Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-12-23 · Heft 50 (23.12.1910) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 50 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063570--07027-3074079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr 50. Die Wahrheil Seile 5. N i k o l a n s II.- selb st'un m i 11. e I b a 1;f'ii f die S Ha u'dt.a t e u .ü e r a 11 \ w o r 11 i ch ist, die im rassischen Reiche begangen '' werden. Der Name Wladimir Burzew ist allgemein vekannt. Gewaltiges Aufsehen erregte, es in der ganzen Kulturweit. als dieser Russe Engen Azew, ein hervorragendes Mitglied^ der svzialrevolniionäreU Partei, als S p i tz e l en'tl a r v .l e. Azew war n n m i t 1 e l b a r beteiligt gewesen an her - E. x m o r d u n g P l e h w e s und des G r v ß f n r st e n Sergius, und nun ergab sich, daß er in den Diensten der Regierung'stand. Wir entnehmen einer im Verlage der Demokratischen Verlagsanstalt, Berlin, erschienenen Uebersetznug dieses Vortrages folgende aufsehenerregende Angaben: „Es ist sinnlos, die Atmosphäre des Hofes so darzustellen. als sei sie ein Nebel, durch den die Wahrheit über die russischen Dinge nicht hindurchdringen könne. Nikolaus und seine Höflinge lese n. und sie sind im allgemeinen in der russischen und fremden Literatur wohl versiert. Shakespeare, Goethe, Schiller, Byron, Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi sind ihnen ebenso wohl vertrant, wie den meisten von uns. Es mag unglaublich und monströs erscheinen, daß ein Mann, der mit Recht als ein wildes Tier ans dem Throne genannt worden ist, eine verständnisvolle Freude an den Worten und Gedanken der Dichter haben kann. Aber so unerklärlich es sein mag — ich stelle es als eine unbestreitbare Tatsache fest, daß Nikolaus das Leben durch dieselben Bücher wie wir betrachtet, und in diesen Büchern muß er unbedingt die Kritik des politischen Systems finden, das von ihm verkörpert wird. Ich habe mit eigenen Augen eine geheime Denkschrift gesehen, die von dem Minister des Innern für den Zaren verfaßt war, und in der er bis in die Details hinein über alle Tatsachen des russischen Lebens unterrichtet wrrde. Dieses kaiserliche Memorandum, das nur in einer Niederschrift vorhanden ist, enthält Aufsätze, die von seinen Ministern unterzeichnet sind, und Randnoten in des Zaren eigener Handschrift. Der Kaiser wird hier darüber informiert, wie die G eh e i m p o l i z e i mit Hilfe von agents provocateurs erfolgreich den einen oder anderen revolutionären Plan vereitelt hat. Wie P r i v a t b r i e f e aufgefangen sind (ein Abschnitt der Denkschrift spielt auf die Kopie eines B r i e f es von Tolstoi an und enthält eine zynische E n t s ch n ldigung dafür, daß es nicht gelungen ist. sich in den Besitz des Originals zu setzen). Des weiteren wird mitgeteilt, wie zahlreiche Haussuchungen, Verhaftungen, Verhöre und all die anderen Schrecken der Unterdrückung ordnungsgemäß dnrchgeführt worden sind, wie Unschuldige im Gefängnisse schmachten und endlich ihr Leben mit Selbstmord beschließen. Von alledem ist der Zar bis in die genauesten Einzelheiten unterrichtet. Auch die unbedeutendste Tatsache, die in irgendeiner Weise die Arbeiterbewegung, die religiösen Verfolgungen, die Unterdrückung der Literatur nnd der Presse angeht, wird in diesem außerordentlich interessanten Dokumente erwähnt. Mit unvergleichlichem Zynismus wird der Zar über all die Verbrechen der geheimen Polizei unterrichtet, der die ganze intellektuelle Bevölkerung Rußlands ans Gnade nnd Ungnade überantwortet ist. Der Zar weiß alles. Und obwohl er es w e iß. w ü nscht er keine A e n d e r n n g. Wir haben alio das Recht, zu behaupten, daß er nicht nur' die gesamte Tätigkeit seiner Bureankratie billigt und mit seiner kaiserlichen Macht schützt, sondern auch, daß er selbst ihre Arbeit vorbereitet und dirigiert ..." -i- * .