Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 3. In der Sitzung der Reichsduma vom 26. v. M. wurde mit 136 gegen 84 Stimmen folgende Bestimmung in das neue Sonntagsruhegesetz ausgenommen: „Die Arbeit in sämtlichen kaufmännischen und gewerblichen Betrieben, die in § 1 genannt sind, muß während des ganzen Sonntags, am zweiten Weihnachts¬ und Ostertage, am Nenjahrstage und am Gedenktage der Bauernbefreiung (19. Februar) vollständig ruhen." Dieses neue Sonutagsruhegesetz bedeutet wieder einen Ruin lausender jüdischer Existenzen, da die jüdischen Kansteute und Gewerbetreibenden gezwungen sein werden, zwei Tage in der Woche zu feiern. Wahrend der letzten Tage lausen beim Handelsminister Timaschew zahlreiche Gesuche und Petitionen jüdischer Handelsaugestellter und Rabbiner ein, die auf die enormer: Schwierigkeiten Hinweisen, welche durch das neue Gesetz für den jüdischen Handelsstaud entstehen. Bekanntlich hat die Duma den Antrag der jüdischen Abgeordneten, daß es den die Sabbatruhe beobachtenden Juden gestattet sein sollte, am Sonntag zu arbeiten, abgelehnt. Wie verlautet, soll nun Timaschew beabsichtigen, gewisse. partielle Zugeständnisse auf dem Verordnungswege durchzuführen. * Durch den Tod des Dumaabgeordneten Karaulow, hat die Duma einen ihrer hervorragendsten Mitglieder und die russische Judeuheit einen unerschrockenen für Recht und Freiheit begeisterten Beschützer verloren. Karaulow ist jederzeit für die Freiheit aller Staatsbürger eingetreten und er wurde daher iit früherer Zeit von der russischen Regierung verfolgt und zu mehrjähriger Zwangsarbeit verurteilt. Er har darauf lange Jahre in Sibirien gelebt, war hier zugleich Arzt und Privatanwalt an den Gerichten und erwarb die Liebe und Hochachtung seiner Stammesgenosfen in dem Maße, daß er nach der Amnestie von 1905, die ihm seine Rechte wiedergab, von einem sibirischen Wahlkreise in die Reichsduma gewählt wurde. Die Kadettenpartei, der er angehörte, besaß in ihm den stärksten Vorkämpfer in allen R e l i g i o n sn n d G l a u b e ins fragen und alle in Rußland; wegen ihres Glaubens Verfolgten und vor allen Dingen alle Juden fanden in ihm. der selbst eine tiefe religiöse Natur war, einen starken, überzeugten Beschützer. Die jüdische Gemeinde in Petersburg entsandte eine Deputation §m* Leichenfeier und in den jüdischen Synagogen wird des Heimgegangenen ehrend und in aufrichtiger Trauer gedacht. * * Wie der „Pol. Korr." aus Saloniki gemeldet wird, soll die zionistische Propaganda, die sich in letzter Zeit unter den ottomanischen Juden stärker bemerkbar machte, in hohem Maße das Mißfallen der leitenden jungtürkischen Kreise erregen. An zuständiger Stelle wird besonders darauf hingewiesen, daß man den ottomanischen Juden jederzeit großes Vertrauen entgegengebracht und ihnen nie die Achtung versagt habe, die sie als loyale Uutertanen verdienen. Die junge Türkei könne Bestrebungen, wie sie der Zionismus verfolge, nie gutheißen und werde dieselbe mit aller Energie zu bekämpfe!: wissen. Man habe den in anderen Ländern verfolgten Juden jederzeit gastliche Aufnahme bereitet und sie können sich in allen jenen Provinzen des Reiches niederlasseu, wo es die Verhältnisse gestatten. Eine Konzentrierung von Juden in Palästina im Sinne der Bestrebungen des Zionismus könne und werde man aber nicht dulden. Man rät deshalb den ottomanischen Juden entschieden ab, sich dieser Propaganda in die Arme zu werfen, da daraus für sie die größten Nachteile entstehen könnten. Tatsächlich haben sich weite Kreise der ottomanischen Juden gegen die Propaganda ausgesprochen, und zwar unter Hinweis auf die Gefahren, die ihnen erwachsen könnten, wenn sie das bisher in der Türkei genossene Vertrauen verlieren würden. * * Die Londoner „Times" vom 9. Januar meldet ans Washington: Die Demission des Herrn Straus, des amerikanischen, Botschafters in der Türkei, wird eben bekannt gegeben. Sein Nachfolger ist noch nicht ernannt worden. Die Religio« hu