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Die Wahrheit · 1910-12-09 · Heft 48 (9.12.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 48 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 7. <ans Licht getreten wären. Sie gereichen dem Freunde des Wissens, besonders aber dem Fachmanne, der vonj allem Gedruckten Kenntnis zu nehmen verpflichtet ist. nicht zum Vergnügen. Eine hocherfreuliche Ausnahme bildet das jüngst erschienene Buch: „Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619. nach den 'Originalen des k. u. k. Hans-, Hof- und Staatsarchivs heransgegeben von Dr. Alfred Landau und Dr. Bernhard Wach stein." Es ist ein eigenartiges Buch, das nufere Aufmerksamkeit aufs äußerste fesselt. Die Toten werden lebendig. Menschen, die vor dreihnnderl Jahren gelebt, sprechen zu uns. Die Briefe sind am 22. November 161.9 von Prag abgegaugen, um durch den Postboten nach Wien gebracht zu werden. Auf dem Wege wurden sie dem Boten abgenommen, haben Jahrhunderte lang mneröffnet in irgend einem stillen Winkel geschlummert, bis sie vor einigen Jahren im k. k. Staatsarchiv ansgefunden und nun durch die beiden Gelehrten veröffentlicht wurden. Da die Briese .größtenteils an nahe Verwandte gerichtet sind und die Absender nicht ahnen konnten, daß ihre Ergüsse einst der breiten Oeffentlichkeit vorgelegt werden sollten, haben die Schreiber nicht erst sorgsam Toilette gemacht, sondern ihre Gedanken. Wünsche und 'Befürchtungen in naiver, nngeschminkter Weise dargelegt, was diesen Briefen besonderen Reiz verleiht. Wir erhalten hier genauen Einbltck in ihr Privatleben, in ihr Denken und Fühlen. Wir erfahren von ihrer Lebensweise, von ihrer großen Bedrängnis und ihren kleinen Sorgen. Mit Recht sagen die Heraus- ,gebet: in der Einleitung: „Wir gewinnen ans diesen Briefen ein Bild des Lebens und Treibens, der Anschatlungen und der Denkweise jener Kreise, die sich sonst der knltnrhistorischen Betrachtung entziehen, während sie hier mit ihrem unmittelbaren Ausdruck ans uns wirket!." Die Briefe sind in jüdisch-deutscher Sprache und in jüdischer Kursivschrift geschrieben, von den Herarlsgebern im Urtext und in Ttanskription mit lateinischen Lettern wiedergegeben, mit reichhaltigen Anmerkungen, einem Personen-, Sachenmtd '.Ortsregister, wie auch mit einem Glossar versehen. Sie enthalten reiches Material für den Sprachforscher sowohl wie für den . Kultur-Historiker. Die damalige Lage der Inden — es war zu Beginn des dreißigjährigen Krieges — schildert eine Briefschreiberiu mit wenigen aber markanten Worten: „Sol ich Dir schreiben, wie es uns geht, kaust wol begreifen, mir nemen ale 'Tage Aengste ein. auch kein Verdienst nit. un ales teuer." Was zu jener Zeit ein Brief bedeutete, erfahren wir an einer anderen Stelle: „do Mate (Postbote) ktimen ist. sein al zeit fünfzen Weiber zu mir knmeu un haben mir das beten brol gesagt, as ich briv Hab." — Es seien hier auch einige Formeln, die in vielen Briefen enthalten sind und als feststehende und eingelernte bezeichnet werden können, wiedergegeben. Einleitung: „Vil Friden nn gesund, zu aller Zeit un Stund, vil mehr etz begehrt mit enkern Mund, zn meiner harzigen liben Schwesterkinder die srumeu nn bidern, mit al ihren Glidern." Schluß: „da mit behit enk Got, sri nn spot, vor aler Not, das bit nn begert, die enk Hot lib nn wert." Deil sprachlichen Teil hat der als Fachmann ans dem Gebiete des jüdisch-deutschen Idioms rühmlich bekannte Dr. Alfred Landau behandelt. Hier spricht ein gründlicher Forscher .zu uns und zeigt, wie viel altes Sprachgnt des Denrschen durch die Juden erhalten blieb. Die historische Bearbeitung hat der Kustos der israel. Gemeindebibliothek in Wien. Dr. Bernhard W a ch st e i n. übernommen nlld in glänzender Weise dnrchgesührt. Mit erstaunlicher 'Gelehrsamkeit und überraschendem Scharfsinn werden da hochiuteressailte Zusammenhänge ausgedeckt. Dtlrch diese Arbeit wissen wir, was wir von dem schon in Druck befindlichen Monumentalwerk: „Die Grabinschriften des Friedhofes in der Seegasse, heransgegeben von Dr. W a ch st e i n" erwarten dürfen. Die -Herausgeber der Privatbriese haben sich dtlrch die