Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1911
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063572-3063573--07058-3074111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1. Die Wahrheit Seite 9. Haben. Der Vorstand ' luirb aber auch weiterhin bestrebl sein. Dieses Projekt zn realisieren. Redner weist ferner ans die erfreuliche Entwicklung der Bibelschule hin, welche derzeit mehr als 260 Schüler habe und -eine noch weit größere Anzahl solcher haben könnte, wenn uns Die nötigen Räumlichkeiten znr Verfügung stünden. Auch die Schaffung eines Unterrichtes für Mädchen sei an diesem Mangel .gescheitert. Er erwähnt weiters, daß wie alljährlich, so auch, chener während der hohen Feiertage Gottesdienst-Filialen eingerichtet worden sind, welche durch die Bemühungen der hiemit 'betrauten Vorstandsmitglieder einen würdigen Gottesdienst boten. Zum Schlüsse spricht er allen jenen Herren, welche sich um die Institutionen des. Vereines bemühten, den Dank für ihr Wirken ans. Anschließend an den Bericht des Herrn Obmannes referiert Herr Josef Kohn über die Rabbiuerangelegenheit. Er gibt eine historische Darstellung der Phasen dieser Frage seit der Erbauung des Tempels in der Brigittenau bis zum heutigen Tage 2lnd gelangt zn dem Schluffe, daß die heutigen Verhältnisse, ivonach ein Rabbiner zwei volkreichen Bezirken dienen solle, Irotz aller Anerkennung, welche dieser Funktionär verdiene, nnchaltbar seien. Er legt der Generalversammlung im Aufträge des Vorstandes einen Resolutionsantrag vor, welcher nach Zustimmungs-Erklärungen der Herren Dr. Heinrich Sch reib ermüd Michael Engel wie folgt znr einhelligen Annahme gelangt: „Die Generalversammlung beharrt mit aller Entschiedenheit Darauf, daß in unserem Gotteshause, ähnlich wie in den übrigen Gotteshäusern Wiens, endlich ein eigener- und selbständiger Mabbiner bestellt werde." Ueber Antrag des Herrn Engel wird dem Vorstande das Absolutorium erteilt und der Dank, sowie das besondere Vertrauen votiert. Weiters beschließt die Generalversammlung über Antrag Des Herrn Obmannes einhellig per Akklamation die Ernennung des Vorstandsmitgliedes Herrn Josef Wünsch zum Ehrenmritgliede. Der Obmann spricht, der Versammlung namens des durch Unwohlsein am Erscheinen Verhinderten für diese Ehrung Des allgemein beliebten Mannes, welcher eines der ältesten Vereinsmitglieder sei, den herzlichsten Dank aus. Herr Max S m o l k a rügt es, daß die Kinder in den Schulen zum Mitsprechen von Schulgebeten verhalten werden, -welche dem Glaubensbekenntnisse nicht entsprechen, sowie daß dieselben Aufsätze über die Feste anderer Konfessionen machen müssen, und erbittet ein diesbezügliches Vorgehen. Der Obmann -erwidert, daß dies wohl keine Angelegenheit des Vereines sei, daß er. ober diese Beschwerde an den Herrn Landesschulrat 'Dr. Gustav Kohn leiten werde, welcher ja erst vor kurzem in einer ähnlichen Angelegenheit einen freudig zu begrüßenden Sieg errungen habe. Die Wahlen ergaben: die Wiederwahl der Herren Adolf F e u e r, Josef Kohn, Dr. Jakob Roth und Heinrich Weiner' in den Vorstand, sowie die Neuwahl der Herren Bernhard Beck, Heinrich Hager und Josef Faltitschek als Vertrauensmänner. Züge ans dem Leben des Zi. Iehndn II. von Dr. M. H. Friedländer. Mit R. Jehnda I., dem Redakteur der Mischna, und seinem Sohne Gamliel IH. ging das Tanaitengeschlecht zu 'Grabe und ein neues Geschlecht, das der Amoräer, trat an dessen Stelle. Nachdem die nunmehr abgeschlossene Mischna von jetzt an -allen öffentlichen Vorträgen als Basis diente, so wurden die Häupter der Lehrhänser nicht mehr „Tanaiten", Selbstlehrende, sondern „Amoraim", Erläuternde, genannt. In dieser Epoche bestanden zwei amorürsche Hochschulen, Die eine in Palästina, die andere in Babylonien. Als die hervorragendsten Lehrer dieser Zeit wurden R. Jehnda H., V. Jochanan, R. Simon b. Lakisch in Palästina, Abba Areka mnd Samuel in Babylonien genannt. Ungefähr zwölf Jahre nach dem Tode R. Jehud I. wurde dessen Enkel R. Jehud II.. Sohn Gamliel III., die Patriarchenwürde übertragen, der nunmehr Sepporis verlassen und Tibenas zum Schauplatze seiner Wirksamkeit