Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 48 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6 Die Wahrheit Sir. 48. etwas Bedeutsames geleistet werden könnte für unser so hartbedrängtes, ans seinen Erwerbsquellen heransgebrochenes Volk und ebenso auch für das Land selbst, ans welchem die schändliche Abgerissenheit der ärmeren jüdischen Bewohner schwinden würde. Unsere jüdische Enquete wird also mit den schon früher erwähnten drei Elementen, mit dem jüdischen Kopf, mit jüdisch zarlempfindendem Herzen und mit vollen Händen, und überdies mit Sachkenntnis und Unverdrossenheit an die Arbeit gehen müssen. Alle diese nötigen Voraussetzungen fehlen der römischkatholisch-antisemitischen Enquete vollständig, und zudem lehrt uns die Erfahrung, daß wir von der allpolnisch-klerikalen und selbst von pseudoliberaler Partei nichts anderes als Unheil zu erwarten haben, je höher sie in die Staats- und Landesverwaltung steigen werden. Angesichts dieser Erkenntnis, welche seit der Emanzipation der Juden in Oesterreich resp. Galizien überall platzgegriffen hat, muß der Gedanke in uns aussteigen, daß iene einzige Enquete, selbst ans den edelsten und hilfsbereitesten Männern zusammengesetzt, das Schicksal unserer Brüder zu korrigieren nicht in der Lage sein wird. Wir erachten es daher als eine eminente Notwendigkeit, daß das galizische Israel, wenn es von seiner harten Bedrängung sich befreien will, in allererster Linie einer einheitlicken Organisation bedarf. Diese Organisation muß auf seine Fahne schretben: Wahrung, Verteidigung und energische Vertretung des jüdischnationalen Standpunktes, wie wir dies vor mehr als 40 Jahren mit der Schomer Israel-Gründung bekundet haben. Unsere jüdischen Interessen werden nicht bloß an den ärmsten Schichten zu Schanden, sondern an allen Volksgenossen und die jüdische Intelligenz empfindet ihre Rechtsberaubnng und die Entwertung ihrer geistigen Schätze noch viel mehr als die in Not und Elend verkommenen Proletarier. Der nationalen Schntzorganisation wird es obliegen, den Juden in Polen nicht untergehen zn lassen und den jüdischen Charakter überall hervortreten zu lassen, so oft der Jude in die Lage gerät, dieses durch Repräsentation zu dokumentieren. Der politischen Organisation haben wir '1878 eine sehr wichtige hinzuznsügen gestrebt in der Einberufung des ersten jüdischen galizischen Gemeindetages in Lemberg. Leider wurde derselbe ans dem Anlasse, daß Punkt 4 der Tagesordnung, der die Errichtung eines Proseminars enthielt, den „giten Jüden" als gojnch erschien, gesprengt und erst nach zwei Dezennien vom Lemberger Gemeindepräsidenten Reichsratsabgeordneten Dr. Emil B y k wieder einberufeu. Wenn wir diese Momente ans dem Dunkel der Halbvergangenheit an das Licht der lebendigen Gegenwart zitieren, geschieht es nur angesichts der großen Gefahren, von welchen das so stark zurückgedrängte jüdische Volkstum ans allen Gebieten des bürgerlichen Daseins bedroht wird. Und so sei es uns noch gegönnt, hier eine Reminiszenz'aufzufrischen, die geeignet scheint, unseren Wünschen Nachdruck zn geben. Der selige Prediger und Rabbiner Dr. Jellinek, der, wiewohl angenommen werden darf, als Verfechter der Assimilation jede nationaljüdische Bewegung perhorreszierte und der die von uns ins Leben gerufene erste studentische Verbindung Kadimah aufs schärfste bekämpfte, schrieb in seinem letzten Leitartikel in der „Neuzeit", als er von den vielen anlisemitischen Wiener Organisationen Kenntnis erhielt, ein förmliches Plaidvyer für jüdische Organisationen und dieser Aufsatz trägt die