Veröffentlichnng des interessanten Stoffes und die in den Anmerknngen gebotene reiche Belehrung beit aufrichtigen Dank der Leser -gesichert. Dr. Jachisch. Die Inden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft nnd als Forscher, Entdecker nnd Erfinder „Ich habe au zuständiger Stelle den Borschtag gemacht, ein iorgsälriges Verzeichnis der Gelehrten, Künstler. Schriftsteller und Virtuosen Deutschlands von ganz- oder hatbjüdiscder Abstammung herznstellen. Das gäbe einen Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur, vor allem zur Kritik derselben. Friedrich Nietzsche. Zn den beliebtesten antisemitischen Schlagworten gehört die Behauptung, daß die Juden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft usw. nur sehr mittelmäßige Leistungen answeisen können. Heinrich von Treitschke, der gerecht genug war. auzuerkennen, daß vereinzelte Juden sich doch vielleicht aus diesen Gebieten Verdienste erworben hätten, der Heine ein „Genius» nennt, kommt trotzdem ztl dem Schluß, daß die Inden im allgemeinen hier höchstens als Na ch e mpf i n d e r in Betracht kämen. Ein Wunder wäre es ja freilich nicht, wenn bei näherer Prüfung sich diese Behauptungen als wahr heransstellett sollten. Hat man doch den Juden jahrhundertelang systematisch den Weg zur höheren Bildung versperrt und es ihnen somit unmöglich gemacht, ihre geistigen Kräfte zu entsalten. Trotzdem haben aber doch schon lange vor der Emanzipation sich Juden, wenn auch nur vereinzelt, künstlerisch und wissenschaftlich hervorgetan. Ueberblicken wir jedoch die Kulturgeschichte der letzten 60 Jahre, da sehen wir, daß die Juden, nachdem mau ihnen freiere Bahn geschaffen — ganz frei ist die Bahn ja jetzt lioch nicht für sie, ist es z. B. einem Juden auch heute noch nllr in Ausnahmssällen möglich, ordentlicher Professor zu werden, — sich in hervorragenster Weise in der Technik, der Kunst und der Wissenschaft betätigt haben. Wir sehen die Inden, uamentlich die dentschen, als Techniker nnd Künstler schöpferische Gestaltungskraft entfalten, aus den alten, verfahreuen Geleisen hervortreten und neue Bahnen einschlagen; wir sehet! sie in der Wissenschast als Pfadfinder! und-Bahnbrecher vorangehen. Wo es sich darum handelte, neue Verkehrsmöglichkeiten zn schaffen, die Luit zu erobern, unter Hingabe des eigenen Lebens uubekanule Erdteile zu erforschen, den schlimmsten Feind der Menschheit, die tötlichen Krankheiten, zu bekämpfen, stets fludet man auch Inden an hervorragender Stelle beteiligt. Durch nichts wird die Hohlheit der antisemitischen Schlagworte mehr illustriert, als durch diese positiven Leistungen der Inden, von denen wir aus den nachfolgenden Blättern nur die bedeutendsten vorsühren wollen. Eine förmliche Umwälzung in unseren Berkehrsverhältnissen. die auch heute noch lange nicht abgeschlossen ist, brachte bekanntlich die Erstndung des Benzinmotors, des Automobils mit sich. Der Erfinder des Benzin-Automobils ist aber, lvas in der großen O essen tlichkeit nur wenig bekannt ist, ein Jude, Siegfried Marcus. Er wurde 1831 in einem Nebenhause der Apotheke Malchin als Sohn eines mecklenburgischen Oberrats M. geboren, erlernte die Mechanik in seiner Heimat und fand 1848 eine Stelle bei Siemens & Halske in Berlin, wo er ein besonderer Günstling des großen Werner Siemens wurde. Seit 1852 lebte er in Wien und machte sich dort 1860 selbständig. Vielerlei Apparate gingen ans seiner Werkstatt hervor. Für seine Tbermosäule erhielt er von der Akademie die große goldene Medaille nnd 200 Gulden. Für einen Telegravhen des Feldzuges 1870/71 wurde ihm eine Anerkennung des Generals von Blumenthal zitteil. Sein erstes Automobil, das 1875 fertiggestellt wurde, befindet sich jetzt noch im Besitz des Wiener Automobil-Clubs. Er war es auch, der den ersten brauchbaren Seismographen (Erdbebenanzeiger) nnd den ersten elektrischen Zünder für Unterseeminen konstrnierte. Ein Jahrzehnt nach seinem Tode — er starb den 1. Juli 1898 — wurde ans Anregung des Herrn F. M. Feldhans durch Beiträge des Kaiserlichen Automobil-Clubs und anderer Sportvereinigungen sowie der

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