* Bei den letzten Wahlen in Amerika wurden 12 Inden in den Kongreß gewählt. In den Senat wurde kein einziger Jude entsendet. Von den 12 gewählten Inden gehören 10 der demokratischen und 2 der republikanischen Partei an. In Groß- Newyork wurde der bekannte jüdische Politiker Heniy M. G o l d f o g l e zum sechsteumale wiedergewählt. Auch der andere New Imker Deputierte Jeffersohn M. Levy war bereits einmal Mitglied des Kongresses. Levy gehört einer sehr alten, einflußreichen amerikanischen Familie an. Interessant war der Wahlkampf um den Posten eines Staatssekretärs im Staate New Joik. Hier standen einander zwei jüdische Kandidaten gegenüber; der bisherige Staatssekretär Samuel König, ein ans Ungarn stammender Jude und Eduard L a z a r e s k y. ein aus Rußland stammender Advokat, in Brooklyn. Den Sieg trüg Lazaresky davon. * * * Diese Woche findet in New Jork der zweite Kongreß der j ü dischen Fa r m e r in Amerika statt. Außer den Orgauisalionsfragen stehen die Schaffung kvopeiativer Kreditinstitute für jüdische Kinder, die religiöse Erziehung jüdischer Farmerkinder, die Förderung des gesellschaftlichen Lebens und der praktischen Fortbildung der Farmer ans der Tagesordnung. Die Ginberrrsuug der nngaritchisrncl. Liuldesverlammlnng. Tie israelitischen Distriktspräsidenteu sprachen korporativ beim Unterrichlsmiulster nnd beim Ministerpräsidenten vor. Mitglieder der Deputation waren: Dr. Moriz Mezei. Generalsekretär Dr. Franz Mezey. Baron Joseph Haivany-Dentsch, Hofraih Franz Szekely. Dr. Jzso v. Rosa (Szeged) Wobk- Rnmi (Losoncz), Abg. Dr. Julius Rosenberg (Komitat Vas), Baron Wilhelm Gntmann (Nagykanizsa). Alexander Leopold (Stekßard), Armin Werlheim (Szekessehervar). Dr. Philipp Pfeiffer (Györ), Dr. Bela Weiß (Kassa), Salomon v. Sterinhal nnd Moriz Weiß (Kolozsvar). Die Deputation sprach zunächst beim Kultus- und Unterrichismiuister Dr. Johann Zychi vor. an den Dr. Moriz Mezei folgende Ansprache richtete: Euere Exzellenz! Herr Minister! Die Dislriklspräsidenten benützen die erste sich darbietende Gelegenheit, um den Minister zu begrüßen. Gleichzeitig bringen sie auch ihre Beschwerden vor. deren Sanierung sie von der Gerechtigkeitsliebe Sr. Exzellenz erhoffen. Es sind nunmehr siebennndvierzig Jahre, daß die israelitische Konsessivn ihre erste nnd einzige Landesversammlnng abhalten nnd die Statuten ihres eigenen konsessionellen Lebens schaffen konnte. Diese Statuten bedürfen wesentlicher Aendernngen. schon weil wir seither eine gesetzlich rezipierte Konfession geivorden sind. Allein, obgleich die Landesveriammlung im Zeiträume von drei zu drei Jahren abznhalten wäre und die Versammlung der Distriktspräsidenten immersorl die Bitte wiederhole, es möge die Erlaubnis zur Einberufung einer Landesversammlnng erteilt werden. fanden diese Bitten bisher keine meritorische Erledigung. Wir haben auch vor dem nnmittelbaren Amtsvorgäuger Ew. Exzellenz diese Bitte erneuert und erhielten die Aufforderung, ein Gutachten darüber abzugeben, welches Vorgehen wir hinsichtlich der Einberufung dieser Landesversammlnng für zweckdienlich halten, die berufen wäre, die Schaffung der einheitlichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln. Wir haben dieser Aufforderung entsprochen nnd unseren Vorschlag nnterbreitet. dieser liegt aber bis auf diesen Tag unerledigt im Ministerinm. So erscheint denn jenes feierliche Versprechen als das einzige Ergebnis unserer bisherigen Urgrenzen. das uns der Annsvorgänger Ew. Exzellenz gegeben hat. und auch unsere sonstigen Beschwerden haben keine Abhilfe erfahren. Es ist ein schwerer Uebelstaud für uns. der mit dem Geiste des G.-A. XX: 1848 unvereinbar ist. daß der Staat uns nur eine unverhältnismäßig geringfügige materielle Hilfe angedeihen läßt. Viel schmerzlicher ist aber die Beschwerde, daß wir vom Staate nicht der moralischen Unterstützung teilhastig werden, ans die wir gerade dann berechtigten Anspruch besitzen, wenn wir nicht nur den Interessen unserer Konsession dienen, sondern auch bestrebt sind, unseren Pflichten gegen den ungarischen Staat im vollem Maße Genüge zu tun (Stürmische Zustimmung), denn es ist nicht nur unser konsessionelles Interesse, daß das ungarische Judentum nach Maßgabe seiner Kraft nnd im Wege seiner konfessionellen Institutionen an dem Kulturleben der ungarischen Nation teiluehme, was jedoch im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.