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Die Wahrheit · 1910-12-16 · Heft 49 (16.12.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 49 (16.12.1910)
Date
1910-12-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 49. Verbänden abspielt. Neben den drei Hauptfragen, die der Tätigkeit der meisten unter diesen Verbänden, der preußischen, die Richtung gewiesen haben (das preußische Volksschnlgesetz mit seinen finanziellen Konsequenzen für den jüdischen Religionsunterricht, der Entwurf eines Organisationsgesetzes für die preußischen Gemeinden und die Reform der jüdischen Wanderarmenfürsorge), find die allen Aufgaben (Rechtsbeistand, Fürsorge für den Religionsunterricht und seine Inspektion, Einrichtung von Bezirksrabbinaten, Versorgung der Beamten und deren Relikten, Veranstaltung eines würdigen Festgottesdienstes in kleineren Gemeinden, Wanderbibliothek und vieles andere) nicht zu kurz gekommen. Die provinziellen Eigentümlichkeiten, die sich namentlich in der Begründung der verschiedenartigsten Wohltätigkeitsmstitnte, wie Waisenhäusern, Altenheimer-Ferienkolonien n. dgl. geltend machen, sorgen dafür, daß das Gesamtbild ein wechselvolles und höchst erfreuliches ist. Wir behalten uns vor, auf die zahlreichen Anregungen, die dieser Bericht enthält, gelegentlich zurückznkommen. Die Provinzialverbände sind höchst lebenskräftige Organismen. deren Wirksamkeit aus dem Leben der jüdischen Gemeinden nicht mehr fortzudenken ist. Gleichzeitig sind sie wichtige Glieder des D.I.G.B., der die meisten von ihnen begründet hat und dessen Tätigkeit sie in unersetzlicher Weise unterstützen und ergänzen. Ueber die Stellung des Judentums in der modernen Literatur sprach in der letzten Sitzung des Vereines für jüdische Geschichte und Literatur in Köln Karl Freiherr v. Perfall. Er führte nach der „Köln. Ztg." etwa folgendes ans: „Die Inden standen der deutschen Kultur und damit auch der Literatur bis zum 18. Jahrhundert fremd gegenüber. Ihre literarischen Interessen beschränkten sich im wesentlichen auf das hebräische Schrifttum. Das Verdienst, ihnen die deutsche Kultur erschlossen zu haben, gebührt in der Hauptsache Moses Mendelsiohn. Sein Einfluß weckce in seinen Glaubensgenossen ein tiefes, warmes Interesse für Kunst und Literatur, das nach seinem Tode einen bemerkenswerten Ausdruck in den literarischen Salons geistreicher Berliner Jüdinnen, wie der Dorothea Veit, der Enkelin Mendelssohns, Henriette Herz. Rahel Lewin n. a. fand. Hier gaben sich die'hervorragendsten Künstler und Schriftsteller, sowie die kunstsinnige hohe Aristokratie, u. a. Prinz Louis Ferdinand, Fürst Radziwill ein Stelldichein. Diese Salons sind bis heute für die Art der gebildeten Berliner Jüdinnen, ihr Interesse für Kunst nub Literatur zu betätigen, vorbildlich geblieben. In interessanter Weise beleuchtete der Redner nunmehr das Wesen und Wirken von Börne und Heine. Wenn letzterer nächst Goethe als oer größte Lyriker zu bezeichnen ist, so dürfen die bei ihm auch unleugbar vorhandenen Schattenseiten, seine ins Persönliche sallende Art, seine Spottsncht, keineswegs als „jüdische" Eigenart angesprochen werden, vielmehr sind sie. wie noch jüngst Herbert Eulenberg gezeigt hat, ans feine rheinische Herkunft, auf die gegen das damalige reaktionäre Preußen feindselige Stimmung der rheinischen Bevölkerung zurückzuführen. Ebenso ist Börne, der Begründer des politischen Journalismus, aus der Zeitgeschichte heraus zu beurteilen. Seine Fehler sind die Fehler 'einer Tugenden, seiner Ueberzeugnngstrene, seiner unerbittlichen Wahrheitsliebe und seiner heiligen Begeisterung für ein freiheitlich regiertes Vaterland. Börne und Heine sind aber mit Unrecht von antisemitisch befangener Geschichtsschreibung für die Fehler verantwortlich gemacht worden, die erst nach ihnen in den Kreisen des jungen Deutschland begangen worden. Als den Höhepunkt der literarischen Entwicklung im Judentum bezeichnete der Redner Berthold An erb ach. Besonders durch seine Dorfgeschichten hat er sich in der deutschen Literaturgeschichte ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Sie bedeuteten zu seiner Zeit eine Tat. Durch sie wurden znm erstenmal die Zauern literaturfähig gemacht. Von ihnen ging seine Heimatkunst ans. die