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Die Wahrheit · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1911
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 5. deshalb um so welliger noch länger aufrechterhalteu, als das jüdische Religionsgesetz den Genuß des Fleisches nicht geschachteter Tiere verbietet und sonach die in Sachsen lebende gefetzestreue Judenschaft gezwungen war, ihre Fleischnahrung von außerhalb Sachsen zu beziehen, wenn sie sich nicht des Fleischgenusses gänzlich enthalten wollte. Eingehende Vorschriften der neüen Verordnung regeln das Schächten näher und geben Sicherheit dafür, daß es jederzeit sachgemäß und ohne Tierquälerei zur Ausführung gelangen wird." * . * Sämtliche jüdische . Blätter geben der großen Trauer Ausdruck, der über den Heimgang des in Petersburg im 64. Lebensjahre verftorbeneueu Baron Dawid Ginzburg empfunden wird. Die gesamte Judenschaft, besonders aber die russische, hat an diesem edlen und großen Maune unendlich viel verloren. Wollte man. so schreibt der „Israelit", alles aufzählen, was Ginzburg für seine politisch entrechteten, sozial bedrängten und wirtschaftlich notleidenden Glanbensbrüder in seinem Lande im Laufe von vielen Jahrzehnten getan hat, es würde ein großes, dickes Buch ergeben. Dawid Ginzburg war im Jahre. 1846 in Kamnitz. Gouvernement Podolien, geboren und von feinen Eltern in echt jüdischem Sinne erzogen. Schon in frühester Jugend zeigte Ginzburg eine unüberwindliche Vorliebe für die orientalischen Sprachen und mit eiserner Energie gelang es ihm. alle Schwierigkeiten, die damals noch mehr als heute einem studierenden Juden Im Wege standen, zu überwinden, und die Zulassung zur Petersburger Universität zu erlangen. Während feines Studiums war er ununterbrochen literarisch tätig. Besonders wußte er, aus der a l t a r a b i s ch e n Literatur- Schätze zu heben, die für den Sprachenwie Altertumsforscher von unvergänglichem Werte sind. Die Wissenschaft wurde seine treiieste Begleiterin auch später, als er zu einer ehrenvollen und einsiußreichen Stellung gelangte und sein Ansehen in einer Weise wuchs, wie das wohl in Rußland einzig dasteht. Seinen . ganzen - Einfluß, sein Vermögens seine gesamte Arbeitskraft war seinen notleidenden Brüdern gewidmet und nebenbei auch der jüdischen Wissenschaft. Seine Bibliothek ist wohl eine der größten inder ganzen Welt, und mehrere darin euthalteuen Manuskripte sind von unschätzbarem Werte. So befindet sich in seiner Bibliothek das Manuskript eines Talmud Jeruschalmi, das als Eigentum Rabbi Jizchok A b a r b a n e l s dokumentarisch bewiesen ist. Ginzburg war Vorsitzender der jüdischen Gemeinde zu Petersburg, ebenso Präsident des „Vereines zur Verbreitung der Bildung unter den Juden" und auch im Zentralkomitee der I. C. A. Es gab keinen Verein und keine Organisation philantropischer oder jüdisch-wissenschaftlicher Art, die sich nicht der tatkräftigen Unterstützung Baron Ginzburgs erfreut hätte. Baron Ginzburg zeichnete sich noch dadurch vorteilhaft von deu intelligenten Kreisen in Rußland aus, daß er mit seinem ganzen Herzen dem Judentum augehörte und als überzeugter Jude sich nicht mit einer platonischen Liebe zur Religion der Väter begnügte, sondern auch das jüdische Pflichtenleben praktisch betrachtete. Sein Einfluß nach inneu wie nach außen war daher ganz grenzenlos, und man darf wohl ohne Uebertreibuug sagen, daß die russische Judenheit wie verwaist nun an diesem neuen Grabe steht und vom Tode dieses Mannes in einer politisch unsicheren Zeit wie von einer schweren Katastrophe betroffen wird. Ans der Wiener Kntlnsgemeinde. Wettu man in der letzten Sitzung des abgelaufenen Jahres, über welche wir bereits in voriger Nummer berichteten, durch das vortreffliche Referat des Budgetrefereuten und die au dasselbe sich anschließende Budgetdebatte einen tiefen Einblick in die vielfach verzweigten, bedeutungsvollen Agenden und in das ganze Wirtschaftsgetriebe der Wiener Kultusgemeinde erhielt, so schien es fast wie eine notwendige. Ergänzung der auf diesem Wege gewonnenen Erfahrungen, daß der Präsident Dr. Alfred Stern in der ersten Sitzung des eben begonnenen Jahres, die am 1. Jänner stattfand, die Einführung der neuen Vorstandsmitglieder