Ueberschrist: „Organisation gegen Organisation!" Und so halte ich es jetzt hoch, wenn nicht gar höchst an der Zeit, au die endliche Organisanou der österreichischen Judenschaft zn schreiten, unter der Führung eines österreichischen G e m e i n d e b n n d e s, in welchem die Willensstärke Repräsentation der lVz Millionen Juden vor aller Welt und allen Behörden sich manifestieren soll. Die Renitenz der Judenschaft Galiziens, eigentlich bloß einiger Gemeindeältesten, erinnert uns an den Vorgang von 1878. Damals haben der Belzer Zaddik und andere Rebbeleben die schöne Harmonie und das zu erwartende Heil einer galizisch-jüdischen Organisation aus Verblendung und Unkenntnis gestört und heute stehen wieder einige Assimilatoren und Vorsteherleben einem wichtigen und erhabenen Werke jüdischer Einigung entgegen. O, ihr Greise seid nicht taub und nicht blind gegen die Postnlate der jüdischen Sache, hört auf mit dem Fremdenknlt, denn die Geschichte wird diese euere Schwäche oder Verwirrung eures Denkens abfällig einzeichnen. Znm Schlüsse möchte ich die gegebenen Anregungen noch in aller Kürze zusammenfassen. Das Heilmittel für alle unsere Leiden liegt nicht in händeringendem Rachmonoth- und Nebichschreien, es liegt nicht in selbst reichlichen Almosengaben, auch nicht in katzenbnckelnder, politischer Unterwürfigkeit, sondern in reichlichem und brüderlichem Arbeitgeben und Arbeitnehmern schließlich in mannhaftem Einstehen für unsere bürgerlichen Rechte und deren reale und strikte Anwendung ans das jüdische Bürgertum. Dr. Rüben Vierer. Die Wiener Kntlnswahlen. Mit den Wahlen durch die Höherbesteuerten, die Mittwoch, den 7. d. M. stattfanden, haben die heurigen Knllnswahlen abgeschlossen. Ueberraschend in diesem Wahlgange durch die höhere Kurie, der bisher immer kampflos verlief, war die stärkere Beteiligung und eine rührige Agitation, die sich allerdings nur auf die Besetzung des zweijährigen Malldates beschränkte. Für die sechsjährigen Mandate wurden die bisherigen Knltusvorsteher Dr. Josef Breuer, David Ritter von Gutmann, Moriz Edler von Kuffner und Wilhelm Kuffner wiedergewählt, während das vierjährige und das zweijährige Mandat mit zwei neuen Männern, den Herren Fabriksbesitzer Ernst Hirsch und Hof- und Kammer-Juwelier Max Z i rne r besetzt wurde, deren reges Interesse für die Angelegenheiten der Gemeinde ein ersprießliches Wirken dieser Persönlichkeiten im Kultusvorstande erwarten läßt. Im Nachstehenden veröffentlichen wir das Wahlresnllat, wie es in der öffentlichen Vertretersitznng vom 7. d. M. verlautbart wurde: 8.) Wahl von 4 Vorstandsmitgliedern für eine 6-jährige Mandatsdauer. Anzahl der abgegebenen giltigen Stimmzettel: 243. Die absolute Majorität beträgt daher: 122. Gewählt wurden die Herren: Dr. Josef Breuer David Ritter von Gutmann Moritz Edler von Kuffner Wilhelm Kuffner mit 231 Stimmen 234 I 233 -;; .. 231 b) Wahl eines Vorstandsmitgliedes für eine 4-jährige Mandatsdauer. Anzahl der abgegebenen giltigen Stimmzettel: 245. Die absolute Majorität beträgt daher: 123. Gewählt wurde Herr: Ernst Hirsch mit 240 Stimmen. c) Wahl eines Vorstandsmitgliedes für eine 2-jährige Mandatsdauer. Anzahl der abgegebenen giltigen Stimmzettel: 289. Die absolute Majorität beträgt daher: 145. Gewählt wurde Herr: Max Zirner mit 187 Stimmern. In der Minorität blieb Herr: Wilhelm P a p p e n h e i m mit 100 Stimmen. Dreihmlderlfkhrige Driefe. Wir leben in einer sehr schreibseligen Zeit. Tag für Tag wird der vorhandene Büchervorrat durch Neuerscheinungen bereichert. Viele davon gälten wir nicht vermißt, wenn sie nicht