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Die Wahrheit · 1910-12-16 · Heft 49 (16.12.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 49 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 49. dieselben als Kandidaten in Aussicht stellen. Nachdem das Präsidium durch die Repräsentanten gewählt wird, hören wir gar nie, welche Ziele die einzelnen Vorsteher eigentlich im Rahmen ihres Ressorts verwirklichen wolleit. Am 11. d. M. fand die konstituierende Generalversammlung unter Präsidium des Wahlpräsidenten Dr. Samuel Brody statt. Die Wahl ergab folgendes Ergebnis: Hofrat Dr. Philipp Weinmanu wurde einstimmig zum Präsidenten wiedergewählt; einstimmig gewählt wurden ferner in den Vorstand Ludwig Adler, Sigmund L. Breitner, Gustav G. Ehrlich, Dr. Wilhelm Grauer, Max Grünbaum und Moriz Stiller. Zn den Ansschutz: Ludwig Ballai, Ludwig Banmgarten, Benedek Baranyi de Csüngohstfalu, Dr. Julius Basch. Dr. Samuel Brody, Anton Deutsch de Kemeuesmihälyfa, Berthold Goldberger de Bnda, Michael Goldmann, Karl Gomperz, Dr. Friedrich Halä-ß, Baron Moriz Leopold Herzog de Csete, Dr. Josef Hüvös de Botfa, Dr. Adolf Kohuer, Max Kramer. Moriz Lindenbanm, Dr. Samuel Löw, Dr. Moriz Mezei, Dr. Lazar Samuel, Jacques Simon de Boglür, Dr. Jakob Schreyer, Dr. Franz Szekely. Alexander Tsuk, Adolf Ullmann de Baranyavär, Emanuel I. Weiß, Manfred Weiß de Csepel, Julius Wiuterberg, Joseph Wolsner de Ujpest. Nach dem Wahlakt begab sich eine Deputation unter Führung des Hosrates Direktionspräsidenteu Franz Szökely zur Einholung des wiedererwählten Präsidiums, welches bei feinem Erscheinen warm akklamiert und vom Vorsitzenden Dr. Samnel Brody mit einer herzlichen Begrüßungsansprache empfangen wurde. Nachdem Präsident Hofrat Dr. Weinmann krankheitshalber nicht erscheinen konnte, antwortete im Namen des neugewählten Präsidiums Vizepräsident Lltdwig Adler in einer hübschen mit Verve vorgetragenen Rede. Vizepräsident Adler dankte vor allem für die Wiederwahl, welche den Beweis dafür bietet, daß der Vorstand seine Pflicht stets erfüllt hat. Vizepräsident Ludwig Adler skizzierte hierauf die Aufgaben, welche zu den wichtigsten Agenden des neuen Präsidiums zählen werden. Er hob besonders hervor, daß der Vorstand seine Hanptaufmerksamkeit auf die Stärkung des jüdischen Gemeindelebens und die geistige Hebung der Gemeindeschnlen und der zahlreichen kulturellen Institutionen lenken wird. Indem er die neugewählten Repräsentanten begrüßt, fordert er dieselben zur Arbeit auf, denn nur dann, wenn jedes einzelne Mitglied der Repräsentanz mit Eifer den Vorstehern zur Seite steht, wird es möglich fein, Ersprießliches zu leisten. Die Wahl ist im Zeichen des Friedens abgelaufen, so schloß unter lebhaftem Beifall Vizepräsident Adler, dies bietet die sicherste Gewähr dafür, daß unsere Arbeit von Erfolg begleitet fein wird, denn dört. wo das Fundament der Friede bildet, dort muß die begeisterte Arbeit hehre Früchte tragen! Nach der koustituirenden Generalversammlung fand eine außerordentliche Generalversammlung statt, in welcher 145 Mitglieder der Repräsentanz des VI. Gemeindedistrikts und 150 Mitglieder des Stenerfenates gewählt wurden. Wir wollen hoffen, daß dieses Steuersenat auf der Höhe seiner Aufgaben stehen wird und die Gemeindemitglieder durch unmäßige Steuererhöhnngen keinen Vexationeu ausgesetzt wird. Es ist wohl wahr, daß die diversen kulturellen Institutionen der Gemeinde riesig viel Geld verschlingen, doch muß man in der Zeit der allgemeinen Teuerung stets mit Maß und Ziel Vorgehen. Die Indenversotgimgrr» in Persien. Dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraslite Universelle werden von dem Leiter der Alliauceschnle in Schiras, Herrn Nataf, folgende Einzelheiten über Ausschreitungen der mohamedanischen Bevölkerung gegen die dortigen Juden gemeldet: Schiras, 31. Oktober 1910. Es haben sich hier gestern Vorgänge abgespielt, die an Schrecken und Barbarei alles, was die furchtbarste Phantasie sich vorzustellen vermag, übersteigen. Im Zeitraum von wenigen Stunden ist das ganze Judenviertel zerstört und ausgeplündert, sind seine Bewohner auf das grausamste mißhandelt worden. Zur Rechtfertigung der Angriffe gegen die jüdischen Mitbürger beschuldigte man diese des Mordes. Man