Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 49 (16.12.1910)
- Date
- 1910-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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aßrßeit Redaktion mit Sldniiiiislration:jj Wien, II/j Nvvaragasse 27 j Telephon: Redaktion 5107|VII1. Administraeion 4938/11» Ä. k. österr. Postsparkassa- Scyekk-Konlo 3!r. 100.818. Inlrrate: Die pjcriiial gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. IlbonnenienlS- und JnserlionSberräge sind in Wien zahlbar mit klagbar. Mkhängige Aertschrift für jüöische Inlere^e«. Erscheint jeden Kreitng. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Verug»t'reis: Ganzjährig - - . K 14.— Halbjährig.K 7.— Für ihiltu-ybcumte: 'tianzjährig.K 10.- Für Ausland: Ganzjährig.8 Mark ü Rubel oder >6 FrcS. Ar. 49 Wien. 16. Dezember 1910. Inhalt: Ans der Woche. — Zionisten und andere Assimilanien. — Aus der Budapester Gemeinde. — Die Judenverfolgungen in Persien. — Die Juden. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Aus dem Oesterr.-ungar. Kantorenvereieu. — Erda Diösy. — Austritte auS dem Judentum. Ans der Woche. Das Ministerium Bienerth hat seine Demission überreicht und wurde vom Kaiser bis zur Bildung eines neuen Kabinetts mit der Weiterführung der Geschäfte betraut. Der Ministerpräsident selbst war wohl nicht der Stein des Anstoßes, aber einzelne Minister, insbesondere der Finanzmmister Dr. v. Bilinski, der Unterrichtsminister GrafStürkgh und Handelsminister Dr. Weißkirchner, sollen bei den Parteien mißliebig geworden sein und werden im nächsten Ministerium kaum mehr Platz finden. Und gerade diesen werden wir Inden keine Träne nachweinen, wenn wir auch von ihren Nachfolgern nicht viel Besseres zu erwarten haben. Worüber wir Klage zu führen haben, das ist die Verkürzung unserer staatsbürgerlichen Rechte insbesondere bei unserer Bewerbung um Staatsämter und nach dieser Richtung wird insolange keine Besserung eiiitrete«, als der klerikalantisemitische Einfiuß nicht gebrochen ist und wir nicht eine staatlich anerkannte Repräsentation besitzen, die mit dem ganzen Gewichte ihrer Autorität für unsere Rechte eintreten kann. In letzter Zeit hat sich wiederholt in den agrarischen Kreisen Ungarns eine judenfeindliche Richtung gezeigt, die auch bei der in den letzten Tagen voll der Hauptstadt Budapest einberufenell und daselbst tagellden Enquete über die Fleischteuerung zum Ausdrucke kam. Bei den Beratilngen derselben kam es zu ziemlich aufregenden Szenen, die fast einen konfessionellen Charakter annahmen. Der ehemalige Justizminister Geza Polonyi wendet sich gegen die Gegner der Agrarier und meinte, er wundre sich darüber, daß schon im zweiten Jahrzehnt nach der E i u f ü h r u n g der konfessionellen Gleichheit die Herren vergessen w o l l e ll, daß man dem staatserhaltenden Elemente verdanke, daß auch die Juden gleichberechtigt sind. (Große Erregung.) Dr. Vazsonyi ruft: „Serbisches Vieh als Schutzgenosse der historischen Klassen!" Andere Abgeordnete rufen ebenfalls Polonyi zll: „Man wird nicht zu geb en, d aß aus derFleischt euer un gs f r a g e eine konf es s i on e l l e Fra ge gemacht w i r d." Von dieser Szene abgesehen, fiel aber auch eine Aeußerung des Abg. Vazsonyi auf, die dahin ging, daß man eigentlich von höherer Stelle die Versicherung erhalten habe, daß eine Aktion zur Öffnung der serbischen Grenze angeregt wurde. Als aber die Regierung sich davon überzeugte, daß eine derartige Anregung in den agrarischen Kreisen ans Unwillen stoße, habe die Regierung einigermaßen die schon gemachten Versprechungen zurückgezogen. Abg. Vazsonyi weist dann die Ausfälle Polonyis gegen das Judentum zurück und meint, die „mit dem gelben Flecke" hegen die tiefste Pietät für das Jahr 1848, aber nicht Dankbarkeit, die s e l b st b e w u ß t e Männer für die G e lv ü h r n n g d e r i h n e n g e b ü h r e n d e n R e ch t e nicht hegen dürfe n. Die, die im Jahre 1848 den Juden diese Rechte bewilligten, würden sich im Grabe u md re h en, wenn sie hören müßten, daß Geza P a l o n y i diese Juden des Hochverrates und d e s M a ng e ls an Patriotismus zeiht, weil sie die Einfuhr serbischen Viehes wollen. „Wir wollen," so schließt Redner, „mit unserer jetzigen Bewegung niemand drohen, wir wollen bloß nach Lust schnappen. * * * .. Laut dem neuesten ministeriellen Ausweis verteilen pch die jüdischen Gemeiden Ungarns inbezug ans ihre Organisationszngehörigkeit wie folgt: orthodoxe Muttergemeinden 315, Filialgemeinden 1356 mit 253 Rabbinern und 969 Rabbinatsverwesern. Kongreßliche (neologe) Muttergemeinden 180, Filialgemeinden 309, mit 112 Rabbinern und 269 Rabbinatsverwesern. Status quo Gemeinden (die zu keiner Organisation gehören) Muttergemeinden 66, Filialgemeinden 125 mit 42 Rabbinern und 103 Rabbinatsverwesern. Insgesamt 561 Mllttergemeinden. 1790 Filialgemeinden, 407 Rabbinner, 1340 Rabbinatsverweser. Der diese Woche zum vierten Verbandstag in Berliit versammelte „Deutsch-israelitische G e m e i n d e b u n d" hat folgende Tagesordnung: 1. Vermehrung der Einnahmequellen der Gemeindeverbände. a) Eiuzelmitglieder. b) Zuschüsse der Gemeinden, o) Zuwendungen und Vermächtnisse. 2. Gegenseitige Unterstützung der Verbünde auf den Grenzgebieten. 3. Beseitigung des Mangels an Kullusbeamten. 4. Antrag des Synagogengemeinde-Verbandes des Regierungsbezirkes Oppeln: „Der Berbandstag wolle beschließen, daß ausnahmsweise ein Zuschuß zu den Kosten des Religionsunterrichtes auch bei Erteilung des Unterrichtes durch einen seminaristisch gebildeten Lehrer bewilligt werden könne, wenn insbesondere in zerstreut liegenden Ortschaften durch ein und denselben Beamten auch andere Funktionen, so das Schächten ausgeübt werden müssen." Anschließend daran, als Vorarbeit für diese Tagung ist ein Sammelbericht über die Tätigkeit der freiwilligen Gemeindeverbände während der letzten zwei Jahre abgedruckt. Der Inhalt zeugt von dem intensiven jüdischen Leben, das sich in diesen