Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 48 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 48. Die Wahrheit Seite 5. zur Sicherung des jüdischen Unterrichtes in diesen Schulen ist ein frommer Wunsch geblieben, und es wird ganz von der Gnade der städtischen Verwaltungen abhängen, ob und in welchem Maße den jüdischen Schülern in den zum überaus größten Teile von jüdischem Gelde erhaltenen Schulen Gelegenheit znm hebräischen und Religionsunterrichte geboten wird. Ferner wird, wie sich heute schon mit voller Bestimmtheit Voraussagen läßt, auch die Frage der Sonntagsruhe von der Duma, wo sie zu keiner glücklichen Lösung gelangen kann, in die Hände der Städteverwaltnugen übergehen, die sie je nach Maßgabe der lokalen Verhältnisse ganz selbständig zu regeln haben werden. In all diesen Dingen und derlei mehr werden die jüdischen Bürger Polens so gut wie gar nichts mitzureden haben. Ob sie ihre Kinder auch in die Schule werden schicken können, die sie mit ihrem Gelde erhalten müssen, ob sie nicht durch einen anfgezwungenen zweiten Ruhetag von der polnischen Konkurrenz kampfunfähig gemacht werden, das hängt alles von der weisen Einsicht und dem Rechtempsinden der polnischen Gemeindeväter ab. Hatte man bisher in den polnischen Städten vornehmlich ans dem Wege der Genossenschaften und Konsum- Vereine den wirtschaftlichen Vernichtnngskamps gegen die Juden geführt, so tritt nun zu diesen Kampfmitteln noch ein drittes und wirksameres hinzu: die judenreine Gemeindeverwaltung. Freilich haben die Polen durch diese Politik der Kurzsichtigkeit nach außen weit mehr verloren, als sie nach innen profitiert haben. Dieser innere Profit bleibt überhaupt noch abznwarten. Es kann sich hier leicht das Schauspiel wiederholen, das uns jüngst Finnland bot, wo der Unterdrückung der Inden die Strafe in dem Verluste der eigenen Rechte auf dem Fuße folgte. Allein welcher Trost kann darin für die in so empörender Weise entrechteten Juden liegen? * * * Einige türkische Blätter hatten die Nachricht gebracht, die Pforte habe, als sie kürzlich erfuhr, daß jüdische Einwanderer trotz des unlängst erlassenen Verbotes sich in Palästina niedergelassen und größere Grundstücke erworben hätten, die Behörden in Palästina angewiesen, strenge darauf zu achten, daß das in Rede stehende Verbot nicht übertreten werde. Zu diesem Zwecke sollten die Behörden bei jedem Verkauf von Immobilien sich zunächst vergewissern, ob die Käufer keine jüdischeil Einwanderer seien. Die Redaktion des „Jenne Tnrc“ hat hierüber Erkundigungen beim türkischen Ministerium des Innern eingehol't und die Auskunft erhalten, daß es sich bei dem fraglichen Verbot nicht um jüdische Einwanderer allein handle, sondern um alle Immigranten ohne Unterschied des Glaubens 11 n b der Nationalität. Kein Einwanderer hat das Recht, länger als drei Monate in Palästina zu verweilen; in dieser Beziehung sind den palästinensischen Behörden schon vor längerer Zeit nnzrveidenlige Instruktionen zugegangen. Was die Nachricht anbetrifft, jüdische Einwanderer hätten kürzlich größere Grundstücke in Palästina kältflich erworben. so sei dies unzutreffend; eine derartige Meldung sei beim Ministerium nicht eingelaufen, die Regierung habe also gar keine Veranlassung gehabt, den palästinensischen Lokalbehörden irgendwelche Anweisungen in dieser Hinsicht zu erteilen. * * * Londoner Blätter veröffentlichen eine Dankesadresse, welche die Madraser Jndianerstämme an Herrn H. S. Polak anläßlich seiner Uebersiedlnng von Madras nach Burban in Südafrika überreicht haben. In der prachtvoll ailsgestatteten Adresse wird Herr Polak als der gerechteste und unerschrockenste Vorkämpfer für die Rechte der Indianer gefeiert, der für die Indianer mehr getan hat, als je ein Europäer oder selbst ein Indianer. Seine Kämpfe gegen die sogenannten „Gesetze gegen Asiaten in Transvaal" waren fürstliche Heldentaten, die eine ganze Rasse zu ewigem Danke verpflichten. Herr Polak wird schließlich gebeten, wenn irgend möglich bald znrückznkehren, um das begonnene Werk zu Ende zu führen. Zur