Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 48 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 48. Klubs wird Aulaß nehmen, dieser prinzipiellen Auffassung in der Budgetdebatte Ausdruck zu geben. * Diesen Mitteilungen entsprechend ergriff der Abgeordnete Dr. Straucher während der Budgetdebatte das Wort und schildert die Not der jüdischen Bevölkerung in Galizien und der Bukowina. Gerade heute stehe ans Anlaß des bevorstehenden Erlöschens des Propinationsrechtes und der Einführung der konzessionierten Schenker die Existenz von tausenden Inden auf dem Spiel. Wenn nach der Gewerbeordnung gewisse Voraussetzungen zur Erlangung einer Schankkouzession fixiert werden, müsse auch den Juden gegenüber nach dem Gesetze vorgegangen werden. Die Frage der galizischen Schenker wird heute ganz einseitig behandelt. Es sei nur eine Forderung der Humanität und des Gesetzes, daß den alten Schenkern, welche ihr Gewerbe durch Jahrzehnte betrieben haben, die Konzessionen verliehen werden. Man verteile jetzt die Konzessionen an Witwen millionenreicher Grundbesitzer, an Hofratswilwen, an Witwen von Gendarmen, an fürstliche Persönlichkeiten und an den hohen Adel, welche die Konzessionen nicht selbst ansüben, sondern weiter verpachten. Abg. Star n ch: Gras Potocki hat acht Konzessionen bekommen und wohnt in Rußland. Abg. Dr. Straucher verlangt ferner, daß bei der nächsten Volkszählung nicht nach der Umgangssprache, sondern nach der Muttersprache oder Nationalität gezählt werde, damit die jüdische Nationalität bei der Volkszählung berücksichtigt werden könne. Er weist darauf hin, daß die Juden eine empfindliche Verletzung im Staatsvoranschlage erfahren. Nicht einmal eine jüdisch - theologische Fakultät besteht, die Regierung aber verlangt trotzdem qualifizierte jüdische Seelsorger und Religionslehrer. Zum Schluffe protestierte der Redner gegen die gewaltsame Entführung jüdischer Mädchen in katholische Klöster. * Fast gleichzeitig mit den Wiener Kultuswahlen haben die Wahlen in die Repräsentanz der Berliner jüdischen Gemeinde stattgefunden, die, wie wir bereits in voriger Nummer gemeldet, einen Sieg der liberalen Liste brachten. Die Wahlbeteiligung war eine überaus starke, fast nahezu 75°/0 der Gemeindewähler haben ihr Votum abgegeben und das Wahlergebnis stellt sich in folgender Weise dar: Als Repräsentanten auf 6 Jahre wurden gewählt: Moriz Manheimer mit 9092, Louis Sachs mit 6030, Emil Pincus mit 5981, S. Weile mit 5978, Dr. Georg Minden mit 5903, Oskar Tietz mit 5615, Dr. Hermann Veit Simon mit 5521. W. Loewenthal mit 5520, Prof. B l a s ch k e mit 5483, M. R o f e n o w mit 5481, Siegfried Sachs mit 5481 Stimmen. In Ersatzwahl auf 3 Jahre: Prof. K a l i f ch e r mit 5471, Stadlrat Dr. Weigert mit 5463 Stimmen. Als Repräfeittanteu-Stellvertreter auf 6 Jahre: Prof. Türk mit 5445, Benas L e v y mit 5434, Emil Cohn mit 5420, Dr. H. R o s e n b e r g mit 5345, H. Blankenburg mit 5297 Stimmen. Von den Kandidaten der jüdischen W a h l v e r e i n igung (Zionisten und Konservativen) erhielten: Geheimrat Prof. Landau 3850, Hugo Heilmann 3823, Stadtverordneter M. S a lin g e r 3764, Magistratsrat Dr. A. Ne um a nn 3740, Salli Kirsch stein 3735. B. Salz 3704, H. Aron 3695, Gideon Hey mann 3695. Dr. Lewinski 3667, Rechtsanwalt Dr. Klee 3665, Dr. Israel 3634, M. Silberberg 3636. Rechtsanwalt Schachtel 3633, Prof. Dr. Carl Lew i n 3250, Dr. B a net h 3221, Siegbert S eck e li ohn 3212 und Rechtsanwalt Lezynsky 3164 Stimmen. * * * Einen interessanten Beitrag zu der Konterverse „Bürgermeister Nathan und der Papst" liefert der in der ..Frankfurter Zeitung" enthaltene Bericht über eine jüngst in Rom stattgehabte Stadtverordneten-Versammtung. In derselben hat Bürgermeister Nathan auf die klerikalen Proteste gegen seine Rede vom 20. September geantwortet und n. A. gesagt: Es handle sich um einen Krieg gegen die Würde und das Ansehen Roms und Italiens, der den verabscheuenswerten