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Die Wahrheit · 1910-12-02 · Heft 47 (2.12.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 47 (2.12.1910)
Date
1910-12-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 47. Schönen. Ihm zunächst wirkt Herr Karl Freund, der Mann des guten Herzens. Was die Wiener Toynbeehalle geworden, ist vielfach auf das Konto dieses Mannes zu setzen. Seine Verdienste um diese Institution vollauf zu würdigen, bedarf es jedoch einer gewandteren Feder. Hier sollen bloß einige kleinere Züge registriert werden. Er war es, der die widerspenstigen, jugendlichen Elemente durch Liebe und Güte, und — Verabreichung von Geschenken zähmte und diese dahin führte, ihre freie Zeit dort zu verbringen, wo Licht, Bildung und Aufklärung verbreitet wird. Die Nachmittage an Soun- und Feiertagen für die arme Schuljugend, wo dieselbe bei Deklamationen bewirtet und mit Spielzeug, warmer Winterwäsche beleilt wird, ist mit eines seiner menschenfrenndlichen Werke. Inmitten seiner Toynbeebesncher fühlt sich Herr Freund am glücklichsten, hier leuchtet sein Aiuze, hier jubelt seine Seele, und alle Herzen schlagen ihm freudig entgegen. Unser Herr Freund! Der vielfach in Anspruch genommene hervorragende Gelehrte, Herr Professor Dr. Ehrmann, hält sich etwas mehr im Hintergründe. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß das Sekretariat in den bewährten Händen des Herrn Guido Fuchsgelb. Oberoffizial der Kultnsgemeiude. liegt, der als Leiter und Vortragender eine bedeutsame Stütze der Toynbeehalle ist. Auch der Rektor des Wiener theologischen Seminars, Herr Dr. Adolf Schwarz, ist ein warmer Freund, Gönner und Förderer der Institution der Toynbeehalle. Was die Vorträge betrifft, so sind die Leser dieses Blattes durch die wöchentliche Publikation des Programmes ans dem Laufenden erhalten. Daß die Vortragenden stets erstklassige Fachmänner sind, braucht nicht erst gesagt zu werden. Indem wir an diesem bedeutungsvollen Zeitabschnitte der Schöpfer der Toynbeehalle in Ehren gedenken, sei hiemit der dermaligen Leitung derselben Dank und Anerkennung gezollt. Jude» als Diplomaten. Minister und Politiker. (e*laW Wenn die Fürsten und die Regierungen Deutschlands auch bisher nur selten oder gar nicht hervorragenden jüdischen Männern die Stellungen eingeräumt haben, die sie ihrer Intelligenz, ihrer Bildung, ihren Leistungen nach beanspruchen konnten, so hat das deutsche Volk dies doch reichlich wieder wettgemacht, indem es viele Male deutschen Inden sein Vertrauen aussprach und in die Parlamente wählte. Au erster Stelle muß hier der hervorragende Jurist Martin Eduard v. S i m s o u genannt werden, der in der Paulskirche schon präsidierte und auch der erste Präsident des Reichstages im neuen Deutschen Reiche wurde. Man nannte ihn mit Recht „den geborenen Präsidenten". Er stand schon an der Spitze der Deputation, die Friedrich Wilhelm IV. vergeblich die Kaiserkrone anbot, und erschien auch 1870 an der Spitze des Präsidiums des norddeutschen Reichstages im Hatlptqnartier des Königs Wilhelm, um ihn im Namen des deutschen Volkes zu bitten, die Kaiserkrone zu übernehmen. Als das Reichsgericht in Leipzig eröffnet wurde, fand man in deutschen Landen keinen Würdigeren zum Präsidenten als ihn. Mit ihm hatten zur Zeit des Völkerfrühlings um ein einiges Deutschland gelämpft — um nur die hervorragendsten Namen zu nennen — die Juden Gabriel N i e ß e r und Johann I a k o b y, der damals auch das noch heute — vide Portugal — gültige Wort prägte: „Es ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen." Im Gegensatz zu diesen wahrhaft liberalen Männern stand der Konservative Friedrich Julius Stahl, der Schöpfer der Lehre vom „christlichen Staat", der von Geburt ebenfalls ein Jude war. Sodann müssen an bedeutenden jüdischen Politikern noch genannt werden : Ferdinand L a s s a l! e, der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, der aber auf durchaus nationalem Boden stand. Karl Marx, der prominente Philosoph und Sozialist, der Verfasser des Kommunistischen