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Die Wahrheit · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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hohen Geistlichkeit gegen diesen Antrag eine Agitation eingeleitet wurde. Tatsächlich beantragte der gewesene Präsident des Magnatenhauses, Graf Desfewffy, den bisherigen Zustand aufrechtznerhalten und den Beschluß des Abgeordnetenhauses abznlehnen. Der gewesene Unterrichtsmiuister von W las siez trat aber dem Anträge Deffewffys entgegen, indem er vor der Heranfbeschwörung konfessioneller Konflikte warnte. Nach längerer Debatte kam es zur Abstimmung. Das Ergebnis war, daß der Beschluß des Abgeordnetenhauses angenommen wurde., Sehr bemerkenswert ist die Ausführung des Jnstizministers Szekely, der betonte, er stimme deshalb für den Antrag des Abgeordnetenhauses, um zu dokumentieren. daß die Frage nach der Konfession nicht notwendig sei, um die Glaubwürdigkeit eines Zeugen festzustellen. Es wäre zu wünschen, daß auch Oesterreich dem Beispiele Ungarns folge — Oesterreich nnd auch andere Länder. — -i- Der bedauerliche Konflikt, zwischen der Pariser Zentrale der „Alliance Jsraelite Universelle" nnd der deutschen Konferenzgemeinschaft scheint nun doch in eine friedliche Lösung anszuklingeu. Ans Berlin wird neuerlich berichtet, daß Geheimrat Fuchs, der Vorsitzende der deutschen Konferenzgemeinschaft, vom Zentral- Komitee in Paris ein Telegramm erhallen habe, wonach dasselbe alle Forderungen der Deutschen zu bewilligen beschlossen habe. Die Deutschen Mitglieder des Zentral-Komitees werden ersucht, einen Termin zu bestimmen behufs Anberaumung einer Sitzung, in welcher über die Ausführung dieses Beschlusses im Einzelnen verhandelt werden soll. Das Telegramm soll in der liebenswürdigsten und höflichsten Form abgefaßt sein. * * Ist das Kol-Nidre-Gebet eine Einrichtung der jüdischen Religionsgemeinschaft? Das Landesgericht I in Berlin hat diese Frage bejaht, das Reichsgericht hat es dahingestellt gelassen, ob diese Frage zu bejahen ist. ' Es handelt sich um ein Urteil des erwähnten Landgerichts vom. 14. Juni, durch das der Redakteur der „Staatsb.nrgerzeitnng", Wilhelm Buchow, ans Grund des § 166 zu einer Woche Gefängnis verurteilt worden ist. Er hat am 21. Mai einen Artikel „Jüdische Eide" veröffentlicht, in dem eine „sensationelle Feststellung" des antisemitischen „Bukowinaer Volksblattes" mitgeteilt wurde. Danach wäre in dem Kol-Nidre-Gebet den Juden die Freiheit gegeben, Eide mit Vorbehalt zu schwören und sie nicht einznhalten. Das Gericht hat in Anbetracht der „äußerst rohen Form" der Kritik in dem Artikel eine Beschimpfung des Judentums und des Kol-Nidre-Gebets, eine Einrichtung der jüdischen Religionsgesellschaft, erblickt lind aus der Tendenz der„Staatsbürgerzeitung" auf die Absicht der Beschimpfung gefolgert. — In seiner Revision bestritt der Angeklagte, die Grenzen der Kritik überschritten zu haben und behauptete, er habe nicht die Religion, sondern die Rasse angegriffen; auch wäre von einer Einrichtung der Religionsgesellschaft hier nicht gesprochen worden. — Das Reichsgericht verwarf die Revision. Ausreichend 'festgestellt sei, daß die jüdische Religionsgesellschaft beschimpft worden sei. Bei dieser Sachlage sei es nicht erforderlich gewesen zu prüfen, ob das Kol-Nidre-Gebet 'eine Einrichtung der jüdischen Religiousgesellschäft ist. * * ‘ ~ * . Aus Bern wird der Straßburger „Israel. Wochenschrift" geschrieben: Die Aufhebung des Schächtverbotes in Sachsen weckt die Erinnerung an einen Manu, der seinerzeit in dieser Frage eine große Tätigkeit entfaltet hat, an dem im vorigen Jahre verstorbenen Professor Carl H i l t y. Wie dieser Tage der Korrespondent eines amerikanisch-jüdischen Blattes berichtet, hat Prof. Hilty wiederholt erklärt, düs Schächtverbot in der Schweiz sei nur infolge der Agitation deutscher Antisemiten durchgesetzt worden. Er hat vor einigen Jahren über die Schächtfrage eine Broschüre verfaßt, in welcher er auf Grund unumstößlicher Tatsachen den Beweis führte, daß das Schächten keine Tierquälerei sei. Im Gegenteil, das Schächten sei die beste Tötungsart. Der erwähnte Korrespondent'behauptet ferner folgende Tatsache, die unseres Wissens jetzt zum ersten Male bekannt