Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 50 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Di? Wahrheit V :-n; ft;-c . ^rr' eine Prüfung zil bestehen hätten, wobei gewisse Gegenstände der Mittelschule von dem Prüfnugspensum überhaupt anszuschalten wären. Wie nun von unterrichteter Seite gemeldet wird, har der Uuterrichtsmiuister die Vorschläge des Statthalters abgelehut. Das.Ministerium steht auf dem Standpunkt, daß da die Aenderung des gegenwärtigen Zustandes auf ausdrückliches Verlangen der Rabbiner und der orthodoxen Kreise erfolgt, es keinen Zweck habe, solche Aenderungen vorzuuehmeu, ehe die Rabbiner und die orthodoxe» Kreise ihre Meinung hierüber ausgesprochen haben. Die Regierung ließ daher die Rabbiner aufforderu, ihre Wunsche zu formulieren. * ch * In der Nähe des Fleckens W i ß l o w i tz i versuchte eine Emigrantengrnppe von 118 Mann, die über die außerordentlich kostspieligen Auslandspässe nicht verfügte, die Grenze mit Hilfe sog. „geheimer Grenzagenten" zu passieren, wurde aber von der Patrouille bemerkt. Die diensteifrigen Grenzwächter besannen sich nicht lange und feuerten eine Salve nach der andern auf die wehrlosen Emigranten ab. Natürlich endete das Gefecht mit einem glänzenden Sieg der wackern Vaterlandsverteidiger. Drei Tote und 61 Verwundete bedeckten bald das .,S ch l a ch t f e l d". * * Die schon längere Zeit bestehenden Differenzen zwischen der Zentrale der ..Alliance Jsraslite Universelle" in Paris und dem Deutschen Bureau in Berlin haben sich nunmehr zu einer Krisis zngespitzt, die höchstwahrscheinlich mit einer Auflösung der im Jahre 1904 organisierten „Deutschen Conferenz-Gemeinfchaft" enden wird. Vom Deutschen Bureau erhalten wir diesbezüglich folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Wie Ihren Lesern bekannt, fand am 30. November in Paris eine Sitzung des Zentral-Komitees der Alliance Jsraslite Universelle statt, in der die Wünsche der Deutschen Conferenz- Gemeinschaft zur Beratung standen. Das Ergebnis der Beratungen war nachstehende Entschließung, die mit allen gegen die deutschen Stimmen gefaßt wurde: 1. Das Zentral-Komitee bestätigt, nachdem es die Darlegungen der Herren Jnstizral B. Timendorfer, H. Gumpertz. Lucien Picard. Philipp Schiff, Th. Schlesinger, Machiels und Sse entgegengenommen, die in der Sitzung vom 20. April gefaßten, sämtlichen deutschen Mitgliedern des Zentral-Komitees durch Schreiben vom 2. Mai übermittelten Beschlüsse. Es beschließt ferner die Organisation der Alliance in Deutschland wie sie im Jahre 1904 bestand, wieder herznstellen und beauftragt seinen Vorstand, die zur Ausführung — nach Recht und Billigkeit — obiger Beschlüsse erforderlichen Maßnahmen zu treffen. 2. Die in Paris wohnhaften Mitglieder des Zentral- Komitees appellieren an ihre Herren Kollegen in Deutschland und bitten sie inständig, ihnen ihre wertvolle Mitwirkung auch in Zukunft angedeiheu zit lassen. Der erste und der dritte Präsident der Deutschen Conferenz-Gemeinschaft, Herr Geheimrat Timendorfer-Berlin und Herr Lucien Picard-Frankfurt a/Main, haben hierauf ihre Aemter niedergelegt. Herr Justizrat Max Fuchs I-Berlin, der stellvertrende Vorsitzende, hat die provisorische Leitung der Geschäfte übernommen. Auf den 20. d. M. ist eine außerordentliche Tagung nach Berlin einberufen worden, die Stellung zu den einschneidenden Pariser Beschlüssen nehmen soll. Die Unterzeichneten werden den Antrag stellen, die Verhandlungen in voller Oeffentlichkeit statssinden zu lassen. In der Anlage fügen wir einen Bericht bei, den die deutschen Teilnehmer an der Pariser Sitzung ihren Kollegen von der Deutschen Conferenz-Gemeiuschaft erstattet haben. Man hat, wie Sie aus