Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 49 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Die Wahrheit Seite 7 .daß man am vergangenen Abend ungefähr einen Kilometer von cher Stadt, nicht weit vom jüdischen Friedhof, und hinter einem .unbewohnten Palast den Leichnam eines Kindes gefunden habe; man vermute, daß dieses das vor zehn Tagen vermißte kleine Mädchen sei und habe das Gerücht verbreitet, daß die Inden das Kind nmgebrachl hätten. Jeder Jude, der sich heute außerhalb des Viertels sehen ließe, sollte tätlich allgegriffen werden. Ich schickte sofort die beiden. Mirzas der Schule nach weiteren Nachrichten ans und beauftragte gleichzeitig den einen, zum Jnterimsgouverneur Kawam-el-Molk, den anderen zu Mirza .Ibrahim und zum Militärgouvernenr der Stadt, Nasr-el-Dowlet, .zu gehen, damit eiligst die notwendigen Maßregeln ergriffen würden, um die jndenseindlichen Gerüchte zu ersticken. Die Schule liegt an einem der Stadttore und in der Nähe -des großen Karawanserails, das jetzt als Soldatenkaserne dient. "Der Palast des Gouverneurs ist etwa zweihundert Schritte davon entfernt. Ganz nahe an der Schule traf einer meiner "Mirzas beu Militärgouvernenr, Nasr-ed--Dowlet, und übermittelte ihm meine Botschaft. Nasr-ed-Dowlet antwortete ihm, er wäre eben selbst gekommen, um seine Mannschaften zusammenznrnfen und nach dem Judenviertel zu dirigieren, um die 'Menschenmenge von einem Einfall in den Mehalla zurück- .zuhalten. Wirklich wurden dreihundert Soldaten m der Richtung des Judenviertels abgeschickt, und ich glaubte mich über das Schicksal meiner Glaubensgenossen beruhigen zu dürfen. Bald aber konnte man in der Schule, wo ich mich eben .befand, das Geheul und Geschrei der Menge hören, die sich vor dem Palast des Gouverneurs immer zahlreicher ansammelte, den angeblichen Leichnam des mohamedanischen Mädchens mit sich führte und die Inden beschuldigte, den Mord begangen zu haben. (Später ist bewiesen worden, daß der ganz unkenntliche 'Leichnam der eines kleinen jüdischen Knaben gewesen ist, der vor acht Tagen begraben worden und nun zum Zweck der Jndenhetze ansgegraben worden war.) Der Jnterimsgouverneur Kawam-el-Molk hatte seinen Reitern Befehl gegeben, die Menge zu zerstreuen. Diese stürzte -sich daraus sofort in das Judenviertel, das nun der Schauplatz unerhörter Greuel und Roheiten wurde. Die von Nasr-ed-Dowlet .zum Schutz der Israeliten geschickten Soldaten beteiligten sich in erster Reihe an der Zerstörung und Plünderung des Judenviertels. Zwölf Juden wurden getötet, fünfzig verwundet, -5—6000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Schiras all ihrer Habe beraubt. Was bei diesem Ereignis auffällt und seltsam berührt, ist -die Untätigkeit der Ortsbehörden. Sie scheinen nur eines getan, nämlich den Soldaten befohlen oder gestattet zu haben, mit der Bevölkerung gemeinschaftliche Sache zu machen und das Judenviertel zu.berauben und seine Bewohner zu mißhandeln. Und das geschah trotz meiner drittgendeu Bitten, berittene Kosaken zu schicken, um der begonnenen Plünderung Einhalt zu tun, trotz der energischen Vorstellungen des englischen Konsuls Mr. Smart beim Jnterimsgouverneur Kawam. Eine Tatsache steht fest: die furchtbaren Ereignisse im .Judenviertel sind weit weniger dem religiösen Fanatismus der Mollahs und der Bevölkerung von Schiras znznschreiben, als .politischen Motiven. Es ist bekannt, daß der Hauptgrund oder eigentlich der einzige Grund für den seit zwei Jahren in Fars herrschenden anarchischen Zustand in der ernsten Rivalität .zwischen den Stämmen der Kaschgais und ihres mächtigen Oberhauptes Sanlat-ed-Dowkeh einerseits und den arabischen Stämmen mit ihren Führern, den Brüdern Kawan andererseits .zu suchen ist. Die Kaschgais überfallen die Karawanen, plündern die Dörfer ans, berauben die Post und werfen alle Schuld ans die Araber. Diese begehen dieselben Untaten und beschuldigen wieder die Kaschgais. Infolge dieser Rivalität hat sich seit dreißig Monaten kein einziger Generalgonvernenr an der Spitze von Fars halten