Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 48 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 9. ckeit in der Fabrik für Lunge nicht fruchtlos gewesen ist, das beweist n. A. der von ihm in Gemeinschaft mit Rohrmann konstruierte Plattenturm, der bei der Schiveselsänrefabrikativn die ausgedehnten Bleikammern ersetzen soll. Nicht minder technisch wertvoll und ebenfalls aus der Erkenntnis der chemischen Bedingungen des Bildungsprozesses hervorgegangen ist das Lnnge- .Rohrmannsche System der vollständigen Salzsünre-Kondensations- .anlage mittels des Platteutnrmes. Ebenso wie in der Sodaindnstrie ist Lunge in der Chemie des Steinkohlenteers zu Hause. Das -berühmteste seiner zahlreichen Bücher ist das Werk „Chemischtechnische Untersuchungsinelhoden", das in allen chemischen Laboratorien ohne Unterschied der Branche benutzt wird. Von der technischen Hochschule in Karlsruhe wurde Lunge zum Doktor 'Ingenieur honoris causa ernannt. Anläßlich seines 70. Gebnrtstages wurde eine Lnnge-Slistnng gegründet, deren Erträgnisse dazu verwendet werden sollen, vorgeschrittenen Studierenden der -Chemie am eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, die noch keine Anstellung haben, die Mittel zur Fortsetzung ihrer Studien Lu verschaffen. Sein Lehramt hatte der greise Gelehrte schon 1907 niedergelegt. * * * In der Bank u n st haben Inden nicht minder Hervorragendes geleistet wie in der Technik. Unter den trefflichsten Architekten der Neuzeit finden wir eine ganze Anzahl Israeliten wie: Max Fleischer, Wilhelm S t i a ß n y, Ludwig Levy, B. Oppler, Richard Wolfenstein und Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t. Als dieser im Jahre 1909 starb, da war es der antisemitische Bürgermeister Lueger, der an seinem Grabe eine Rede hielt und seine Verdienste um die Stadt Wien feierte. Vor allem ragt hier hervor der geniale Baumeister Alfred Messel, dem Berlin seine schönsten neuen Monumentalgebäude verdankt. Er starb, viel zu früh für seinen Ruhm, D8 Jahre alt am 24. März 1909 und konnte sein großes Werk, den Umbau der Mnseumsinsel, nicht selbst mehr vollenden. Bei seinem Tode schrieb selbst die antisemitische „Tägliche Rundschau": „Seit Jahren war er so volkstümlich, wie es zu seiner .Zeit der Name Schinkels gewesen sein mag. Und dieser Ruhm, der durch reine künstlerische Leistungen erarbeitet wurde, war ganz gewiß kein bloßer Tageserfolg. Von Berlin ging er aus. Aber die Anregungen Messels kamen nicht nur Berlin zugute: -sein Name gehört der Kunstgeschichte an." Anerkannte Künstler des Meißels von jüdischer 'Abstammung sind Hugo R e i n h o l d, S n ß m a n n-H e i l b o r n, Aronsohn. Bern stamm, Jakob Pleßner, Max Levi, um nur die bedeutendsten zu nennen. Der bekannte Bildhauer Prof. Adolf H i l d e b r a n d t in München ist ebenfalls der .Sohn einer Jüdin. (Fortsetzung folgt.) ii« Jubiläum der Wiener Indischen Toynbee-Halle. Am 2. Dezember lausenden Jahres waren zehn Jahre verflossen. seitdem, die erste Jüdische Toynbee-Halle Oesterreichs, vie im XX. Bezirke, dem ärmsten Judenviertel Wiens, ihre Tätigkeit begonnen hat. Was diese Institution bedeutet, besagt uns der § 2, welcher lautet: „Der Verein hat den Zweck, nnbemittelten wissensbedürftigen Jitden in Wien in einem hierzu eingerichteten Saale ,Toynbee-Halle' unentgeltliche, bildende und unterhaltende Belehrung zu bieten, sowie alle Bestrebungen nach .Kräften zu unterstützen, welche geeignet sind, die unbemittelte jüdische Bevölkerung in Wien in körperlicher, geistiger und -sittlicher Hinsicht zu fördern, unter Ausschluß jeder politischen Tätigkeit." In der Othmargässe 46 befinden sich derzeit die Räume der Toynbee-Halle. Von Anfang November bis etrva Mitte 'April hat sie ihre Saison. Da öffnen sich täglich um halb 7 Uhr abends die Türen der behaglich erwärmten und beleuchteten Halle den einlaßbegehrenden Männern und Frauen der ärmsten Schichten, Studierenden und Handelsangestellten. Handwerkern mnd Taglöhnern, die nach dem mühe- und sorgenvollen Tagewerke, hier einer nützlichen Muße sich hingeben. Um halb 8 Uhr beginnt ein