diesem Bericht ersehen, keinen Zweifel darüber gelassen, daß die Pariser Mitglieder des C. C. auch nicht das g e r i n g st e Entgegenkommen gegenüber den Wünschen der deutschen Mitglieder zeigen wollten und überhaupt die Mitarbeit dieser deutschen Mitglieder als etwas neues und unerwünschtes empfanden. Indem wir um Aufnahme der obigen Mitteilung bitten, zeichnen '.wir mit vorzüglicher Hochachtung Deutsche Konferenz-Gemeinschaft derAllianze Jsraslite Universelle Dr. Apfel Fuchs Geschäftsführer in Ehrenamt. stellvertr. Präsident. * * * Die bekannte Tatsache, daß Richard Wagner, der auf der Höhe seines Ruhmes oft harte nud ungerechte Worte gegen I Juden richtete, in jungen Jahren, als er sich während seines 8 Pariser Aufenthalts in schlimmster finanzieller Bedrängnis be- 8 fand, von Inden manche wertvolle und willkommene Unter- 1 stütznng erfahren hat, findet in der in diesen Tagen erscheinenden 8 Briefsammlung: „Richard Wagner an Theodor 8 A p e l" (Breitkopf & Härtel-Leipzig) eine neue Bestätigung. In 8 einem vom 20. September 1840 datierten Briefe heißt es u. a.: . . Schon war unsere Barschaft so geschmolzen, daß ich fast für unmöglich hielt, uns nur ein paar Wochen in Paris halten zu können. Da führt mir mein wunderliches Schicksal in Boulogne Meyer beer entgegen; ich mache ihn mit mir und meinen Kompositionen bekannt, er wird m e i n Freund und Protektor. Nun ivußte ich, daß n u r durch eine Protektion, wie die Meyerbeers, meine Angelegenheiten in Paris beschleunigt werden könnten; ich faßte Mut ilnd beschloß es zu wagen. Was mir nun hier in Paris begegnet ist, oh, welch ein Gemisch von Hoffnungen und 8 Niederschlagungen ist dies! Meyer beer ist unermüdlich 8 meinem Interesse treu geblieben. — leider aber 8 haben ihn Familienverhältnisse gezwungen, die meiste Zeit im Auslande zuznbringen; und da hier nur persönlicher Einfluß nützen kann, so konnte dieser Umstand nicht verfehlen, den lähmenden Einfluß auf meine Angelegenheiten 'hervorzubringen". Am Schluffe des Briefes, der von der Aufführung des „Rienzi" in Dresden handelt, schreibt er, daß alles vorbereitet fei, ..um, zumal mit Meyerbeers Hilfe die Oper dort zur sicherer Annahme zu bringen". * * * Die nachstehende statistische Notiz ü b er d ie I u d en in den Niederlanden wird von der „Deutschen Wochen- 8 zeitnng für die Niederlande" gebracht: 8 Der offiziellen Statistik zufolge wohnten im Jahre 1909 8 im Niederland mehr als 100 000 Israeliten; davon in 8 Amsterdam 54.216, in Rotterdam 9019, im Haag 5773. in 8 Utrecht 852. in Groningen 2688, in Maastricht 405, in 8 Minschoten 852 usw. * * ¥ Dnmaabgeordneter Friedman erhielt ans Me rw vou den dort ansässigen bncharischen und afghanischen Inden folgendes Telegramm: „Der General-Gouverneur zu Taschkent verfügte, daß die bucharischen und afghanischen Inden binnen 24 Stunden aus Stadt und Kreis Merw ansgewiesen werden. Diese Verfügung trifft uns ganz unerwartet, da tvir bis jetzt von den Behörden nicht verständigt worden sind. Im Gegenteil wurden uns bis jetzt unbehelligt Handelspatente ansgestellt und die Erlaubnis gewährt, Immobilien zu erwerben. Die sofortige nner- 8 wartete Ausweisung bedroht uns mit totalem wirtschaftlichem' 8 Ruin. Die meisten werden durch die Ausweisung buchstäblich auf. die Straße gesetzt. Eine Fristverlängernng ztvecks Liquidation der Geschäfte und Güter ist dringend nötig." * * - * Der bekannte russische Freiheitskämpfer Wladimir B n r z e w hat kürzlich in New-Iork vor einer Versammlung von Freunden russischer Freiheit einen Vortrag gehalten, der allgemeines Interesse schon deswegen verdient, weil hier ein Kenner sonst ängstlich geheim gehaltener Dinge den Nachweis erbringt, daß