Manifestes, der Befürworter der Vereinigung der Proletarier aller Länder. Eduard La sker, der sich unvergängliche Verdienste um bir liberale Gesetzgebung der siebziger Jahre erworben hat. Ludwig'. B a m b e r g e r, der unermüdliche Kämpfe für die Goldwäh-- ruug. Max Hirsch, der bekannte Volkswirtschaftler und Mitbegründer der deutschen Gewerkvereine. Otto W o I f s k e h l, langjähriger zweiter Präsident der hessischen Ständekammer, der hervorragenden Anteil au dem Abschluß der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft hatte. Leopold S o u u e m a n n, der Begründer der „Frankfurter Zeitung", Ludwig L o e w e, der verdienstvolle Berliner Eisenindnstrielle. Der frühere Neichstagsabgeordnete Eduard B e r n st e i n, der bekannte Revisionist, der Verfasser der „Dokumente des Sozialismus". Gegenwärtig gibt es im Reichstag nur drei Herren jüdischer Konfession, die alle drei der sozialdemokratischen Fraktion angehören, nämlich die Abgeordneten Arlhnr S tadthagen und Ludwig Frank-Mannheim, sowie den greisen Führer der Fraktion Paul Singer. Von jüdischer Abstammung, aber getauft, sind die Abgeordneten Dr. Otto Aren t, der bekannte Verfechter des Bimetallismus, und Dr. Mngdan, eine Autorität auf dem Gebiete des Krankenkassenwesens. Der elftere gehört der Reichspartei, der zweite der Fortschrittlichen Volks- Partei au. Ans dem preußischen Abgeorduetenhause wären zu nennen : der Sozialdemokrat Paul H i r s cb und die Mitglieder der Fortschrittlichen Volkspartei Gerschel. Wolf-Lissa, Cassel, P e l t a s o h n, R o s e l, o w und L i p p ui a u n. Früher gehörte unter anderem dem Abgeordnetenhanse der bekannte liberale Politiker Münste rb er g-Danzig an, der sich auch auf der rechten Seite eines großen Ansehens erfreute. Der Landtagsabgeordnete und Gemeinderat Rechtsanwalt Dr. Albert Mayer in Ulm, der kürzlich im Altens von 58 Jahren gestorben ist, war der zweite I u b e, der in den w ü r l t e m b e r g i s ch e n Landtag gewählt wilrde. Auch der erste Jude (Pfeiffer) war Vertreter der Stadt Ulm. Mayer war einer der tapfersten und bestell Demokraten nicht bloß des schwäbischen, sondern des deutschen Landes. Seiner Zugehörigkeit zum Judentum hat er sich nicht geschämt. Schon als Kandidat für den Landtag hat er in seiner osienen Art erklärt: „Ich bin Jude . . ., wer mich deshalb nicht wählen will, soll es bleiben lassen." Als Politiker mit und ohne parlamentarischen Mandate sind natürlich in einer Reihe von deutschen Einzelstaaten, wie in dem Parteileben aller konstitutionellen Staaten, ja selbst in der Reichsduma des absoluten Zarenstaates eine große Anzahl, von Juden an hervorragender Stelle tätig. Berichtigung. Vom deutschen Bureau der „Alliance Jsraslite Universelle"' werden wir um Publizieruug folgender Berichtigung ersucht: In verschiedenen jüdischen Zeitungen wurden in letzter Zeit Angriffe gegen die Alliance Jsraslite Universelle erhoben. Die Straßburger Israelitische Wochenschrift brachte von ihrem Berliner Mitarbeiter unter der Ueberschrift „Die Umstimmigkeiten in der Alliance Jsraslite Universelle" einen Artikel in zwei aufeinanderfolgenden Numniern, in dem der Vorwurf erhoben wurde, daß die Alliance ihre ganze Tätigkeit nur dem Schulwerk znwende, während sie ihre Ausgabe „Ueberall für die Gleichstellung und für die Hilfe bedrängter Inden einzutreten" vernachlässige. Zwecks Richtigstellung dieser Angaben wurde von dem Generalsekretär der A. I. U. in Paris, Herrn Bigart, in der genannten Wochenschrift ein Schreiben veröffentlicht, das folgenden Wortlaut hat: Paris, den 13. November 1910. Herr Chefredakteur. Ihr Berliner.Mitarbeiter hat der Alliance Jsraslite Universelle und den gegenwärtig zwischen der Hauptleitung und der Deutschen Couferenzgemeinschaft schwebenden Fragen in den Nummern vom 3. und 10. November der „Wochenschrift" zwei Artikel gewidmet, in denen sich zahlreiche tatsächliche Jrrtümer finden. Wir wollen heute nur die wesentlichen Punkte derselben einer Besprechung unterziehen.

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