wird: P r.o fess o r Hilty habe bald nach der Veröffentlichung seiner B r o schür e d i e B e r t r e te r d er j ü di scheu Ge m e i n d e zu s i ch ko m m e u lassen und sie b et reffs d e r S ch ä ch tf ra g e na ch i h r e r Ans ich t b e f ragt. Zus eine m grö ß t e n E r st a lt n en ■ m n ß te e r aber höre n, daß i h n en die S a ch e gar n i ch t so wicht lg v o rk a m, a l s d a ß man w e g eu d e r s e l b eit v i e l Am fh e b e n s m a ch e. Selbstverständlich ist es uns nicht möglich, diese Behauptung auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen,' aber es wäre im'hohen Grade interessant, wenn die Sache klar gestellt werden könnte. * * . £ Das Schicksal der Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des A n s i e d l n n g s r a y ö n s scheint nun leider besiegelt zu sein.. In der Duma bestanden bis jetzt Meinungsverschiedenheiten darüber, welche Kommission man den betreffenden Gesetzentwurf zur Vorbereitung überweisen sollte. Manche waren für die Einsetzung einer speziellen Kommission, andere — namentlich aber alle diejenigen, die eine menschliche Erledigung dieser Frage ehrlich wünschten — traten für die Ueberweisung der Vorla'ge au die verhältnismäßig liberale Kommission für die Frage der „Unverletzlichkeit der Person" ein, mit der ja das Problem der Freizügigkeit eng zusammenhängt. Nun wird die Fraktionsentscheidung über die Lebensinteressen der jüdischen Volksmassen in die Hände einer in ihrer großen Mehrheit ausgesprochenen antisemitischen Kommission gelegt werden. - Wie dem auch sei, die Herren von rechts können jetzt ruhig sein. Das ungeheure Gefängnis, Ansiedlnngsrayon genannt, in dem Millionen von Inden am Hungertuch nagen, wird auch künftighin zum Segen und Ruhme des Vaterlandes bestehen bleiben. * * * Von der Spaltung im royalistischen Lager erhoffen sich manche Kreise ein Wiederaufwachen des Antisemitismus in Frankreich. Die Liga „Action Francaise", die auch die „camelots du roi^ patronisiert, hat sich nämlich jetzt von dem Prätendenten Herzog Philipp von Orleans losgesagt, und zwar ans zweierlei Gründen. Erstens mißbilligt sie seine politische Passivität, an deren Stelle sie gern eine royalistische „Propaganda der Tat" sähe und zweitens ist ihr die Führung der royalistischen Partei, deren Hauptorgan. der „Gaulois", bekanntlich von dem Juden Artur Meyer redigiert wird, zu „verjndet" geworden. Der Kronprätendent hält auf Artur Meyer große Stücke und die Royalisten von der „Action Francaise" sind daher der Meinung, daß „die allernächste Umgebung des Herzogs ganz jüdischem Einstnsse untersteht". Unter der Parole, Frankreich nnd seinen König aus der Macht des jüdischen G o l d e s z u befreie n, unternahm die „Action Francaise" eine Fehde gegen den „Ganlois" und den Grafen de Laregle, den Generalftabschef der Royalisten. Verwarnungen seitens des Herzogs halfen nichts, die Kampagne gegen den Grafen wurde immer heftiger. Schließlich hat aber Artur Meyer wieder die Oberhand behalten, den wie berichtet, wurde.die Liga offiziell vom Herzog d e s a v o i e r t nnd aus der Königspartei ausgestoßen. Die antisemitischen Royalisten sind aber nicht gewillt, so ohne weiteres den Kampf einzustellen. Sie wollten, wie der „Deutschen Tageszeitung" von ihren Pariser Korrespondenten (18. 12.) geschrieben wird, so lange für ihren König gegen das jüdische Geld streiten, bis sie diesen vom dem an ihm verübten Verrat überzeugt haben und er sie wieder an feine Seite ruft. Ihre Aussichten sollen nicht schlecht stehen. Wie groß der Anhang der „Aktion Francaise" ist, zeigt der Umstand, daß sie binnen einer Woche nicht weniger als 103.229 Francs für ihren Agitationsfonds fammeln konnte. Während der mit der'Plntokratie verschwägerte Adel auf der Seite der Fraktion des Grafen de Laregle stehe, halte die alte französische Noblesse zur „Action Francaise", der auch in der letzten Zeit die bekannten Schrift^ steller Jules L e m a i t r e und Paul B o u r g e t beigetreten sind. Infolge der Zerwürfnisse haben die Präsidenten der zwei mächtigsten.royalistischen Vereine von Paris, vom 1. und 19. Bezirk ihre Demission gegeben, und/ haben, sich mit ihrem Anhang der Liga angeschlossen. '

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