können, um hier die Ordnung wieder herznstellen. In Schiras und im ganzen Lande gibt es unter den reichen und vornehmen Herren auch zwei Parteien, von denen eine den Sanlat-ed- Dowlet, die andere die Brüder Kawan unterstützen. In Teheran Pud die letzteren mehr beliebt. Seit zwei Monaten ist einer von ihnen, Kawam-el-Molk. zum provisorischen Gouverneur der Provinz ernannt worden, während der zweite, Nasr-ed-Dowlet, Militärgouvernenr von Schiras geworden ist. Diese von der Regierung seinen Feinden erwiesene Gnnstbezeugung hat natürlich den Aerger des Häuptlings der Kaschgais auf die Spitze getrieben. Er fahndet nun auf jede Gelegenheit, der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, ihr Ansehen zu mindern und ihr Unvermögen zur Verwaltung Persiens darzntitn. Er geht mit umso größerer Kühnheit und Dreistigkeit vor, als er ganz genau weiß, daß die Zeutralregierung ans Mangel au Soldaten und au Geldmitteln nichts gegen ihn unternehmen kann. Es ist jedenfalls zweifellos, daß die gestrige teuflische Machenschaft von einer der beiden politischen Parteien organisiert worden ist, um der anderen zn schaden, und daß als Folge dieser politischen Nebenbuhlerschaft heute 6000 Menschen sich im größten Elend befinden. Am frühen Morgen bin ich heut im Judenviertel gewesen. Wie soll ich das schreckliche Elend, die fürchterliche Verwüstung beschreiben, die sich meinen Augen darbot? die Straßen, die noch vor achtundvierzig Stunden das Bild lebhaftester Bewegung und iutensivsteu Lebens gezeigt, machen heut den schmerzlichen Eindruck einer von Trauer bedrückten Stadt, eines von furchtbarem Naturereignis heimgesuchten Ortes. Ich habe ungeordnet, daß die Toten sofort bestattet werden, und daß man ihnen statt der leinenen Leichentücher solche von Baumwollenstoff gibt. Man hat den Totengräbern neues Werkzeug kaufen müssen, weil auch dieses von den Plünderern hinweggeschleppt worden war. Darnach mußte für die ersten Bedürfnisse der 6000 Hungrigen gesorgt werden. Kawam-el-Molk hat mir einen Bon für 2000 Kilo Brot geschickt, ein reicher Muselmann 1000 Kilo, Mirza Ibrahim 4000, der Imam Dschumba 400, Nasr-ed- Dowlet 1500 Kilo. Ein paar mohamedauische Generäle haben selbst Brot, Trauben und Geld verteilt. Der englische Konsul, Mr. Smart, steht mir bei dieser traurigen Gelegenheit in hingehendster Weise bei. Er wiederholt seine Besuche und Vorstellungen bei den Ortsbehörden und seine Telegramme au den britischen Gesandten in Teheran in unermüdlichem Eifer. Er ist heute früh mit mir im Jndenviertel gewesen und hat die ltnglücklichen Israeliten getröstet. Wir haben beschlossen, in der Stadt eine Sammlung zugunsten der Opfer des gestrigen Tages zu veranstaltet!. Zn diesem Zwecke hat heute Nachmittag bei dem Kargusar — dem mohamedanischen Gouverneur des Judenviertels — eine Versammlung stattgefnnden, die die Bildung eines Komitees zur Veranstaltung einer Geldsammlung für dle Betroffenen beraten sollte. Diese Versammlung bestand aus den Herren Kawam, Nasr-ed-Dowlet, dem englischen Konsul, dem Kargusar, den Direktoren der kaiserlichen Bank und der Fars-Trading-Company, dem Geschäftsführer der Brüder Kawam. dem Vizepräsidenten des Bezirksrates des Fars und mir. Ein ans fünf Personen bestehendes Komitee ist mit der Empfangnahme der Gelder betraut worden. Hier ist die erste an Ort und Stelle gezeichnete Sammelliste: Kawam-el-Molk. . Frcs. 1000 Nasr-ed-Dowlet. 2000 M. W. Smart. 500 Der Kargusar. . „ 500 Der Direktor der Fars-Trading. . . 625 Der Geschäftsführer der Brüder Kawan „ 250 Der Vizepräsident des Bezirksrates . 250 Der Direktor der kaiserlichen Bank. . 1000 Leutnant Lang. 140 Summa . . Frcs. 6265 Ich habe an meine Kollegen nach Jspahau, Teher Hamadan und Bagdad telegraphiert und sie gebeten, wenn möglich, ebenfalls Sammlungen zu veranstalten. Der englische Konsul und der französische Konsularagent haben heute Abend nochmals an ihre entsprechenden Gesandtschaften in Teheran die telegraphische Bitte gerichtet, dort bei der persischen Regierung die erforderlichen Borstellnngen zn