Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 47 (2.12.1910)
- Date
- 1910-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 47. Die Wahrheit Seite 5. mies Angesichtes.sein Brod zu verdienen — mit Abweisung jeder frommen Wohllätigkeilsspende — nach den Worten des Psalmisten: So du deiner Hände Mühe genießest, heil dirl Es muß das Streben der Einzelpersonen nne der Gemeindeorganisationen dahin gerichtet sein, den jüdischen Handwerkerstand auf eine möglichst breite Basis zu stellen, aber nicht etwa das Gewerbe der Goldschmiede und sonst leichte Arbeiten, die eine Kinderhand anfertigen könnte, sondern Gewerbe, die schwere Arbeit verlangen, wie das der Schlosser und Schmiede, Steinmetzer und dergleichen. Gewerbe die volle körperliche Rüstigkeit verlangen, müssen gefördert werden. Also nicht die Hand aushalten, sondern stnflegen dort, tvo bis nun nicktjüdiscke Arbeiter ihr Brod verdienen — in jüdischen Preisen. Unsere armen Brüder und Schwestern haben ein Anrecht auf Arbeit, nach dem mosaischen Gebote, das da lautet: „Laß deineu Bruder mit dir leben." Und gerade gegen dieses uralte und ewig unvergängliche Gebot wird jüdischerseits in Galizien gesündigt und das jüdische Glend'mitverschuldet. Heißt das uicht den Beitel und die Unmoral in Galizien züchten, ich führe als Beispiel nur die Lemberger Verhältnisse an. wenn unter 50X00 jüdischen Bewohnern etwa 20.000 Anmeldungen auf Mazoth und Gelduntersiützungen bei der Gemeinde einlaufen? Dieser verhängnisvollen Zahl stehen folgende Eiunahmsguellen aus jüdischen Kreisen gegenüber, die bisher nur der gutantisemitisch-christlichen Arbeiterklasse zustatten kamen. Zunächst gibt es etwa 5000 jüdische Realitäten, deren Hausbesorger Christen sind, die ein Monatseinkommen und freies Quartier beziehen. Nimmt man je eine Familie von 4 Personen, so haben wir 20.000 Menschen, welche an Einkommen von Juden eine viel größere Summe beziehen, als der Kultusvorstand zu leisten je in der Lage sein wird. Diesem Personale, das au Würdigkeit und Verläßlichkeit viel zu wünschen übrig läßt, schließen sich die Dienstboten aller Kategorien an, welche jenen würdig zur Seite stehen. Diese inneren Antisemiten erfahren in jüdischen Häusern eine Behandlung, welche kein christliches Haus aus Prinzip den Dienstboten gegenüber angedeihen läßt. um. wie sie sagen, das Gesinde nicht zu demoralisieren. Es ist allenthalben unter den Christen verbietet, daß die bei Juden dienenden Individuen demoralisiert xtiib unbotmäßig werden, daher in keinem christlichen Hause Aufnahme finden. Leider steht uns die Zahl der Dienstboten nicht zu Gebote; uehmeu wir dieselbe aber mit miudesteus 10.OOO an, welche einen Monatslohn von ö—10 fl. und darüber beziehen, während jüdische Mädchen ans Not und Elend dem Schandgewerbe zum Opfer fallen, so haben wir wiederum eine Summe von vergeudeter Kraft zu beklagen, welche unseren jüdischen Kindern entgeht. Nimmt man diese zwei Quellen in Galizien für unser Volk in Anspruch, dann würde es sich sofort ergeben, daß das gegenwärtig herrschende Elend um mindestens 60—70^ ohne fremdländische Beihilfe herabgedrückt werden kann. Wir haben bisher bloß zwei Dienstkategorien vorgeführt, wie viele andere gibt es aber noch, welche von Juden ausgefüllt werden könnten und so der Armut und dem Erwerbmangel steuern würden. Könnte nicht die jüdisch-galizische Kaufmannschaft mit ihrem durchgehend jüdischen Dienstpersonale vorbildlich für diese Hilfsaktion sein, oder könnten nickt die Polen selbst mit ihrer Ausschließung jedes jüdischen Bedienstetenpersonales uns nicht auch zu gleicher Tätigkeit aneifernd Und wie viele jüdische Wirtschaftskrämereien hat die Kolk« rolnicze begründet und wie viele jüdische Familien zu Grunde gerichtet? Iudenhände in Esaushände zu metamorph o s i e r e u, sei unsere L o s u n g. Der Handwerkerstand mutz durch die große Zahl seiner besten jüdischen Repräsentanten eine dominierende Stellung in der jüdischen Gesellschaft einuehmen. Wie viele Millionen Kronen fließen in der gegenwärtigen Bauperiode von jüdischen Bauherren und Bauunternehmungen in die antisemitischen Taschen, während man nur vereinzelt jüdische