Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Nr. 2. Seite 6 „ Die Wahrheit 6. März d. I. statt und eine ehrende Erinnerung bleibt den frühverstorbenen Freunden des Vereines gesichert. Die Generalversammlung gibt, uns wieder den erwünschten Anlaß der. Schar. jener opferwilligen Männer zu danken, die seit Gründung des Tempelvereines unablässig und trotz aller Schwierigkeiten und Hemmnisse gearbeitet und gekämpft haben, bis der XIX. Bezirk eine würdige. Stätte für die Verrichtung des Gottesdienstes und für die Erhebung der Jugend erhalten hat.. Erinnern Sie sich, meine Herren, wo und wie jahrzehntelang der Gottesdienst in Döbling abgehalten wurde — in einer Form, die einer Preisgebung unserer ehrwürdigsten und heiligsten Güter gleichkommeu mußte. — Mit Freude und Genugtuung darf der Vorstand des Vereines heute sagen: „Das Werk ist gelungen I" Kein prunkvoller, aber ein würdiger Tempel ist geschaffen worden, wo unter Berücksichtigung unserer bescheidenen Hilfsmittel, ein weihevoller und wahrhaft ergreifender Gottesdienst seine Pflege findet. Ohne Ueberhebung darf der Vorstand behaupten, daß der Gottesdienst in Döbling an den hohen Festtagen, was Feierlichkeit und Weihe anbelangt, keinem der Gotteshäuser anderer Bezirke nachsteht. Als vor 14 Tagen die schöne Chanuckafeier abgehalten wurde, da hat gewiß keiner der Anwesenden den Tempel ohne erhebendes Gefühl verlassen. . Weit entfernt sich aus ein bescheidenes Begnügen znrückznziehen, ist die Fürsorge des Vorstandes aus die weitere Ausgestaltnng der gottesdienstlichen Handlungen gerichtet. Bei diesem Anlasse richten wir an unsere Glanbensbrüder und Glaubensschwestern einen innigen Appell uns durch zahlreichen Besuch unseres Gotteshauses zu unterstützen, damit der erfreuliche Zuwachs den der Verein au Mitgliedern gewinnt, durch den fleißigen Besuch des Tempels eilten sichtbaren Ausdruck erhält. Die Pflege des Jugendgottesdienstes bleibt wie zuvor ein Hauptgegenstand unserer eifrigen Fürsorge. Gerne konstatieren wir, daß der Gottesdienst seitens der Volks- und Realschüler unseres Bezirkes fleißig "und zahlreich frequentiert wird. Das Gleiche kamt von den Schülern des Gymnasiums, welches iii unserer unmittelbaren Nähe gelegen ist, nicht behauptet werden. Die Mehrheit der Gymnasialschüler gefällt sich in passiver Resistenz. Jwieserue die Resistenz von dem Religionsprofessor all dieser Schule geduldet oder gefördert wird, läßt sich'nicht feststellen. Eine Aenderung dieses bedauerlichen Zustandes herbeizuführen, wird die Sorge des Vorstandes sein. Der tiefbeklagenswerte Konflikt im Mädchenlyzeum unseres Bezirkes zwischen dem früheren Religionsprofessor und der Schulleitung veranlaßte den Vorstand zu einer persönlichen Intervention. Weiters wurden auch im Korrespondenzwege Reklamationen erhoben. Es hat sich ergeben, daß das Unrecht auf Seite der Schulleitung gelegen war. welche den Konflikt mutwillig herausbeschworen hat. Die teilweise Lösung wurde gefunden, daß Herr Rabbiner Dr. Bauer den Religionsunterricht am Mädchenlyzeum erteilt. Was die Bibelschule betrifft, so konstatieren wir. daß dieselben, gegen das Vorjahr, dank der ersprießlichen, energischen Tätigkeit des Rabbiners Herrn Dr. Frankfurter und der Mitwirkung unseres Kantors Herrn Siegfried K o h n bedeutende Fortschritte gemacht hat. Die Schule besteht aus 4 Abteilungen und wird von 60 Schülern und Schülerinnen besucht. Geehrte Generalversammlung! Wir müssen es den Männern, deren Beruf und Stellung es bedingt, über diese Angelegenheiten zu wachen, anheimstellen, die Prüfung des Einflusses sestzustellen, den die i n t e r k o n f e s s i o n e l l e Schule a n sden jüdischen Gei st u n s e r e r Kinder h e r v o r g e b r a ch t h a t und welche Vorkehrungen zu treffen wären, diesen Einflüssen erfolgreich zu b e g e g n eh, w e n n sie si ch sü r u n s e reu Glaube n schädigend im d entfre md .e n d erweisen. Die Pflege jüdischen Geistes und jüdischen Wissens in den Familien ist arg gefährdet. Die Familie muß