popitlür-wissenschaftlicher Vortrag, gehalten aus Gebieten der allgemeinen oder jüdischen Geschichte, der Naturwissenschaften. Hygiene. Medizin, Jurisprudenz. National-Oekouomie, des Erziehnngswesens und dergleichen. Die gespannte Aufmerksamkeit des Auditoriums, dessen gelegentlichen Fragen und Einwürse, die rege Beteiligung an eingeleiteten Diskussionen, sie zeigen, wie innig der Kontakt zwischen den Vortragenden itnd ihrer Zuhörerschaft ist. welchem Verständnisse und Interesse die Themen begegnen. Nach 8 Uhr tritt eine Pause ein, welche der ungezwungenen Unterhaltung des Auditoriums gewidmet ist und während welcher opferwillige Frauen und Mädchen, von denen viele sich zum Dienste nach eigener mühevoller Tagesarbeit einstellen, den Besuchern Tee mit Milchbror offerieren. Für die Mehrzahl natürlich nur als Erquickung und Anregung gedacht, ist leider das Gebotene für eine bedauernswerte Minorität eine sehr willkommene Mahlzeit. — Nach der Teepause folgt der zweite Teil des Abends, welcher zumeist zu einer Vorlesung aus Werken jüdischer Autoren, aber auch aus Werken nichtjüdischer Schriftsteller benützt wird. — Der Freitag ist der Vibelerklärnng reserviert und jeden Samstag findet ein den ganzen Abend anssüllendes Konzert statt. Bei diesen Veranstaltungen werden die Gäste mir den Werken berühmter alter und moderner Komponisten bekannt gemacht. In den letzten Jahren weist die Freqnenzstatistik der Toynbee-Halle in jeder Saison fast 35.000 Besucher ans. die sich ans jenen Schichten. rekrutieren, welche den Kamps ums Dasein am schwersten empfinden und deren einzige Freude vielfach jene angenehmen Stunden sind, welche sie in den Räumen der Halle verbringen. Mil einem glanzvollen Festabend hat Samstag, den 3. dieses Monats der Verein das Jubiläum seines 10 jährigen Bestandes gefeiert. Lange vor Beginn mußte der Einlaß in die Halle sistiert werden, so groß gestaltete sich der Andrang. Als Ehrengäste hatten sich eingesunden: Der Vize-Präsident der Israelitischen Knltnsgemeinde Hosrat Dr. Rappaport mit dem Sekretär Dr. Emil Adler, die Gemeinderabbiner Tr. Fenchlwang und Dr. Rosenmann, die Präsidenten der B'nai Brith Vereinigungen „Wien" und „Eintracht" Dr. Knöpsmacher und Hugo Tugendhat, mit den anderen Funktionären und zahlreichen Mitgliedern dieser Vereinigungen. Ihr Ausbleiben hatten entschuldigt Präsident der Knltnsgemeinde Dr. Alfred Stern. Vize- Präsident Dr. Gustav Kohn, Vertreter Salo Cohn. Rabbiner Dr. Bach u. a. Die Festrede hielt der Präsident der „Toynbee-Halle" Knltnsvorsteher Dr. I. Samnely. Er gab eine eingehende Schilderung vom Entstehen der Institution, den Schwierigkeiten, mit welchen sie nach ihrer Begründung zu kämpfen hatte, bis schließlich der Verein „Eintracht Bstiai Brith", den Verein unter seine Patronanz nahm, um den Bestand und die weitere Ausgestaltung sicher zu stellen. Seither sind nach dem Muster der Wiener Toynbee-Halle fast in allen Hauptstädten Oesterreichs und in vielen Städten Deutschlands gleichartige Institutionen errichtet worden. Dankbarst feierte der Redner den Gründer der Wiener „Toynbee-Halle", Universitätsprosessor Dr. Leon Kellner, der ffich durch diese Schöpfung unvergängliche Verdienste erworben und würdigte die Tätigkeit jener Männer, die dem Professor Kellner als erste Vereinsleitung hilfreich zur Seite gestanden, so Herr Johann Kremenetzky. der bedeutende finanzielle Opfer für die schöne Sache gebracht und Herr Hermann Berliner, der sich auch unter den Festgäften befand. Herzlichsten Dank zollte der Redner dem Knltusvorftande für die jeweilig gewährten Subventionserhöhungen, den B'nai Brith- Vereinigttngen. den Vortragenden, die sich stets willig in den Dienst der guten Sache stellen und widmete unter lebhafter Akklamation der Anwesenden herzliche Worte der Anerkennung dem Obmann-Stellvertreter Karl Freund, der in täglicher unermüdlicher Arbeit nun seit Jahren voll Aufopferung und Hingebung wirkt. — Freundliche Worte der Anerkennung widmete der Präsident der pflichteifrigen Tätigkeit des Herrn Guido Fnchsgelb. Dr. Samnely schloß seine oft von Beifallsstürmen