Lichte der Völkerpsychologie von Dr. Alois Schweiger, Nabbiuer in Eger (Erlau). Die. Völkerpsychologie ist eine der schönsten Früchte jüdisch-- wissenschaftlichen Geistesi Ihr Begründer war der weithin und auch in Wiener Kreisen wohlbekannte Professor Moritz Lazarus sel. A. Fünfzig Jahre sind nun seit ihrer Begründung verflossen, ein halbes Jahrhundert, daß Lazarus im Verein mit seinem Freunde Steinthal dieser neuen Disziplin ein Organ geschaffen, „die Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft." Wir glauben die Völkerpsychologie anläßlich eines solch bedeutendeu historischen Wendepunktes am würdigsten zu feiern, wenn wir ein von ihr bevorzugtes Gebiet behandeln, das uns allen am nächsten liegt, die Betrachtung der Religion im Lichte der Völkerpsychologie. Doch wollen wir über das Werk den Meister nicht vergessen; wir wollen daher, zur Einleitung in knappen Zügen die Entstehung und den Werdegang der Völkerpsychologie vorsühren, Wie kam nun Lazarus auf den Gedanken, diese Wissenschaft zu begründen? Hören wir darüber sein eigenes Bekenntnis, das vielen Wienern gewiß noch in lebendiger Erinnerung sein dürfte. Der „Politische Volksverein" lud im Jahre 1897 Lazarus zu einem Vortrage, den er am 11. April im „Großen Musikvereinssaal" abhielt. Er sprach über „die völkerpsychologische Bedeutung des Judentums". Anläßlich des Kommers, der. ihm zu Ehren' veranstaltet wurde, hielt er folgende bedeutsame Rede: „Ich bin nicht ein Jude und auch Völkerpsychologe, ich bin auch nicht Völkerpsychologe und auch Jnde, sondern ich bin Völkerpsychologe, weil ich Jnde bin, und bin es geworden, weil ich einer bin." Er sprach dann über seinen Geburtsort und die Verschiedenheit der dort wohnenden Nationalitäten. „Nach langen Jahren" setzte er fort „drang ich in die Psychologie ein und die Frage der Verschiedenheit der Völker beschäftigte mich. Und wenn ich mich fragte, wie sich die Völker selbst zu ihrem eigenen Verhalten stellen, da fand ich, daß alle übrigen Völker partikularistisch waren und absolut partikularistisch blieben. Selbst die hochgebildeten Griechen haben es nicht zu dem Gedanken bringen können, daß sie Menschen sind und die andern auch. Wer nicht griechisch sprach, war stumm — barbaros—. Der Zukunftsgedanke einer Einheit und- Gleichheit der ganzem Menschheit, wie ihn die Juden haben, brachte mich auf den Glauben der Völkerpsychologie, und je mehr ich Psychologe wurde, desto mehr bin ich Jude geworden." — Das sind goldene Worte, die wir als Motto der Völkerpsychologie akzeptieren. Ich möchte diesen schönen Worten noch hinznfügen, daß den Begriff der Volksseele schon der Profet Jeschaja (42.5) verkündete, rmi ri'by ayb ,-iöpj;n: m So spricht Gott der Herr, der den Himmel schuf und ihn ausspaunte, der die Erde ansbreitete und ihren Gewächsen, der eine Seele gibt dem Volke auf ihr, und Geist denen, die auf ihr wandeln." Was verkündet nun diese Wissenschaft? Auch in der Tätigkeit der Seele walten, wie überall im Universum, Maß und Gesetz. Die Kenntnis und das Verständnis derselben enthält die Psychologie. Lazarus nun, der sich vornehmlich den Problemen, welche die Gesellschaft betreffen, zuwandte, sah bald, daß die Jndividualpsychologie nicht hinreiche die psychische Entwicklung der Masse zu erklären; daß die Disziplin, die den Vorgang i m Menschen darstelle, noch nicht die Beziehungen,' die zwischen Menschen stattfinden, erklären könne; da machte er den entscheidenden Schritt; schuf eine neue Wissenschaft, die Psychologie des gesellschaftlichen. Menschen, oder wie Lazarus sie nannte, „Die Völkerpsychologie." Sie ist also die Lehre von den Elementen und Gesetzen des Volksgeistes, nach denen die geistige Tätigkeit eines Volkes in Religion, Kunst, Sitte und Wissenschaft vor sich geht. . Dieses Programm war ein Weckruf für Viele. Der Erste, der diese Ideen verbreitete, war der scharfsinnige Steinthal. Er führte diese neue Disziplin in die Sprachwissenschaft ein und