Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 47 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Die Wahrheit Nr. 47. Seite 6 Phantastereien und gewagten Experimente in der Verwaltung entschieden ab lehnen. In den Wählerversammlungeu, in welchen erfreulicher Weise der Radau zurücktrat und die sachliche Diskussion der einzelnen Verwaltungsfragen die Oberhand behielt, traten aber auch manche Erscheinungen zu Tage, die vollste Beachtung seitens des Kullusvorstandes verdienen. Es haben sich einerseits viele Stimmen für eine wenn auch nicht allzu radikale Erweiterung .des Stimmrechtes, für Erweiterung des Wirkungskreises der Bezirkskommissionen, für die Abschaffung jenes odiosen, die Wählerliste fast um 50°/0 kürzenden Paragraphen erhoben, anderseits wurden von ganz ernster Seite gegen den Religionsunterricht, gegen einzelne Organe des Radbinates und andere Organe der Kultusgemeiude Rekriminatiouen laut, über die man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen kann, und es ist zu hoffen, daß der Kultusvorstand aus diesen Wünschen, Beschwerden und Anregungen die richtigen Konsequenzen ziehen wird. Im Nachstehenden veröffentlichen wir das Wahlresultat, wie es in der öffentlichen Vertretersitzung vom 30. November verlautbart wurde: a) Wahl von acht Vorstandsmitgliedern für eine 6jährige Mandalsdauer. Anzahl der abgegebenen giltigeu Stimmzettel: 444 6. Die absolute Majorität beträgt daher: 2224. Diese haben erreicht die Herren: Dr. Markus Spitzer mit 303k. Stimmen Dr. Jakob Gugel „ 2994 Siegmund Kauders ., 2970 Richard Bettelheiw „ 2876 Karl Lemberg er „ 2867 „ Leopold Langer „ 2864 Jakob Gärtner „ 2831 Salomon Brod „ 2772 Die vorgenannten Herren erscheinen somit als gewählt. In der Minorität blieben folgende Herren: Adolf Brecher mit 1582 Stimmen. Dr. Jakob Kohn „ 1480 Dr. I s i d o r Schalit „ 1574 „ E m i l F r i e d „ 1482 „ Dr. Karl Pollak „ 1476 „ E i s i g T o r c z y n e r „ 1408 „ Hermann König „ 164 „ Hermann E l t b o g e n „ 163 „ Dr. Jakob Deutsch „ 151 „ b) Wahl zweier Vorstaiidsmitglieder mit 4jähriger Mandatsdauer: Anzahl der abgegebenen giltigeu Stimmzettel 4 3 8 7. Die absolute Majorität beträgt daher: 2194. Diese haben erreicht die Herren: Dr. Heinrich Schreiber mit 2776 Stimmen. Emanuel Grünwald „ 2351 „ Die vorgenannten Herren erscheinen somit als gewählt. In der Minorität blieben die Herren: Dr. A r n o l d K a r p l u s mit 1522 Stimmen. Dr. A l f r e d L a n z e r „ 1461 „ Dr. I a k o b D e u t s ch „ 520 „ e) Wahl eines Vorstandsmitgliedes mit 2 jähriger Maudalsdauer: Anzahl der abgegebenen giltigeu Stimmzettel: 4 3 7 3. Die absolute Majorität beträgt daher: ^187. Diese hat erreicht: . j Herr Dr. Anselm Halper» mit 277 (/Stimmen, welcher somit als gewählt erscheint. In der Minorität blieb Herr: Dr. Egon Zweig mit 1523 Stimmen. Eine t»ede«tsa»ne vermaltttngsgerichlliche Etttscheidlmgl. Ueber die Beschwerde der durch ihren Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn vertretenen israelitischen Kultusgemeiude Wien beim k. k. Verwaltungsgerichtshofe gegen die Entscheidung des k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 8. März 1909 betreffend die Besetzung eitler Schulleiterstelle in der Werderthorschule, dnrchgeführl in der öffentlichen, mündlichen Verhandlung am 22. September 1910, hat der Verwaltungsgerichtshof am 24. November 1910 unter der Nummer 9442 iu Stattgebuug dieser Beschwerde die augefochteue Entscheidung als gesetzlich nicht begründet aufgehoben. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn hatte bei der Verhandlung den Tatbestand in nachstehender Weise ausgesührt: Im Hause, I., Werderthorgasse 6 befand sich und befindet sich auch noch derzeit eine Mädchennub eine Kuabeuvolksschule. In der Mädcheuvolksschule fungierte der jüdische Lehrer Herr Philipp Brunner als Oberlehrer, der seinerzeit mit Rücksicht auf die gesetzlichen Bestimiuuugeu, wonach für die Konfession des Oberlehrers die Konfession der Majorität der Schulkinder au der betreffenden Schule maßgebend ist, als Oberlehrer bestellt wurde; an der Knabenschule fungierte der katholische Lehrer Andreas Rzehatfchek, welcher als solcher viele Jahre vor dieser gesetzlichen Bestimmung bestellt war und kraft der gesetzlichen Bestimmung auch weiter zu verbleiben chatte, wiewohl in beiden Anstalten die Schüler mosaischen Glaubens in überwiegender Majorität, zeitweilig im Verhältnisse */3 zu 1/3 sich befanden. Am 25. Jänner 1904 starb Oberlehrer Brunner, zu welchem Zeitpunkte die Mädchenschule 227 jüdische und 175 christliche Schulkinder hatte. Nach den gesetzlichen Bestimmungen war sofort bie Schulleiterstelle auszuschreiben, und zwar iu der Art, daß der betreffende Oberlehrer den Subsidiarunterricht in der Religion der Majorität der Schulkinder zu erteilen befähigt sei. Diese Ausschreibung erfolgte nicht und es wurde im Gegensätze zu einem diesbezüglichen Normalerlasse des Landesschulrates nicht ein jüdischer Lehrer, sondern eine katholische weibliche Kraft mit der Leitung der Schule provisorisch betraut. Vielfache Urgenzeu der Kultusgemeinde an den Landesschulrat und sohin die Urgenzeu des Landesschulrates an den Bezirksschulrat blieben ohne Erfolg. In der Zwischenzeit wurde, da der Oberlehrer Andreas Rzehatfchek damals schon nahe an 80 war, 56 Dienstjahre hatte und schon mehr als drei Jahre fortlaufend beurlaubt war, der Diensttausch dieses Oberlehrers mit einem jungen Oberlehrer im XVIII. Bezirke vom Stadtrate genehmigt, welche Genehmigung über Eingabe des Kultusvorstaudes vom Landesschulrate aufgehoben wurde. Nachdem dieser Dienstlausch also nicht gelang, wurde der katholische Lehrer Johann Wese für den beurlaubten Andreas Rzehatsche als Provisor bestellt, in der Zwischenzeit die Klassen iu den beiden Schulen in der Werderthorgasse durch Auflassung von Parallelklassen so reduziert, daß nach den Bestimmungen des Gesetzes die Mädchen- und die Knabenschule in der Werderthorgasse unter gemeinsamer Leitung gestellt werden konnten, welche gemeinsame Leitung dem Provisor Johann Wese überlassen wurde. Es wurde aber weiters eine Aenderung des Schulsprengels durch die Verkleinerung desselben vorgenommen, es wurden jüdische Kinder ausgeschnlt, und trotzdem stellte sich für die Zeit vom Schuljahre 1901/02 bis 1904/05 noch immer der Durchschnitt auf 389 jüdische Kinder gegen 335 christliche Kinder. Am 10. April 1906, nachdem in diesem Schuljahre die Zahl der Kinder mosaischen Glaubens auf 126 Knaben und 146 Mädchen, zusammen auf 272 gesunken, die Zahl der Kinder christliches Konfession auf 150 Knaben und 271 Mädchen, zusammen 421 gestiegen war. wurde ein Konkurs behufs Besetzung der Oberlehrerstelle an der allgemeinen Volksschule für Knaben und Mädchen in der Weise verlautbart, daß ein Oberlehrer mit der Fähigkeit zum Subsidiarunterricht in der katholischen Religion verlangt wurde. Ueber Rekurs des Kultusvorstandes wurde diese Ausschreibung sistiert und dem Bezirksmm