Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Sidministrakion: Wien, H/, Nvvatagassü 27 Telephon: Redaktion 5107/V1II. > Avaöhängige Jertschrift für Mische ” . ' ". j Verngsprei»: i Ganzjährig.IC 14 — Halbjährig.IC 7.— Admininraiion 4938/11. K. k. üsterr. Bostsparkajja- Scyelt>-Konlo Nr. 100.918. Interessen. Für Dillusbruinte: Ganzjährig.K 10. — Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Freitag. Für Ausland: Abonnementsnnd Jniertionö- Ganzjährig.8 Mark betröge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder >0 Frcs. Wie«, 13. Jänner Inhalt: Aus der Woche. — Gedenkfeier für Ludwig August Frankl. — Jsr. Tempelverein für den XIX. Bezirk in Wien. — Die Inden in der Technik, der Kunst, der Wiffenschaft und als Forscher, Entdecker und Erfinder. — Verschiedene Nachrichten. — Der Vorderer in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. — Austritte aus dem Judentum. Die geehrten Kerren Köonnenlen werden um freundliche Einsendung des Aöonnernentsöetrages für das laufende Hnartal ersucht. Ans der Woche. Das rekonstruierte Kabinett Bien erth III unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung kaum merklich von seinem Vorgänger. Nur ein klein wenig ist die Richtung nach rechts mehr eingehalten, rvie es eben den Wünschen der gegenwärtig einflußreichsten politischen Parteien und den Neigungen maßgebender hoher Persönlichkeiten entspricht.- Was wir als Inden von den neuen Männern erwarten? Nicht mehr und nicht weniger, wie von allen ihren Vorgängern und Nachfolgern. Wir haben keine Sonderwünsche, wir sind es auch nicht gewohnt, daß unser Patriotismus und unsere Opferwilligkeit mit belegten Brödchen belohnt werden, aber was wir von jedem Ministerium verlangen und als Staatsbürger auch zu fordern berechtigt sind, das ist: strengste Unparteilichkeit der Exekutive in jenen Belangen, wo es sich um den Genuß und die Ausübung der uns ftaatsgrnndgesetzlich gewährleisteten Rechte handelt. ¥ Wie sich das neue Ministerium gegenüber jüdischen Forderungen, deren Erfüllung übrigens eine Sache der allgemeinen Gerechtigkeit ist, verhält, das wird sich an den Erfolgen zeigen, die die Aktion zugunsten der hart betroffenen, jüdischen Schänker in Galizien erzielen wird. Kürzlich fand nämlich in Wien eine Konferenz sämtlicher jüdischer Abgeordneter statt, in welcher zur Schäukerfrage Stellung genommen wurde. Abgeordneter Stand schilderte die traurige Lage derjenigen Schänker, denen jetzt die Konzession entzogen wurden. Es wurde der Beschluß gefaßt, dem Ministerpräsidenten ein Memorandum mit den folgenden Forderungen zu überreichen: 1. Es soll für alle Schänker ein einjähriges Provisorium geschaffen werden. 2. Diejenigen Schänker. die länger als zehn Jahre eine Schankkonzession haben, sollen lebenslängliche Konzessionen erhalten. 3. Nach der Volkszählung sollen sofort die notwendig gewordenen neuen Konzessionen ausgeschrieben werden. Zum Schlüsse protestierte die Konferenz gegen die ungerechte Steuer, die den Schänkern jetzt auferlegt werden soll. Unter Führung der jüdischen Reichsratsabgeordneten sprach auch eine Schänkerdeputation beim Ministerpräsidenten vor. Abgeordneter K o l i s ch e r legte dem Ministerpräsidenten die Resolution der Konferenz vor und schilderte in längerer Rede die Lage der Schänker, denen jetzt die Konzession entzogen wurde. Ministerpräsident Baron Bienerth antwortete, daß er sich sofort mit dem Handelsminister und mit dem galizischen Statthalter in Verbindung setzen werde, und versprach der Deputation, daß die gerechten Forderungen der Schänker berücksichtigt werden sollen. Nach diesem Ergebnis ist so etwas wie ein leiser Hoffnungsstrahl in die gedrückte Lage in Galizien eingezogen. Man erwartet, daß das Ministerium sein Versprechen, die gerechten Bedingungen der jüdischen Schänker zu berücksichtigen, einlösen wird. * * In Mährisch - O st r a n wurden von polnischen Flüchtlingen ans Russisch-Polen räuberische Ueberfälle verübt. Aus Sicherheitsgründen verfügte nun die Polizei die „Säuberung" der Gegend von den „fremden" Elementen. 418 russische Flüchtlinge wurden gezwungen, die reiche Bergbaugegend zu verlassen. Darunter sollen nur 76 jüdische Arbeiter gewesen sein. Es ist der zweite Fall, daß russische Juden in großer Zahl abgeschoben' werden. Im Jahre 1907 wurden die jüdischen Flüchtlinge in Czernowitz von einer derartigen Maßregel getroffen, die ausschließlich gegen Juden gerichtet war. In Wien wurde^bereits von Christlichsozialen Versuche unternommen, die Niederlassung von jüdischen Auswanderern aus Rußland zu verhindern. Aber im großen und ganzen hat sich die Wiener Polizei verständigen Einwänden zugänglich gezeigt imb sich in den Grenzen der Menschlichkeit bewegt. Nun gibt es aber ein feierliches Versprechen des seinerzeitigen Ministers des Innern Grafen Byland-Rheidt (im Jahre 1905), den russischen Flüchtlingen in Oesterreich keine Schwierigkeiten zu bereiten. Es wäre an der Zeit, dafür zu sorgen, daß die russischen Inden in Oesterreich nicht der Willkür jedes Bezirkshauptmannes freigegeben werden. Die jüdischen Neichsratsabgeordneten, der ..Gemeindebund" und die „Allianz" wären berufen, die nötigen Schritte in dieser Richtung zu unternehmen. * * * .... Im ungarischen Magnatenhause fand jüngst eme interessante Debatte statt über die Konfession der Zeugen im ungarischen Zivi lprozeß. Das ungarische Abgeordnetenhaus hat beschlossen, daß im Zivilprozeß vor Gericht erscheinende Zeugen nach ihrer Konfession nicht befragt werden sollen. Mit lebhaftem Interesse sah man daher der Debatte im Magnatenhause entgegen, da es bekannt war, daß in Kreisen der