Zweck! habe, den Fortschritt zu bekämpfen, dessen höchsten Ausdruck die Verbindung Roms mit dem Vaterlande darstelle. Wenn die Versammlung im Protest gegen die klerikalen Angriffe einmütig bleibe, sei das die beste Abwehr. (Großer Beifall.) Darauf erhob sich der Führer der klerikal-konservativen Minderheit und sagte: Eine Kritik der Rede vom 20. September sei heute unangebracht. Heute müsse er v er gess eu, daß er Nathans Gegner s e i, d e n n g e g e n ü b e r d e r u n berechtigten Einmischung des Auslandes fühle er sich nur als Italiener und V e r t r e t-e r Roms. (Stürmischer Beifall.) So denkt und spricht man also in klerikal-konservativen Kreisen Roms, unsere jüdischen Konservativen aber in Paderborn, in Köln, in Frankfurt und auch in den Redaktionen so und so vieler jüdischer Blätter hatten nichts eiligeres zu tun, als den Juden Nathan mit Steinen zu bewerfen, weil er es gewagt hatte, als Bürgermeister seine Ueberzengung zum Ausdruck zu bringen. Wie sagten doch die Päpste, wenn sie der jüdischen Abordnung den Fußtritt versetzten? „Andate" — „Geht". * * * Wie dem „Israelit" ans Petersburg gemeldet wird, hat sich die Dumakommission mit 11 gegen 10 Stimmen für die Begrenzung der jüdischen Rechte in der Selbstverwaltung Russisch-Polens ausgesprochen. Drei Oktobristen und der Führer der Allpolen G r a b s k i, haben sich der Abstimmung enthalten. Das zweite polnische Kommissionsmitglied Abgeordneter M on twil hat vor der Abstimmung die Sitzung verlassen. Daß der Kommissionsbeschlnß im Plenum der Duma Anklang und Zustimmung finden wird, darüber darf nicht der geringste Zweifel obwalten. Die kommunale Entrechtung der Juden in Polen ist somit vollzogene Tatsache. Die Polen in der Kommission haben weder Ja noch Nein gesagt. Sie haben den bequemeren Weg der Stimmenthaltung gewählt, um dem Antrag zum Siege zu verhelfen. Hätten die Edlen Nein gesagt, der Regiernngsanlrag wäre durchgefallen. Hätte nur einer der beiden Polen den Mut gefunden, gegen die beabsichtigte Vergewaltigung der politisch und wirtschaftlich Schwachen, wie es die Herren in der Theorie immer tun. auch hier in der Praxis mit einem lauten Nein zu protestieren, die Abstimmung wäre nicht zustande gekommen und die „verfolgten" Polen wären möglicherweise inzwischen zur Einsicht gelangt, wie sie sich in diesem Falle im Interesse ihrer eigenen politischen Stellung zn verhalten hätten. Das ist nicht geschehen. Der eine schwieg und der andere ging hinaus, und der Antrag war wider Recht und Vernunft gerettet. .- Es wurde bereits des öfteren schon nachgewiesen, welchen wesentlichen Bestandteil der Bevölkerung Polens die Juden ausmachen. Polnische Städte mit überwiegend jüdischer Bevölkerung sind keine seltenen Erscheinungen. In vielen Städten und Ortschaften übertrifft jedenfalls die Zahl der Juden die der Polen. Und diese jüdischen Massen sollen nun der Willkürherrschaft rein polnischer Verwaltungsbeamten ausgeliefert werden. So wollte es die Regierung — gewiß nicht aus Liebe zu den Polen — haben. Die Duma war ihr zu Willen und die Polen haben — wenigstens so weit sie in der Kommission vertreten waren — geschwiegen. Wer die örtlichen Verhältnisse nicht kennt, ahnt nicht die Tragweite dieses neuen Gesetzes und die katastrophalen Wirknugen, die es auf das gesamte jüdische Leben in Polen natnrgemäß ausüben muß. Es ist nicht verletzte Eitelkeit, unbefriedigter Ehrgeiz, was ans den Klagen der polnischen Juden über diese neue Entrechtung spricht, sondern die graue Sorge um die vitalsten I n t e r e s pe n d e r Einzelnen wie der jüdischen Gemeinwesen, die durch dieses Gesetz in höchstem Maße gefährdet sind. Die Autonomie der Gemeinden ist erst in den letzten Tagen durch einen Dnmabeschluß gesichert und wesentlich erweitert worden. Das eben erst angenommene Schulgesetz stellt die Volksschule ganz unter den Schutz der kommunalen l Verwaltung. Die von jüdischer Seite verlangte Gesetzesbestimmuug