthalten nur Teilmotive des religiösen Verhaltens. Sv schwindet das Abhängigkeitsgefühl bei der höchsten Steigerung des religiösen Enthusiasmus und verwandelt sich in das der Einheit mit der Gottheit. Ebenso schwindet das Glücksbedürfuis in dem Gefühl der inner» Beseelignng. Neuerdings weist Harald Höffding in seiner Religionsphilosophie auf Selbstbiographien und Bekenntnisse religiöser Hersöulichkeiteu hin. Eine solche Sammlung, bemerkt Wundt richtig, ist allenfalls eine Kasuistik zu einer religiösen Pathologie, aber eine Religionspsychologie ist sie nicht, weil diese über den Ursprung der Religion nichts aussagen kann, dann diese Persönlichkeiten stehen ja mitten drinn im Strome der entwickelten Religionen. Man kann das Wesen der Religion vom Standpunkte der Jndividualspsychologie nicht erschöpfen. Die Religion ist an eine soziale Gemeinschaft, gebunden, und die Erforschung derselben ist und bleibt ein Problem der Völkerpsychologie. (Fortsetzung folgt.) ZDie Geschichtlichkeit Iesn. Von Dr. Kahan, Znaiin. Die liberale protestantische Theologie muß jetzt einen Kampf auf Leben und Tod auskämpfen. Der orthodoxe Christ kennt diesen Kampf nicht. Für ihn gibt es keine Schwierigkeiten im Glauben wie für das Kind im Märchenland. Der eine Gott besteht ans drei Personen — warum denn nicht? Der Sohn Gottes, der selbst ebenfalls Gott ist, hat Menschengestalt angenommen, hat den schmählichsten Tod erlitten, um die Menschen von ihren Sünden zu erlösen — kann jemand darin etwas andres erblicken, als die unendliche Liebe Gottes zu den Menschen, der sich selbst hinopfert, um die Menschen zil erlösen? —Alles ist da in schönster Ordnung. Anders die liberale protestantische Theologie. Für sie gibt es keine Wunder und keine Offenbarung im gläubigen Sinne. Für sie ist auch Jesus kein Gottessohn, keine Person in der Dreieinigkeit, sondern ein Mensch, allerdings ein einzig dastehender, unvergleichlich genialer Mensch. Und auf diesen Menschen *) Wundt „Ziele uud Wege der Völkerpsychologie". Phil. Stud. Jesus gründen sie ihre ganze Religion! — Man begreift nun ihre entsetzliche Verlegenheit und ihre Todesangst, wenn die kritische Schule kommt und den zwingenden Beweis liefert, daß ein Mensch Jesus, von dem die Evangelien berichten, nie gelebt, daß die Evangelien nur fromme Dichtungen seien und das ganze Christusbild ebenso eine mythische Schöpfung sei wie Osiris, Dionysos, Herakles. Der Zweifel an der Geschichtlichkeit Iesn datiert nicht erst seit gestern. Schon Voltaire erzählt von Anhängern Bolingbrokes. daß sie - mit historisch-kritischer Begründung die Geschichtlichkeit Jesu in Abrede stellten. Aber der heftige Kampf, und zwar, wir Prost Schweitzer mit Wehmut konstatiert, nicht immer mit ehrlichen Mitteln, begann erst mit dem Erscheinen von Arthur D r e w s C h r i st n s m y t h e (besprochen in Nr. 34 der Wahrheit vom Jahre 1910). Nicht nur in zahlreichen Broschüren, sondern auch in einem öffentlichen Religionsgespräch zu Berlin am 31. Januar und 1. Februar 1910 wurde über die Frage: „Hat Jesus gelebt?" heftig debattiert. Aber keiner scheint mir diese Frage mit solchem Scharfsinn und solcher Gründlichkeit, uud zwar mit n e i n, beantwortet zu haben, wie John M. R o b e r t s o h n in seinem trefflichen Buche: „Die Eva ng e l i e n m y t h e n" (Deutsche Ausgabe bei Eugen Diederich s. Jena 1910). Mit wissenschastlichem Ernst, wie es einem io wichtigen Probleme znkommt, und mit außerordentlicher Sachkenntnis weist er Punkt für Punkt nach, daß sowohl der p r ed i g e n d e Halbgott, als auch der w u n d e r w i r k e n d v Halbgott ein Geschöpf der Mythe sei. Er sagt treffend: „Wenn sich jede markante Position in der Legende des evangelischen Jesus als mehr oder weniger offensichtlich mythisch herausstellt, was den Stoff der Lehre, wie was den Stoff der Begebenheiten betrifft, bleibt einfach nichts übrig, was irgend jemand berechtigen könnte, an eine Persönlichkeit von Fleisch und Blut zu glauben, die hinter dem Namen stünde." — Und daß eben ' alles an Jesus mythisch ist, beweist Robertson so gründlich, daß die von der liberalen protestantischen Theologie mit viel Sophismus und wenig Ehrlichkeit konstruierte „einzigartige Persönlichkeit" unter seinen Händen wie eine Seifenblase zerstiebt. Bei der grundlegenden Bedeutung dieses Buches und bei dem hohen Genuß, den seine Lektüre gewährt, ist es sehr zu bedauern, daß Robertsohn ans Unkenntnis des Hebräischen und der rabbinischen Literatur viele Ungenanigkeiten sich zu Schulden kommen läßt, allerdings berühren sie nicht den Kern der Sache. Ebenso bedauerlich ist es, daß die Zitate aus der hebräischen Literatur von Druckfehlern geradezu wimmeln. Einige Beispiele seien angeführt. R. spricht vom gehörnten Moses. Das beruht auf der falschen Uebersetzung der Vulgata zu Exodus 34, 30, wo pp mit „gehörnt" statt st r a h l e n tviedergegeben ist. Lttther und selbst die englische Uebersetzung haben richtig strahlen. Seite 130 Anm. spricht er von der Uebereinstimmung der Namen Gaza und Gades. Nttn ist aber Gaza nur die griechische Form für mp, welches doch mit Gades gar keine Aehulichkeit hat. Eher könnte man Gades mit V-ip-Kades iit Verbindung bringen! Seite 160 beanständet R. die Stelle in Matth. XI, 25: Zu derselbigen Zeit antwortete Jesus und sprach u. s. w. Nun hat hier zwar das Original apokritheis und Luther übersetzt auch „antwortete", was aber keinen Sinn gibt, da keine Frage voransgeht. Aber ein Gelehrter vom Range Robertsons sollte wissen, daß das Griechische selbst kein Original, sondern eine Uebersetzung aus dem Hebräischen ist, und zwar hier eine falsche Uebersetzung des Hebräischen rap, welches nicht immer antworten, sondern sehr oft „das Wort nehmen, a n st i m m e n" heißt. Obwohl R. wohl weiß, daß die jesuiuifche Lehre oft eine bloße Wiederholung alttestamentarischer Lehren sei (169). so läßt er (166) die naheliegenden Parallelen Jes. 58, 7, Hiob 29, 12 ff uud bringt dafür — das so fernliegende Buch der Toten, wo ebenfalls die Hilfe für die Armen gepriesen wird 185 meint R. hinsichtlich der Fastenfrage (nämlich daß das Fasten nicht besonders verdienstlich sei) haben die Talmudisten keine Parallelen bereit liegen. So sei denn neben Jes. 58 auf die Ausspriiche im Talmud verwiesen: Wer im Fasten verharrt, heißt Sünder (Taanith 11 a), ein Gelehrter darf nicht fasten

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