Enquete über die Iudensrnge in Galizien. (Schluß.) Die erste und wichtigste Aufgabe der Hilfsorganisationei: wäre die, daß die „Jca" den P a rz e l l i er ung s g e d a n keu aufnehmen, und eine Anzahl Güter an die jüdischen Geuse:: gegen Annuitäten verteilen sollte. Schon im Jahre 1873 habet: wir auf die geist- und körpererfrischende Wirkung des Landlebens, der ländlich-schlichten Ernährungsweise und der ruhigen, speknlatioussreien Feldarbeit hingewiesen, und durch eine derartige Aktion würde das galizische Judentum nicht nur ans den: sozialen Elend emporgehobeu, sondern auch an Körper und Geist regeneriert werden. Und noch eine zweite provideutielle Ausgabe fällt der „Jca" zu, nämlich Gewerbe- und W i r l s ch a s l s s ch u l e n zu errichten, welche vom seligen Baron Hirsch wohl inauguriert, aber nicht durchgesührt wurden. Mehr Handwerke tlnd Gewerkschaften bringen mehr Erwerb, und je mehr Erwerb, desto weniger Lustmenschen. Mehr Hauswirtschaft und Kochichuleu. weniger Seelen- und Körperschacher, weniger hnngerleidende. arbeitsträge Bettlerinnen, welche mit fremden, meist ausgeborgten Kindern ans den Armen das Beltelnnwesen treiben. Auch die Hausindustrie als Fnildamenl sittlicher Häuslichkeit und Geschicklichkeit und als Abwehrmittel der häuslichen Not sollte energisch gefördert und auf breitere Basie gestellt werden. Die bis nun vom Wiener galizischen Hilfsverein in einigen Städtchen eingesührte Haarnetzindustrie raubt nach und nach die Schürfe des Augenlichtes und sollte lieber ganz in Wegfall kommen. Die Spitzenktöppelei mag ja weiter bestehen, aber es gibt noch andere Arbeiten, die viel rentabler sind, und Hausindustrien, welche, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, für die Oekonomie des Haushaltes viel Ersprießlicheres leisten. Die Industrie, welche ich meine, benötigt auch keine teuren Apparate, nur uralte Werkzeuge, wie Webestnhl, Spinnrocken und Spindel. Diese Trippelallianz har den Orient und den Vororient beglückt, ihn aus dem Urzustände der Nacktheit entrissen und den Frauen eine angenehme, leichte, fast spielende Arbeit in die Hand gegeben, um ihre Zeit nutzbringend, herzensfroh auszufüllen. Bis auf den heutigen Tag noch, wo die Fabriken aller Herren Lürlder die Gewebe in alle Weltwinkel mühelos verstrelleit, nimmt der Webestuhl einen Ehrenplatz unter den Hausgeräten ein. wie der bescheidene Pflug und die Egge im Haushalte der Aecker. Wer den Vororient so durchquert hat wie ich, wer Serbinnen, Bulgarinnen, Tartarinnen und Frauen anderer Völkergrnppen in ihrer Behausung ausgesucht hat. wird zunächst erstaunt sein über die Ausstattung der Wohnzimmer mit allerlei Teppichgeweben, er wird ferner auch die Bekleidung der Männer und der Frauen bewundern, welche vom Faden der Wolle und selbst der rohen Seide bis auf das fertige Kleidnilgsstück ein Geschenk der weiblichen Hand ist. Alle Stoffe tragen die Spuren strotzender Gestindheit iind liebevoller Hingabe an die Arbeit. Die Adjustierung der Männer bildet den Stolz, die Satisfaktion der Frau nnd ihrer Kinder und auch der Nachbarinnen. Der Reit-! mantel des flinken und wilden Arnauten, welcher Mann und! Roß einhüllt, der Teppich, welcher den ganzen Boden bedeckt uild des Nachts die ganze schlafende Familie einhüllt — alles, alles Arbeit nicht romanlesender und romantreibender Weiber. Vergebens suchst du, Wanderer, selbst in den kleinsten Städtchen und Dörfern eineil abgerissenen Menschen, wie unsere armen galizischen Brüder, welche oft bis auf die nackte Haut reichende Kleiderwunden aufweisen, itnb die ganze Bevölkerung, welche kein eilropäisches Gewebe atilegt, bietet mit ihrer Bekleidrlng ein malerisches Bild, ein ethnographisches Schaustück. Diese Hansindilstrie schmückt aber nicht nur das Heim nnd die Familien, sie bringt auch durch den Erlös der Gewebe, welche leicht seilgeboten werden können, reichlichen Verdienst, tlnd ihrer Einführimg steht ilichts im Wege, es sei dentl die Unterweisung im Gebrauche und in der Erzeugung der verschiedenen Stoffe. Wir leben also der Ueberzengnng, daß hier