zum Anlaß nahm, um über die großen Aufgaben zu sprechen, deren Lösung in der nächsten Zukunft bevorsteheu. Durch diese Ausführungen gewann die Sitzung, die rein formale Gegenstände, die Konstituierung des Vorstandes, auf der Tagesordnung hatte, an Interesse und die gebotene Aufklärung wird nicht nur den neuen Vorstandsmitgliedern, sondern allen Gemeindemitgliedern, bei denen die Teilnahme für die Vorgänge in der Gemeiudestube nicht ganz erkaltet ist, höchst willkommen sein. Im Nachfolgenden der Bericht: Zu Beginn der Sitzung begrüßt der Vorsitzende die neugewählten und wiedergewählten Mitglieder des Kultusvorstandes in herzlichen Worten und gibt daun folgende Uebersichl über die wichtigsten Ausgaben, deren Lösung den nun wieder kompletten Vorstand in nächster Zeit beschäftigen wird. „Eine der dringendsten Aufgaben ist die Erledigung der schwebenden Rabbiner- und Kantoren-Angelegenheiten. In den nächsten Tagen wird auch die Frage an den Vorstand herantreten, in welcher Weise sich die Kulkusgemeiude an dem vom Bethausvereine „Am Volkert" geplanten Bau eines großen Tempels in der Leopoldstadt beteilige. Der Bau dieses Tempels in dem von Tausenden unserer Glanbensbrüder bevölkerten Stadtteile entspricht tatsächlich einem dringendem Bedürfnisse, wie dies die vielen dort bestehenden ständigen ober transitorischen Minjanim bezeugen. Von einzelnen unserer Gemeindemitglieder werden zum Baue dieses Tempels reiche Spenden beigesteuert und es wird nun die Frage entstehen, ob mit Zuhilfenahme dieser Spenden der Bau von der Kultnsgemeinde geführt oder ob von letzterer eine den Verhältnissen entsprechend große Bansnbvention geleistet werde. Auch hinsichtlich der ferneren Verwaltung dieses Gotteshauses seien Fragen zu lösen und es muß hier der langjährigen, mustergiltigen Verwaltung des sogenannten Fugbachtempels gedacht werden. Des ferneren wird die Verwaltung des Spitales Gegenstand eingehender Verhandlungen im Kultusvorstande sein. Wie Ihnen bekannt, hat sich die Notwendigkeit heransgestellt, zwei Primarärzte für die interne Abteilung zu bestellen. Hiedurch sowie durch die vergrößerte Zahl und die stärkere Inanspruchnahme der Ambulatorien, durch das Pflegeriunen-Jnstitut, das Röntgen- Jnstitut rc. hat sich die Notwendigkeit einer besseren Ausnützung des Spitales für vermehrte Kaukenanfuahme herausgestellt. In Kenntnis dieser Tatsache wurden von bewährter muniflzeuter Seite der Kultusgemeinde die Mittel zur Erwerbung des Nachbarhauses zur Verfügung gestellt, in welches Haus die Verwalter- Wohnung, das Pflegerinneuheim, ein oder das andere Ambulatorium untergebracht werden könne.' Die Dringlichkeit der Errichtung eines neuen Administratv- Gebäudes ist, wie schon seit Jahren, auch letzthin bei Aufstellung unseres Voranschlages ausgeführt worden. Es ist zu erwarten, daß in diesem Belange, sowie zum Behufe der Erbauung eines der Größe und Bedeutung der Wiener Kultusgemeinde entsprechenden Monumentaltempels in der Inneren Stadt im Laufe dieses Jahres eine Entscheidung fallen werde. Der Belagraum des gegenwärtigen Friedhofes reicht nur mehr für verhältnismäßig kurze Zeit. Die Erwerbung eines neuen Friedhofgruudes ist dringend nötig. Auch diese Angelegenheit wird Sie voraussichtlich in deu nächsten Tagen beschäftigen. Daß zu all dem Geld gehört, viel Geld, daß Millionen hiezu gehören, ist einleuchtend. Die Beschaffung dieser Mittel und eine eingehende Prüfung der Finanzlage wird Ihrer Beschlußfassung unterbreite: werden. Auch eine Aeuderung des Statutes steht schon seit mehreren Jahren in Beratung. Die Angelegenheit hat den Vorstand in der abgelaufenen Periode intensiv beschäftigt. In der für die Vorberatung eingesetzten Kommission, dem Vertreterkollegium und selbst dem Plenum sind Beratungen gepflogen, zum Teile sogar auch schon Beschlüsse gefaßt worden. Zu einer endgiltigen Erledigung ist es bisher nicht gekommen. Wie lauge es bis zu einer solchen noch dauern wird, hängt im wesentlichen davon ab, ob der derzeitige Vorstand die bisher auf Grund eingehender Erwägungen nach laugen Vorberatungen gefaßten Beschlüsse akzeptiert oder aber diesbezüglich einen anderen Standpunkt einnehmen wird.

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