Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 47 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Die Wahrheit Seite 9. Was die Beziehungen zwischen dem Zentralkomitee und Der Deutschen Couferenzgemeinschaft betrifft, so können wir mo- Meutau auf eine öffentliche Besprechung derselben nicht eingehen, weil man gegenwärtig beiderseits bemüht ist, zu einer Verständigung zu gelangen. Die hauptsächlichsten Vorwürfe Ihres Mitarbeiters lassen ffich kurz dahin zusammenfassen: A) Die Alliance verwendet nur lächerlich geringe Summen für das Hilfswerk zn Gnnsten der Israeliten, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten zu leiden haben. B) Sie schreitet nicht mehr wie früher ein zu Gunsten unserer verfolgten Glaubensgenossen. 0) Sie verwendet ihre Mittel fast ausschließlich für das Schulwesen. A) Ihre Nummer vom 10. November bringt selbst eine Erwiderung ans die beiden ersten Punkte, indem sie unter „Letzte Nachrichten" einerseits die Sendung von Hilfsmitteln an die Juden von Chiraz in Persien, deren Viertel verwüstet worden ist, und in Tripolis, wo die Cholera wütet, berichtet, und anderseits die Intervention der Alliance bei dem französischen Ministerium des Auswärtigen zu Gunsten der verfolgten Inden in Chiraz erwähnt. Wir können hinzufügen, daß wir, seitdem Sie diese Notiz veröffentlicht haben, unseren beklagenswerten Brüdern jener Gegenden neue Hilfsmittel überwiesen haben. Aber mehr als jede Erörterung mögen Zahlen beweisen; erlauben Sie uns, an dieser Stelle eine kurze Uebersicht zn geben über die Mittel, die wir seit einigen Jahren für das eigentliche Unterstütznngswesen .aufgewendet haben. 1. Für die Juden in Rußland: von 1881—1890 . 2.021.000 Fr. von 1890—1900 . 1.214.000 Fr. von 1900-1910 . 2,187.790 Fr. 2. Für die Juden in Rumänien: von 1900—1910 . 1,829.450 Fr. 3. Für die Juden in Persien: (nur für Unterstützungen seit 10 Jahren) . . 58.000 Fr. 4. Für die Inden in der Türkei: (nur für Unterstützungelt von 1890 bis 1910) . 289.000 Fr. 5. Für die Inden in Marokko: von 1890—1910 . 390.000 Fr. 6. Wir übergehen die beträchtlichen Opfer, welche zur "Bekämpfung des Antisemitismus in seinen verschiedenen Aenßerungen und in den verschiedenen Ländern, besonders in Deutschland und besonders in Sachen der Ritnalmordanklage, aufgelvendet worden sind. Wenn wir es nicht für zweckmäßig erachten, alle diese Ausgaben in unseren Jahresberichten zn veröffentlichen, so geschieht es besonders deshalb, weil die Alliance von gewissen Regierungen, welche die Israeliten unmenschlich behandeln, als eine politische Macht betrachtet wird, und schon die Tatsache unserer Intervention an sich, die selbstverständlich keineswegs politischer, sondern einzig und allein charitativer Natur ist. könnte ungerechte Verdächtigungen erwecken gerade gegen diejenigen, denen wir Helsen wollen. B) Was die diplomatische Aktion betrifft, so machen wir von derselben immer Gebrauch, wenn Fälle von Unterdrückung zu unserer Kenntnis gebracht werden. Wir können versichern, daß wir zu diesem Zwecke mit dem französischen Ministerium des Auswärtigen in ununterbrochener Verbindung stehen, daß wir gleichzeitig bei dem Foreign Office in London, bei dem Ministerium des Auswärtigen in Italien, um von den anderen ganz zn schweigen, Schritte tun lassen. Wir haben seit 30 Jahren niemals ansgehört gegen die Verletzung des Berliner Vertrages durch Rumänien betreffs unserer Glaubensgenossen .zu protestieren; erst vor wenigen Monaten haben wir aufs neue die Gelegenheit ergriffen, mehrere Signatarmächte dieses Vertrages mit dieser Frage zn befassen. Endlich hat sich unsere Tätigkeit ohne Unterbrechung erstreckt auf die Juden in Marokko, in Persien, in Tunis, in allen Ländern, wo wir einige Aussicht .haben, ihre rechtliche und materielle Lage zu verbessern. Diese Tätigkeit setzen wir methodisch und unablässig fort, aber die Kanzleien haben uns mehr als einmal zn verstehen gegeben, daß die Freiheit des Handelns und die Wirksamkeit unserer Maßnahmen durch eine vorzeitige oder ungeeignete Veröffentlichung hinlertrieben werden könnte. 