erfand nnd inszenierte in folgender Weise Vergehen seitens/ der Israeliten gegen die Religion des Islam: Beim Reinigen der Senkgrube eines jüdischen Hanfes fanden vor ungefähr drei Wochen die Abfnhrarbeiter ein Buch, dessen Blätter zum Teil noch sauber waren und erkennen ließen, daß es sich um ein Exemplar des Koran handelte. Die Arbeiter waren empört über die Verunglimpfung ihres heiligen Bnches und wollten die Sache sofort den Mollahs anzeigen. Aber die jüdischen Besitzer des Hauses veraulaßteu sie, mit Hilfe eines Geldgeschenkes, von ihrem Vorhaben abznstehen. Der Vorfall war mir berichtet und von mir sofort als ziemlich ernst erkannt worden. Trotzdem sprach ich mit keinem Menschen davon, damit nicht irgend ein fanatischer Motlah ihn erfahre nnd znm Schaden unserer unglücklichen Glaubensgenossen ausbente. Es war umso dringender geboten, diese Angelegenheit zu vertuschen, als zur Zeit keine eigentliche Autorität, sondern die größte Unsicherheit in.der Stadt herrschte. Der furchtbare Clan der Seyeds kann es den Juden immer noch nicht verzeihen, daß sie einen ihrer Mitglieder, den Mörder unseres Hilfslehrers, auf drei Monate ins Gefängnis gebracht haben, und daß die Familie des Mörders noch hundert Tomanen Strafe hat zahlen müssen. Die Seyeds warteten nun auf die erste Gelegenheit, um sich furchtbar zu rächen. Als einige Juden am erfreu Tage des Lanbhüttenfestes ans der Synagoge heimkehrten, erblickten sie an ihrer Haustür eine verschleierte mohamedanische Frau, die ein Paket unter dem Arm hielt. Beim Herannahen der Hausbewohner warf die Frau I ihr Paket in das Klosett, das sich in allen Häusern dicht hinter I der Haustür befindet, und lief davon. Man zog das Paket 1 sofort aus der Senkgrube heraus — es war wieder ein Koran. 1 Man verschloß das Exemplar nnd meldete mir den Vorfall. I Jetzt hielt ich es für nötig, wenigstens den Oberpriester der Stadt, Mirza Ibrahim, von der Angelegenheit zu unterrichten. Ich konnte doch nicht missen, ob nicht auch in andere jüdische Häuser ohne Vorwissen ihrer Bewohner Koranbücher geworfen worden waren, und fand es vorsichtiger, daß der Obermollah schon Bescheid wußte, ehe etwa die entsprechenden Bücher ausgefunden worden und zum Vorwand für einen Angriff gegen die Inden benutzt werden konnten. Mirza Ibrahim versprach mir für den vorkommenden Fall seinen wohlwollenden Beistand und empfahl, so wenig wie möglich von der Sache verlauten zu lassen. Am Abend vor dem letzten Lanbhütten-Feiertag wurde das Hans der beiden Oberrabbiner der Gemeinde von einer i Bande Lntis (Straßeupöbel) überfallen, die einem Bazarhändler hierher nachgelanfeu waren. Dieser behauptete, sein vierjähriges Töchterchen sei im Saufe des Nachmittags fortgelaufen und nirgends zu finden, es müsse zweifellos im Jndenviertel versteckt gehalten werden, oder mau habe es dort nmgebracht, um ihr Blut zu benützen. Man kann sich das Entsetzen der unglücklichen Rabbiner vorstellen; alle beide schwuren, daß ihnen nichts von dem Aufenthalt eines mohamedanischen Kindes in ihrem Viertel bekannt, und daß eine solche Beschuldigung vollkommen grundlos sei. Die Lntis entfernten sich mit der Drohung, daß sie das Jndenviertel mit Feuer nnd Blut überziehen würden, wenn das Kind bis zum nächsten Tag nicht wiedergefunden würde. Am anderen Morgen kamen die beiden Rabbiner mit einigen Notablen zu mir, erzählten was vorgefalleu war und beschworen mich, das Unglück zu verhüten, daß die ganze Gemeinde schwer bedrohe. Ich beruhigte sie nach Kräften und schickte sofort an Mirza Ibrahim die Mitteilung von dem neuen Zwischenfall. Dem Polizeichef, der gleichzeitig der Naieb der Mohallahs ist, schrieb ich ebenfalls und bat ihn, sofort die nötigen Maßregeln zu treffen. Diese beiden Schritte hatten den günstigsten Erfolg, und das drohende Unheil schien abgewendet. Das war am letzten Dienstag. Am vorgestrigen Samstag ließ ich in allen Synagogen verkünden, daß am nächsten Tage der Unterricht in allen Schulen wieder beginnen würde, und daß die Eltern ihre Kinder wieder hinschicken möchten. Gestern, am Sonntag, ging ich um 7 Uhr morgens zur Schule, wo nur ungefähr zwanzig Kinder sich eingefunden hatten. Ein Schnldiener erzählte mir,

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