wie früher ein Bollwerk des Judentums fein. Es fehlt Heranbildung eines charakterfesten männlichen und insbesonderes weiblichenNachwnchses, der sich nicht scheut, sein Judentum zu bekennen. Wenn die kompetenten Kreise auf diesem Gebiete die starken Hebe! ansetzen, Verbesserungen durchzuführen, dann werden sich unsere Gotteshäuser füllen und die beschämenden charakterlosen Taufen vermindern. Die .Festgottesdienste anläßlich des 80. Geburtstages Nttferes erhabenen Kaisers nnd Herrn wurden am 18. Angnst und für die Volks- und Mittelschüler am 1. Oktober feierlichst begangen. Unsere Milgliederzahl hat im abgelanfenen Jahre eine erfreuliche Vermehrung erfahren. Wir zählten an ordentlichen Mitgliedern im Jahre 1907—127, 1908-157, 1909-180 und 1910—216. Wir verzeichneten 12 Hochzeiten, 20 Barmizwah und hatten am 6. Juni eine erhebende Mädchenkonfirmation unter Leitung unseres hochverdienten Bezirksrabbiners, Herrn Dr. D. Feuchtwan g. Wir wollen auch hervorheben, .daß am 30. November eine Vorbesprechung für den zu gründenden Frauenwohltätigkeitsverein stattgefunden hat, welcher eine Anzahl edler Frauen des Bezirkes anwohnten. Diesbezüglich versprecheit wir uns für die Zukunft schöne Resultate. Die Herstellung des Gleichgewichtes in unserem Haushalte ist im besten Wachsen, ungeachtet steigender aber unabweislicher Auslagen. Die Pflege der Wohltätigkeit in größerem Umfange wird durch unsere bescheidenen Mittel recht eingeschränkt, doch hat sich kein , würdig befundener Bittsteller vergeblich an uns gewendet. Es sei nunmehr gestattet den Mitgliedern nnd Gönnern unseres Vereines für die tatkräftige Unterstützung unserer Bestrebungen unseren verbindlichsten Dank ansznsprechen. Insbesondere danken wir für die wiederholten Hilfeleistungen unserer Mnttergemeinde, bei der sich endlich die Erkenntnis Bahn gebrochen hat, welche Summe von Kulturarbeit die Tempelvereine für sie verrichten. Die Erhaltung eines ungetrübten Einvernehmens mit unserer Mnttergemeinde war früher ein wichtiger ' Programmpunkt unseres Vereines und ist es auch weiter geblieben. Wir fühlen uns verpflichtet nuferem Bezirksrabbiner Herrn Dr. F e n ch t w a n g, unserem Prediger Herrn Dr. Frankfurter in Anfehnng ihrer verdienstvollen Leistungen und der vielfach uns erwiesenen uneigennützigen Dienste auf das Wärmste und Aufrichtigste zu danken. Wir drücken die Hoffnung aus, daß diese ehrwürdigen Herren uns auch weiter mit ihrem Rat und durch ihre erfolgreiche Tätigkeit unterstützen werden. Wir versichern ferner unsere dankbare Anerkennung unseren Kantoren, Herrn Jakob L a n d a n und Herrn' Siegfried K o h n sowie allen Funktionären, die im Interesse unseres Vereines und des Tempels wirken und bitten sie in der Erfüllung ihrer Pflichten weiter fortzufahren. Schließlich sei bemerkt, daß der Vorstand schon in einer der nächsten Plenarsitzungen eine vielfach bewährte Geschäftsordnung vorlegen wird, wodurch Uebergriffe einerKompetenz in die andere vermieden werden.dürften. Geehrte Versammlung! Unbeirrt von Stimmungen nnd Verstimmungen — aus welchen Motiven diese auch immer entspringen mögen — muß es als die Aufgabe einer jeden zielbewnßten Vereinsleitnng .hingestellt werden, daß die vorher erwähnten Grundbedingungen gepflegt werden, wenn die hohen Aufgaben und der Lebenszweck unseres Vereines erfüllt werden sollen. Die Mandate des Vorstandes sind mit dem heutigen Tage abgelanfen. Wir haben sie blank und fleckenlos gewahrt." (Lebhafter Beifall.) . Die Tagesordnung wurde mit der Wahl des Vorstandes beschlossen, welche auf folgende Herren fiel: Adolf Adler, Jqkob Bali nt, Carl Bauer, Emannel Beer, Paul von Fischer, Karl Flandrak, Bela Fränkl, Dr. Louis G l a s e r, Dr. Jakob K o h n. Emannel K o h n, Johann K o t ü nch i, Wilhelm K r o n st e i n, Julius Lederer, Rudolf Lion, Simon Lo t h, Josef Manthner, David Müller. Moriz Mülle r, Dr. Max O b e r s o h n, Ludwig P e k a r e k, Simon Philip, Moriz Pol l a k, Eduard R e ch n i tz e r, Ludwig S p i r a und Louis Z e r n e r.