0) Wenn unsere Schulen eine so beträchtliche Ausdehnuug annehmen konnten, wie wir sie in unserem letzten Jahresbericht augezeigt haben — im Jahre 1895 betrug deren Zahl 70. Ende 1909 war sie 149 — so ist der Grund darin zu suchen, daß uns die Mittel für das Schulwesen von edelmütigen Menschenfreunden ausschließlich zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt wurden, und wir haben nicht das Recht, sie anderweitig zu verwenden. Genehmigen Sie. Herr Chefredakteur, die Versicherung unserer vorzüglichsten Hochachtung Der Sekretär, Jacques B i g a r t. Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormarstichen Zeilen. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) In ähnlicher Weise äußerte sich vor nicht langer Zeit der rühmlichst bekannte Professor Dr. Adolf Baginsky, Direktor des Kaiser und Kaiserin Friedrich-Kinder-Krankenhanses in Berlin in seinem Vorträge: „Die hygienischen Grundsätze der mosaischen Gesetzgebung." In demselben heißt es unter? anderem: „Dieses Nahrnngsgesetz. das nicht bloß hygienisch im! schroffen Gegensatz zum Molochimb Baalknltns entstanden, äußert sich in vier Hanplkategorien: 1. Verbot des Blntgenusies; 2. Verbot gewisser unreiner Tiere; 3. die Berührung mit Kadavern — selbst Herd und Ofen, die mit ihnen in Berührung gewesen, müssen uiedergerissen werden und 4. Verbot des Genusses von gefallenen und zerrissenen Tieren. Die Bedeutung ' des Verbotes von Blntgennß ist"grvßtenteils kultisch, da es im j Gegensätze zum Baaldienfte, der in manchen Fällen sogar den! Genuß von Menschenblut forderte, erlassen worden. Das Blut | sühnt auf dem Altäre die Sünden. Nebenher ist Blut auch einer! der wesentlichen Momente zur Zersetzung und zur schädlichen! Wirkltug der Nahrung. Von den unreinen Tieren ist das Schwein! zn einer besonderen historischen Bedeutung gelangt. Schon j Plutarch und Mauetho bezeugen, daß der Genuß von Schweinei fleisch den Aussatz (Lepra) befördert und vermehrt. Es ist nenerj dings sestgestellt worden, daß auch bei Raben und vielen anderen - der in der Bibel als unrein verbotenen Vögel sich ein tri ch i n e n- ■ ähnlicher Filloriawnrm i m Blute befindet, der j die schwersten Nierenerkranknngen Hervorrust. Unreine Fische, Mollusken und Kriechtiere sind, zumal in warmen Ländern, noch! heute dieselbe Gefahr wie vor Jahrhunderten, und aalartige! Geschöpfe, sowie Austern, erweisen sich auch in unseren Gegenden 1 als überaus gesundheitsschädlich. Es sei nur der gefährlichen Typhuskrankheiten gedachr, welche der Ansterngenuß so oft im i Gefolge hat. Der Fleischgenuß als solcher wurde zwar vom! alten Testamente gestattet, sicher aber nicht bevorzugt und die : Unmäßigkeil strenge verpönt. Schon der Umstand, daß er mit : den Opfern in Zusammenhang gebracht wird, ist eine Bel schränknng. Sehr bemerkenswert ist. daß das Fleisch über den j zweiten oder dritten Tag hinaus verboten ist; eine prophilaktische! Maßregel von allerhöchster Bedeutung. Erst die Forschungsi ergebnisse der allerjüngsten Vergangenheit über die Septis und j Antiseptis lassen eine Fülle von Vorschriften der mosaischen > Gesetzgebung in ihrer vollen geradezu überwältigenden, großj artigen Bedeutung erkennen" u. s. w. j Diesen seinen herrlichen Vortrag schließt Baginsky mit I folgenden bemerkenswerten Worten: ..Dies ist im kurzen Abriß j dasjenige, was ich als die hygienischen Grundznge der mosaischen j Gesetzgebung, soweit im Pentateuch enthalten sind. Ihnen wieder- > zngeben vermochte. Wir haben gesehen, wie mit gewaltigem Zuge! in voller, weiser Erkenntnis des ganzen menschlichen Wesens im j Dekalog die Gesetze festgestellt sind, welche das ursprünglich! hygienische, auf die Erhaltung der Menschheit bedachte, die j Grundlage der Ethik aller K u l t u r n a t i o n e n geworden sind