in Jeremias Gotthelf und der noch lebenden Klara Viebig weitere bekannte Vertreter gefunden. Nachdem sodann der befruchtende Einfluß der jüdischen Schriftsteller auf Presse und Theater gewürdigt, der glänzendsten Vertreter jüdischer j Abkunft gedacht war, wurde auf die psychologisch interessante Tatsache hingewiesen, daß die Inden mit ihrem nachdenklichen Wesen dem extremen, die Natur kopierenden Naturalismus fremd gegenüberstaudeu. weshalb wir unter den naturalistischen Schriftstellern keinen der bedeutenden Inden finden. Einen großen kulturellen Wert besitzt, wie der Redner zum Schluß hervorhebt, der Anteil, den das jüdische Publikum an der Literatur nimmt. Indem gerade die Juden seit je es als Ehrensache betrachten, der Literatur Interesse entgegenzubringen, sie zu unterstützen, ihre Erzeugnisse zu kaufen, die Theater zu besuchen, tragen gerade 1 sie in hervorragendem Maße zur Verbesserung der materiellen 8 Verhältnisse der Schriftsteller bei." I -i- * In der letzten Nummer des „Univers israelite" findet man eine statistische Uebersicht über die jüdische Bevölkerung der Welt. Es ergibt sich daraus, daß es im ganzen 11,894.783 Inden gibt; davon wohnen 8,942.263 in Europa. 1.894.409 in Amerika. 522.639 in Asien, 341.876 in Afrika und 17.106 in Ozeanien. Von den europäischen Juden wohnen 5,110.548 in Rußland, 1.224.899 in Oesterreich, 951.378 in Ungarn, 607.862 in Deutschland, 282.277 in der europäischen Türkei, 266.652 in Rumänien, 238.275 in England. 105,988 in Holland, 100.000 in Frankreich (davou.70.000 in Paris). 52.115 in Italien, 33.663 in Bulgarien, 15. Belgien, 12.264 in der Schweiz. Von allen Städten der Welt hat Newyork die größte jüdische Bevölkerung: 1,062.000 Personen. Es folgen Warschau mit 254.712 (35-8 v. H.), Budapest mit 186 074, Wien mit 146.926, London mit 144.300, Odessa mit 138.935, Brooklin mit rund 100.000, Berlin mit 80.000 Juden nsw. In Kischeuew in Rußland stellen die 50.237 jüdischen Einwohner 46-3 v. H. der Gesamtbevölkernng dar. 8 Dichter gesät ist die jüdische Bevölkerung in keiner anderen Stadt der Welt. * * * Das gewohnte große Duell zwischen den beiden großen Fnhreren der jüdischen Gesellschaft, Lord Rothschild und Lord S w a y t h l i n g (Onkel des englischen Generalpostmeisters), fand gelegentlich der diesmaligen Wahlen statt. In der letzten Woche veröffentlichte Lord Rothschild einen Brief an Mr. Bonar Law, in welchem er die jüdischen Wähler anffordert, für ihn zu stimmen. Jetzt hat mm Lord Swaythling folgende Ver- 8 öffentlichnng erlassen: „An meine Glallbensgenossen! Vor kurzer Zeit las ich eine Notiz in der Presse, in der Sie anfgesordert wurden, konservativ zu wählen. Ein Argument in der Aufforderung war, daß die Tarifreform die Kosten des Lebensunterhaltes nicht erhöhen würde. Das ist aber nicht der Fall, denn wenn die Importe besteuert werden, wird eine große Quelle der Nahrnngsversorgnug verringert, und wenn die Quantität der Importe verringert wird, so erhöhen sich die Kosten des Lebensunterhalts. Internationaler Handel ist einfach Tauschhandel. Der Zweck meines Appels an Sie ist nur, daß Sie nach Ihrer politischen Ueberzengnng wählen sollen. Bor Jahren haben Sie es als Beleidigung aufgefaßt, wenn Sie anders als britische Uiltertanen bezeichnet wurden. Ich habe volles Vertrauen zu Ihrem Verstand und Ihrer Unabhängigkeit. Swaythling." Znm Schluß sei noch erwähnt, daß dismal im ganzen 36 jüdische Kandidaten bei den Wahlen in Felde stehen. Darituter sind die Liberalen mit 19 und die Unionisten mit 16 vertreten. Einer ist als Kämpfer für das politische Stimmrecht der Frauen aufgetreten. In zwei Wahlkreisen der Hauptstadt. St. Pancras Süd und Paddington Nord, stehen sich nur Bewerber jüdischer Abstammung gegenüber. * Der aufopfernden, zielbewnßten Arbeit Oberrabbiners Dr.Niemiro w er ist es gelungen, einen großen Erfolg in der Frage des sogenannten Jndeneides „mors jadaico“ für die gesamte rumänische Jndenheit zu erwirken. Der vereinigte Kassationshof, die höchste Instanz, hat sich im Prozeß Niemirower nach glänzenden Reden der gewesenen Minister Difsescn und Arion als Advokaten und des mit ihnen j übereinstimmenden Generalstaatsanwaltes Popescu gegen

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