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Die Wahrheit · 1910-12-09 · Heft 48 (9.12.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 48 (9.12.1910)
Date
1910-12-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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abrcheit Redaktion nnt Adininisiralion: Wien, 11,1 Avvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5107/V1I1. AnaWngige Seitschrift für jüöische Vezugspreis: .K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4938,11. : K. k. öslerr. Postsparkasia- Scheck-Konlo Nr. 100.918. Interessen. Für Jhiltu-jbeaiute: i iMumiät)virt.U io. — In lernte: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kr eitag. | Fiir Ausland: I Abonnements- und JniertionSi Ä»„ziälirig.8 Mark benage sind in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ | ü Rnvel oder Ui Frc».! Ur. 48. Wie», 9. Dezember 1919. Inhalt: Aus der Woche. — Zur Enquete über die Iudeufrage in Galizien. — Die Wiener Kultuswahlen. — Dreihunderljährlge Briefe. — Die Juden in der Technik, der Kunst, der Wissenschaft und als Forscher, Entdecker und Erfinder. — Ein Jubiläum der Wiener jüdischen Toyubeehalle. Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlicheu Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. Eiil merkwürdiger Zufall fügt es, daß die Zentennarfeier für den berühmten Anatomen Josef H y r t l, dessen Wirken in die Zeit der höchsten Blüte der Wiener medizinischen Schule fällt und der mit Rokitansky, Skoda, Oppolzer, D u m r e i ch e r, A r l t, B r ü ck e imb anderen den Weltruf derselben begründete, gerade in dem Momente begangen wird, da der niederösterreichische Landesausschuß, angeblich um eine Sanierung des öffentlichen Krankenhausfondes herbeizuführen, daran schreitet, durch Verlünderung der Krankenanstalten auch die medizinischen Kliniken unter die Zuchtrute der christlichsozialen Partei zu bringen. Der stolze Ban, den die genannten Koryphäen mühsam errichtet und die Männer wie B a m b e r g e r und Nothnagel. Billroth und Albert glänzeild ausgestalteten, gerät ins Wanken und wenn der Anschlag, wie es leider bei der lauen Haltung der Regierung und besonders des gegenüber klerikalen Aspirationen immer schwachen Unterrichtsministers zu befürchten ist, gelingt, dann ist nicht nur die Freiheit der Wissenschaft, der medizinischen Forschung und Lehre ernst bedroht, sondern es wird damit auch ein gefährliches Attentat auf die Volksgesundheit verübt. Kliniker und Aerzte und alle jene Kreise, die die hohen Aufgaben und Ziele der Wissenschaft nicht von politischen Gesichtspunkten aus beurteilt wissen wollen, erheben sich wohl einmütig zur Abwehr, aber leider dürfte es schon zu spät sein. Ihr Widerstand hätte zu jener Zeit mit größerer Intensität und Aufrichtigkeit eiusetzen müssen, als die verbündeten Klerikalen und Antisemiten den ersten Sturmlauf gegen die Wiener Universität unternahmen, damals als man dieselbe von jüdischen Elementen zu säubern begann und jüdischen Forschern und Lehrern den Eintritt mit dem Taufschein verrammelte. Das Unrecht, das man damals gut hieß, rächt sich jetzt bitter und man darf sich nicht wundern, wenn nach den erzielten Erfolgen die Begehrlichkeit der christlichsozialen Machthaber immer weitere Krei'e zieht und nunmehr die Fundamente der Wissenschaft und des Volkswodles erschüttert. „Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. # * * Vom Bureau des r e i ch s r ä t l i ch e n Jüdischen Klubs erhalten wir folgende Mitteilung: Donnerstag, den 1. Dezember fand eine Sitzung des reichsrätlicheu „Jüdischen Klubs" statt, welche der Besprechung verschiedener Parteifrageu, sowie der politischen Lage der österreichischen Jndenschaft und der Ttellungnahme zu den in Verhandlung stehenden parlamentarischen Angelegeubeiten gewidmet war. Vor dem Eingänge in die Beratungen widmete der Klubobmaun Dr. Strauch er dem in der Blüte seiner Jahre ans der rastlosen Arbeit für das jüdische Volk gerissenen Klubmitgliede, Dr. Heinrich Gabel, ergreifende Gedenkworte, in welchen er die mannigfachen Verdienste des Verewigten auf allen Gebieten des jüdischen Lebens und der parlamentarischen Tätigkeit würdigte. Trotz dieses schweren und unersetzlichen Verlustes ist der Bestand des Klubs nicht gefährdet, denn die Bedeutung dieser wichtigen jüdisch-parlamentarischen Körperschaft baut sich nicht auf der Anzahl der Mitglieder, sondern auf den bewährten Grundsätzen der jüdisch-nationalen Politik auf, welche in den Bedürfnissen und Empfindungen der jüdischen Bevölkerung ihren Ursprung, ihre Daseinsberechtigung und unversiegbaren Kräfteborn hat. Dieser Politik Stabilität und weitestes Verständnis zu verschaffen, ist die Aufgabe der jüdisch-nationalen Neichspartei, j deren bisherige zufriedenstellende Entwicklung auch weiteres, gedeihliches Wachstum verbürgt. Dem Ausbau der jüdischnationalen Organisation, sowie der Frage der in Angelegenheit der Volkszählung einznleitenden Aktion sollen die Beratungen der am 11. d. in Wien stattfindenden Tagung der Reichsparteileitung gewidmet sein. Dort wird die Taktik des Vorgehens genau festgelegt, sowie für Einheitlichkeit der Aktion, deren exekutive Leitung den Mitgliedern des Klubs als Ehrenaufgabe erscheint, Sorge getragen werden. Mit Befriedigung wurde konstatiert, daß in Angelegenheit der Schäukerfrage während der Parlamentsferien seitens der berufenen Faktoren, insbesondere der Klubmitglieder, alle entsprechenden Schritte unternommen wurden. Der Klub erachtete es als heilige Pflicht, seine Fürsorge den unglücklichen Opfern der Regelung der Propinations- und Schäukerfrage zu leihen und sowohl Schritte, die zur Linderung der traurigen Lage der Hilfsbedürftigen eingeleitet werden, aufs kräftigste zu unterstützen, sowie die Initiative zu notwendigen l Aktionen zu ergreifen. Der Klub findet keinen Anlaß, im Ver- I hältnis zur gegenwärtigen Regierung seine bisherige oppositionelle Haltung aufzugeben, denn noch immer harren die wichtigsten und dringendsten Forderungen der jüdischen Bevölkerung, welche seitens des Klubs der Regierung mehrfach unterbreitet wurden, vergebens ihrer Erfüllung, und die Judenschaft, die ihre einzige Rettung in der Selbsthilfe erblickt, ist vom Zustande der faktischen Gleichberechtigung entfernter als je. Der Sprecher des

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