Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Programmrede, mit welcher Ministerpräsident Freiherr von B i e n e r t h sein ueugebildetes Ministerium dem österreichischen Abgeordnetenhause vorstellte, enthielt folgende überaus beachtenswerte Erklärung: „Wir wollen die Verwaltung m i t st r e n g st e r U u- Parteilichkeit führen mit der festen Absicht, allen V o l k s st ä m m e u, allen gesellschaftlichen Schichten ohne jede Voreingenommenheit gegenüber zu stehen nnd ihren Bedürfnissen. eine gleichmäßige Würdigung angedeihen zn lassen." Schöne Worte, deren Inhalt, soweit es unsere staatsbürgerlichen Rechte betrifft, auch wir Juden einmal in der Praxis durchgeführt sehen möchten. Die jüdischen Abgeordneten würden gut daran tun, den Herrn Ministerpräsidenten beim Wort zu nehmen und ihm z. B. vor Augen zn führen, in welchem Mißverhältnisse die Ergebnisse der eben durchgeführten Volkszählung zu den mageren Zuwendungen stehen, die der Staat, bei sonstiger Freigebigkeit für alle anderen Konfessionen, für unsere religiösen und knltuellen Bedürfnisse übrig hat. Auch in vielen anderen Belangen könnten sie an der Hand der statistischen Daten der Volkszählung darauf Hinweisen, wie viel der Staat von uns fordert und wie wenig er uns von unseren Rechten in der Praxis bietet. Der Tod des großen Staatsrechtslehrers Professor Dr. Georg Jellinek in Heidelberg, der bekanntlich ein Sohn des unvergeßlichen, geistvollen Kanzelredners Dr. Adolf Jellinek in Wien war, erweckt sowohl in Oesterreich als auch in Deutschland überaus schmerzliche Empfindungen. Der Mann, der zu den Zierden der deutschen Rechtswissenschaft gehörte, der durch seine bahnbrechenden Forschungen die Kultur seiner Zeit vermehrte nnd vor dessen Genius sich jetzt die gesammte Gelehrtenwelt ehrfurchtsvoll neigt, mußte seine Heimat verlassen, weil er als Jude an der Wiener Universität eine Professur nicht erlangen konnte, und selbst in Deutschland wurde er erst dann als vollwertig zur Erlangung akademischer Ehren betrachtet, als er sich das ihm gewiß nicht leichtgewvrdene und von vielen mit Recht abgelehnte Opfer des Religionswechsels abgerungen hatte. Derartige Betrachtungen mögen die Festesstimmung der deutschen Juden anläßlich der vierzigsten Wiederkehr des Tages der Gründung des deutschen Reiches stark herabstimmen. Ihre Väter haben Gut und Blut bereitwillig auf den Altar des Vaterlandes gelegt und zu tausenden auf den französischen Schlachtfeldern ihr Leben für Deutschlands Einheit nnd Freiheit geopfert, und heute werden die Nachkommen jener Freiheitskämpfer vom Staate nur dann für ein öffentliches Amt für würdig befunden, wenn sie ihre Glaubensfahne feige verlassen haben. O quae mutatio renun! -r- -r- \ *?* Die vom galizischen Landesansschuß beschlossene Enquete über die Notlage der Juden in Galizien ist nun endlich dock eiubernfen worden. Die Einladungen sind bereits verschick: worden. Die Enquete, die mehrere Tage in Anspruch nehmen wird, wird am 23. Januar 1911 in Lemberg unter dem Vorsitze des Landmarschalls Grafen B a d e n i beginnen: Einladungen sind an die Vertreter aller Parteien, an bekannte jüdische im öffentlichenLeben stehende Persönlichkeiten, an anerkannte Nationalökonome und Fachschriststellsr ergangen. Der Landmarschall als Einbernfer der Enquete im Auftrag des Landesausschusses wird während der ganzen Verhandlungen persönlich den Vorsitz führen. In seinen Weisungen au die einzelnen Referenten verlangt der Landmarfchall von diesen nicht nur theoretische Schilderungen der jüdischen Notlage nnd ihrer Ursachen, sondern auck praktische nnd durchführbare Vorschläge zur Abhilfe. Die Vorgeschichte der Enquete ist bekannt. Sie wurde im Jahre 1907 vom Abgeordneten Dr. Löwenstein im galizischen Landtag am Schlüsse einer großen Rede über die Notlage der Juden in Galizien beantragt. Damals wurde die Enquete beschlossen. Zweimal ward sie bereits festgesetzt nnd jedesmal aus anderen Gründen verschoben. Nun soll sie, falls nicht in letzter Stunde wieder ein „unerwartetes Hindernis'" eintritt, dennoch abgehalten werden. Die Jüdischen Referenten haben nun die Möglichkeit, mit praktischen Vorschlägen hervorzutreten und dem Landesausschuß den Weg zur Hilfe zu zeigen. ij: * * Wie sehr gegenwärtig der Geist konfessioneller Unduldsamkeit besonders in den unter preußischer Verwaltung stehenden Teilen des deutschen Reiches herrscht, das zeigt folgende ans Metz mitgeteilte Nachricht: „Der preußische Kriegsminister har dem lothringischen israelitischen Konsistorium die Ermächtigung verweigert, zum Gebrauch der in Metz garnisonierenden jüdischen Soldaten ein „Soldatenhaus" zu eröffnen, in dem diese außerhalb des Dienstes sich erholen und ihre Mahlzeiten einnehmen könnten. Der Minister erklärt, daß es derartige konfessionelle Häuser nicht geben dürfte, und anderseits die israelitischen Soldaten befreit seien (sont exempts) von jeder rituellen Verpflichtung während der Dauer ihres militärischen Dienstes." * * *