gewählt hatte. Auch er erfreute sich, wie einst sein Großvater, der allgemeinen Hochachtung und Verehrung. Während R. Jehuda I. gewöhnlich „ha Nasi“ genannt wurde, wurde ihm von seinen Zeitgenossen dasselbe Epitheton in amoräischer Sprache — nämlich „Nesiah" — beigelegt. In besonders hohem Ansehen stand er beim römischen Kaiser und er nahm auch keinen Augenblick Anstand, den mächtigen Einstuß, den er in Hofkreisen hatte, zn Gunsten seiner Glaubensgenossen geltend zu machen und die Angriffe lügenhafter Neider und Verläumder abzuwehren. Alexander Severus, dieser leutselige, human denkende Kaiser, der in seinen Gemächern neben den Bildern von Orpheus und Christus auch das Bild Abrahams besaß und sich stets den Ausspruch Hillel I.: „Was dir nicht lieb ist. füge deinem Nebenmenschen nicht zu", ve» gegenwärtige hatte (Lamprid. in Alex. Sever. o. 29. 51.). war Juden gegenüber stets tolerant und milde. In dieser lichtvollen Zeit sah sich R. Jehnda II. veranlaßt, so manche Erschwerungen, die in Zeiten grausamer Verfolgungen eingeführt wurden, anizuheben. Bis dahin war es einem rabbinischen Verbote gemäß den Inden nicht gestattet, Oel von Heiden zn kaufen, damit sie keine Gelegenheit finden mit ihnen zu verkehren. Durch die hadrianischeu Kriege jedoch wurde Judäa und seine sonst berühmten Oelpflauzungeu ganz verwüstet. so daß den Bewohnern dieses Landes Gefahr drohte, das Oel — ein Artikel, der im Orient eine Hauptrolle spielt — entbehren zu müssen. R. Jehuda II. sah sich daher veraltlaßt, dieses Verbot im Vereine mit seinem Kollegium aufzuheben. (Babli. Ab. S- 35 und Jerus. Ab. S. 41). Als R. Simlai, der am Tage, da das Oelverbot aufgehoben wurde, das Lehrhaus nicht besucht hatte, vom Patriarchen nach der Ursache seines Fernbleibens befragt wurde, entgegnete er: „Wir werden es noch erleben, daß du das Brot der Heiden ebenfalls zn genießen gestatten wirft." „Nun so wird man uns höchstens" — erwiderte R. Jehnda H. — „das erlaubende Gericht (Bet dine scharje) nennen." (Ab. Sar. 37.) Auch andere Reformen einzuführen, wäre er gerne geneigt gewesen, wenn er nicht Ursache gehabt hätte zit fürchten, daß die streng konservativen Gelehrten, die in jeder Reform eine gewaltige, das Jildentum in seinen Grundfesten erschütternde Destruktion erblicken zu müssen glaubten, ihm Opposition machen werden. (Jer. Meg. u. Taan. Ende, ebenso Gittin 76.) Ja diese streng frommen Gelehrten hatten sogar den Mut, die Schwächen und Fehler dieses bei der Regierung so hoch angesehenen Patriarchen rücksichtslos zu tadeln. Daß R. Jehuda II., der einen Hofstaat führte und von einer Leibwache, gleich einem gekrönten Fürsten, umgeben war, über solche Rücksichtslosigkeit empört war, wird man umso leichter begreistich finden, als er es niemals gewagt hatte, ein biblisches, sondern bloß ein rabbiuisches Verbot zu abrogieren. Als einst R. Simon b. Lakisch sich geäußert hatte, daß selbst über den Patriarchen, wenn er gefehlt hat, die Geißelstrafe verhängt werden kann, war R. Jehnda so sehr entrüstet, daß er diesen Rabbi verhaften lassen wollte. Ben Lakisch, rechtzeitig hievon von einem Freunde in Kenntnis gesetzt, ergriff sofort die Flucht. Es dauerte aber nicht lange und R. Jehuda gestattete auf Verlangen des R. Jochanan — der vorgab. daß er ohne Resch Lakisch seinen Vortrag nicht zu halten vermöge — die Rückkehr des R Simon b. Lakisch. (Jerus. Synhedr. II). R. Jehudas größte Schwäche bestand in seiner allzu großen Liebe znm Mammon, was bei den jüdischen Gelehrten, äußerst selten der Fall war. Diese häßliche Leidenschaft war es, die den Patriarchen R. Jehnda H. dazu verleitete, das Promotionsrecht zu mißbrauchen und oft unwissenden Individuen, die im Besitze irdischer Girier waren, das Besähigungszeugnis zn erteilen. „Einst wurde", so wird im Talmud (Synhedr. 7.) erzählt, „ent solcher goldreicher, aber geistig armer Mann von R Jehuda II. zum öffentlichen Lehrer ordiniert. Der Zufall aber wollte es, daß R. Inda b. Nachmani, ein vorzüglicher geistreicher Gelehrter, dem neuernannten Meister „Rabbi" als Meturgamon, Dolmetsch, Erklärer, beigegeberr wurde. Die Ausgabe des Meturgamon be-