Bautechniker, Ingenieure, Bauführer 2c. findet. Und dazu kommen noch die vielen Baugeioe'be. wie Bautischler, Schlosser und Steinmetze. soll denn das jüdische Handwerk mit dem jüdischen Schuster und Schneider schließen? Es gibt also für unsere Erhebung aus dem materiellen Elende Abhilfe auf dem kurzen Wege von der Hand in den Mund — durch physische Arbeit. Schließen wir damit das Kapitel der Selbsthilfe ab und wenden wir uns der Frage zu, welche Hilfstätigkeit unsere auswärtigen Hilfsvercine in Galizien zu entwickeln haben? Noch hatte das galizisch-jüdische Elend eine derartige Ungeheuerlichkeit nicht erreicht, noch hatte der urwüchsige polnische Antisemitismus sich nicht in die heutige positiv-verderbliche Form umgesetzt, noch waren die Allpolen nickt vor die Stufen des allerhöchsten Thrones und zu Miuisterfauteuils gelangt, als wir 1873 ein offenes Auge hatten für die Dinge, welche da kommen werden. Im politischen Verein „Schomer Israel" in Lemberg erörterten wir dazumal die notwendige Reorganisation der jüdischen Gemeinden in Galizien auf moderner und doch urjüdischer Basis: Lehre, Arbeit, Humanität. Ter Jude begann Besitz zu ergreifen vom flachen Lande und seinen Produkten, schon sah man Juden in Bekesche hinterm Pfluge ihren Acker bestellen; da betonten wir die Dringlichkeit der Eroberung des flachen Landes durch Gründung einer Parzellierungsgesellschaft zum Ankäufe der Güter des verarmten Adels. Allein man applaudierte unseren Gedanken. zur Ausführung aber gelangten dieselben bis zrn- Stunde nicht. Noch besaßen die galizischen Juden keine Millionäre, nun besitzen wir etwa ein Dutzend solcher Mamonbeguadeter. Und nun geschah das Wunderliche, eine christliche Gesellschaft brachte dieses Werk zustande und saugt den galizischen Boden auf. Die Kolk« rolnicze mit ihren zehntausend Kleinhandluugeu auf dem flachen Lande unter Assistenz der Geistlichkeit und der Dorfpolizei haben die jüdischen Geschäftsleute und Krämer unmöglich gemacht, somit den Produktenhandel der Vermittlung jüdischer Verkäufer entrissen. Dazu noch das neueste Schänkergesetz, welches tausende jüdische Schänkerfamilien aus ihrem Erwerbe drängt zum Gaudium der Antisemiten und der Klerikalen, welche mittlerweile unbehelligt auf Seelenfang ausgehen. Wer sieht nicht, was da kommen muß. Wohin mit unseren Volksmassen? Wer soll dieselben unter Dach und Fach bringen? Die paar galizischen Millionäre etwa, die noch immer nicht satt genug sind, und in eine Hilfsaktion energisch und zielbewußt eingreifen sollten? Bei diesem verhängnißvollen Walten der judenfrefserischen Allpolen bleibt uns der Trost im Hinblicke auf die tote und doch lebendige Bruderhand des sel. Baron Hirsch und ähnliche Bruderorganisationen, welche ihr Bestes entsetzen werden, um dieser großen Judennot zu steuern. (Schluß folgt.) * . * * In der letzten Nummer hat sich in der 1. Spalte, 8. Zeile von unten, ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Es soll statt 23 jüdische Abgeordnete richtig heißen: 2—3 jüdische Abgeordnete. Die Wiener Knitnswahlen. Der Kampf um die 11 erledigten Mandate in den Wiener Kultusvorstand ist nunmehr entschieden und hat den wohl von niemandem bezweifelten Sieg der gefammten offiziellen Liste gebracht. Allerdings kann die Opposition, die diesmal mit einer überaus rührigen Agitation einsetzte und am Wahltage eine große Schaar jugendlicher männlicher und weiblicher (!) Agitatoren in alle Bezirke aussandle, aus eine erhebliche Steigerung ihrer Stimmenzahl gegen die letzte Wahl Hinweisen, aber dieses Plus ist keineswegs auf die werbende Kraft ihres Programmes, sondern zum großen Teile aus verschiedene Mißstimmungen im offiziellen Lager zurückzusühren, die wir schon in voriger Nummer charakterisierten. Trotzdem die Wahlbeteiligung gerade in offiziellen Kreisen eine bed«"^eud geringere war wie bei früheren Anlässen, spricht doch da ^otnm der Wählerschaft klar und deutlich dafür, daß die Mit^ -rr der Kultusgemeinde in ihrer Mehrzahl wohl eine fortschreit ', ruhige und friedliche Entwicklung in der Gemeinde wünschen. er die persönliche Hetze, den Angriff auf die Ehre und das lsehen der Gemeinde verurteilen und auch alle